Tramstreit – die zweite Runde

Eine politisch breite Allianz kämpft in der Stadt Bern für ein Tram nach Ostermundigen und empörte Bürger dagegen. Doch entscheidend ist wohl erst die kantonale Abstimmung im Frühling.

Vera Weber (Dritte von links) unterstützt das Bürgerkomitee gegen die Tramvorlage.

Vera Weber (Dritte von links) unterstützt das Bürgerkomitee gegen die Tramvorlage.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Simon Thönen@SimonThoenen

Der Auftakt zum Abstimmungskampf erfolgte fast zeitgleich. Im Abstand von nur einer Stunde informierten Befürworter und Gegner einer neuen Tramlinie von Bern nach Ostermundigen die Medien. Der Abstimmungskampf dürfte kurz und intensiv werden, denn bereits am 26. November stimmt das Stadtberner Volk über die Tramvorlage ab. Es ist eine Reprise des Streits um «Tram Region Bern» vor drei Jahren, da es sich um eine verkleinerte Version desselben Projekts handelt (siehe Box).

Und wieder tobt der Kampf ums Tram. Was ist Ihre Meinung? Wie beurteilen Sie das aktuelle Projekt für ein Tram nach Ostermundigen? Muss es angepasst werden? Braucht es überhaupt ein Tram?Diskutieren Sie mit auf unserer neuen Community-Plattform «Stadtgespräch».

Damals, 2014, votierten die Stadtberner mit 61 Prozent Ja-Stimmen für das neue Tram – doch die Könizer und Ostermundiger lehnten ab. Im zweiten Anlauf stimmte das Ostermundiger Volk 2016 aber doch für das Tram und lancierte damit die Neuauflage einer Linie zumindest zwischen Ostermundigen und Bern. «Ostermundigen will, Bern sowieso», lautet nun selbstbewusst der Slogan der Befürworter des neuen Trams. Sie wollen in der Stadt möglichst klar gewinnen. Denn dies wäre ein Signal für die folgende Abstimmung auf kantonaler Ebene. Ein Komitee um SVP-Grossrat Stefan Hofer hat das Referendum gegen den Kantonsbeitrag fürs Tram ergriffen.

Routiniers gegen Aufgebrachte

Die Stärke des Ja-Lagers ist seine politische Breite von den rot-grünen Parteien bis zu den Freisinnigen sowie vom WWF bis zum Wirtschaftsverband HIV. Entsprechend breit ist die Argumentation. Wer die Vorlage aus wachstumskritischen Gründen ablehne, «verwechselt Trams mit Porsches», sagte GB-Stadträtin Rahel Ruch. Denn das Tram decke «ein legitimes Bedürfnis einer Mehrheit der Bevölkerung» nach einem «anständigen ÖV» ab – anstelle der «überfüllten Busse», welche heute zwischen Bern und Ostermundigen verkehren. Für Adrian Haas, HIV-Direktor und FDP-Fraktionschef im Grossen Rat, ist die Tramlösung «keine ideologische Frage, sondern rational begründet». Eine gute Verkehrsinfrastruktur sei ein wichtiger Standortfaktor für die Wirtschaft.

Ganz anders war die Stimmung bei den Gegnern beim Schosshaldenfriedhof. Ursprünglich hatten sie zu einer «Abdankung» eingeladen, verzichteten dann aber auf die Trauerfeier. «Abdanken muss entweder diese Tramvorlage oder die Baumallee hier», betonte Urs Dürmüller dennoch. Das Schicksal der Baumalleen an der Ostermundigen- und Viktoriastrasse war der Auslöser für den Bürgerprotest gegen das Tram. Ein erheblicher Teil der Alleebäume würde für die Bauarbeiten gefällt. Zwar würden dafür später junge Bäume gepflanzt – insgesamt sogar mehr als heute. Doch der Charakter der alten Allee werde zerstört, finden die Gegner.

Vera Weber gegen WWF

Die Handvoll Veteranen des Kampfs gegen ein Tram durch die Allee erhielt prominente Unterstützung durch Vera Weber. Die Präsidentin der Fondation Franz Weber, bekannt durch ihre Initiative gegen Zweitwohnungen, hielt ein Plädoyer für die «einzigartige» Allee. «Ein vitaler historisch alter Baum ist ein unersetzliches Biotop», betonte Weber, «ein neuer Baum ist kein Ersatz, es sei denn, man wartet Jahrzehnte.» Weber hatte schon 2014 die Gegner der Tramvorlage unterstützt.

«Das Fällen alter Bäume ist schmerzhaft», sagte auch Martin Trachsel vom WWF Bern an der Medienkonferenz der Befürworter. Dennoch habe der WWF nach intensiver Diskussion entschieden, die Tramvorlage zu unterstützen. Weil die Alleen wieder aufgeforstet werden, vor allem aber, weil das Tram aufs Ganze gesehen gut für die Umwelt sei. «Ein Nein führt zu mehr Bus- und Autoverkehr, mehr Lärm und Treibhausgasen.»

Die Gegner der Vorlage sagen, sie seien keine grundsätzlichen Tramgegner. Die Linie dürfe aber weder durch die Allee noch durch die Altstadt führen, die bereits jetzt vom ÖV überlastet sei. Jürg Schweizer verwies auf alternative Linienvorschläge der Gegner. Den Behörden werfen sie vor, Alternativen nicht geprüft zu haben und falsch zu informieren. Ihr Slogan: «Kein Falschspiel auf Kosten von Bern». Für die Befürworter dagegen stimmt die Linienführung, weil sie dort durchgeht, wo viele Leute wohnen und arbeiten. Die ÖV-Situation in der Altstadt bleibe mit dem neuen Tram gleich, weil künftig die 12er-Buslinie aus den Hauptgassen in die Bundesgasse verlegt werden soll. Das Ja-Komitee will für seine Kampagne 20'000 Franken aufwenden, die von Parteien und Organisationen stammen. Das Bürgerkomitee gegen die Vorlage hat, sagt Dürmüller, «kein Budget gemacht». Man verlasse sich auf Engagement und Spenden. 5000 Franken will die Fondation Franz Weber spenden.

Doch die städtische Abstimmung ist wohl nur das Vorspiel. Falls die Stadtberner das Tramprojekt erneut gutheissen, wird der Entscheid in der kantonalen Volksabstimmung im Frühling fallen. Hier will SVP-Grossrat Stefan Hofer die Führung der Gegner übernehmen. Er rechnet mit Kosten von knapp 50'000 Franken (für Unterschriftensammlung und Kampagne) – und will selber dafür aufkommen. «Ich werde dies aus meinem eigenen Vermögen finanzieren», kündete er auf Anfrage an.

Und wieder tobt der Kampf ums Tram. Was ist Ihre Meinung? Wie beurteilen Sie das aktuelle Projekt für ein Tram nach Ostermundigen? Muss es angepasst werden? Braucht es überhaupt ein Tram?Diskutieren Sie mit auf unserer neuen Community-Plattform «Stadtgespräch».

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