Tonnenschwere Geburtstagsglocke

Die Grosse Glocke im Berner Münster feiert ihren 400. Geburtstag: Am 14. September 1611 war sie im Berner Giesshaus gegossen worden. Sie ist die grösste und schwerste Kirchenglocke der Schweiz.

Der Glockenkenner Matthias Walter schwärmt vom handwerklichen Ensemble der Grossen Glocke.

Der Glockenkenner Matthias Walter schwärmt vom handwerklichen Ensemble der Grossen Glocke.

(Bild: Adrian Moser)

Sie ist zwar nicht die älteste, aber die grösste und schwerste Glocke der Schweiz: die Grosse Glocke des Berner Münsters, die seit 400 Jahren die tiefe, samtige Bassstimme im siebenteiligen Münster-Geläute ist. Seit 1944 wird der elegant geformte, 9,5 Tonnen schwere Bronze-Glockenkoloss elektrisch geläutet, vorher waren jeweils acht Glöckner damit beschäftigt, ihn mit Seilen in Schwung zu bringen. Nun feiert man seinen 400. Geburtstag.

Der Kunsthistoriker und Glockenexperte Matthias Walter spricht «von einem herausragenden Guss – klanglich-musikalisch, von der Glockenverzierung her und auch in Bezug auf ihre Grösse und ihr Gewicht». Die Grosse Berner Münsterglocke brauche Vergleiche mit den berühmten Glocken im Erfurter Dom, im St. Veitsdom in Prag und in den Kathedralen Notre Dame in Paris und St-Etienne in Sens nicht zu scheuen.

Das handwerkliche «Ensemble»

Es sei allein schon beeindruckend, dass ihr Klang seit vier Jahrhunderten unverändert über Bern erschalle: «Sie stammt aus der Zeit Galileis und Shakespeares und ist immer noch in sehr gutem Zustand. Wenn man sie weiterhin behutsam läutet, kann sie noch lange erklingen.» Wertvoll und besonders einzigartig sei das gesamte handwerklich solide und kunstvoll gefertigte ursprüngliche «Ensemble», also auch der historische Klöppel, der Glockenstuhl und das hölzerne Joch mit seinen wunderschönen Eisen-Beschlägen.

Das hohe Alter der Glocke sei nicht selbstverständlich, sagt Walter. Dies zeigten Vergleiche mit andern Glocken oder auch mit ihren Vorgängerglocken: Die 1506 gegossene erste Grosse Münsterglocke sprang nämlich nach wenigen Jahren. 1516 wurde sie eingeschmolzen und vom berühmten Giesser Georg Guntheim («Jerg zu Strassburg») neu gegossen. Doch auch die Nachfolgerin überdauerte kein Jahrhundert. Am 14. September 1611 wurde die neue Grosse Glocke im Berner Giesshaus (am heutigen Bollwerk) gegossen – vom Berner Giesser Abraham Zender, einem Schüler des Veltliner Glockengiessers Franz Sermund, und seinem Zürcher Kollegen Peter Füssli. Sie wiegt etwa 9,5 Tonnen und ist weltweit die schwerste historische Glocke einer evangelischen Kirche.Laut Matthias Walter hat man ihr damals mit ihren Renaissance-Dekorationen «ein betont weltliches Gepräge» gegeben – mit Wappen, tanzenden Bären und Masken mit herausgestreckten Zungen. Christlich sei nur die lateinische Inschrift. Sie zeuge «von grober Verachtung gegenüber dem vorreformatorischen Zeitalter» und sei vermutlich vom damaligen Münsterpfarrer in Auftrag gegeben worden: «Einst diente ich nichtigen Götterkulten, wie dies blinder Aberglaube bestimmte. Nun aber heissen mich wahrer Glaube, Frömmigkeit und Religion dienen, Christus, Deiner Ehre allein.»

Harmonisch dagegen ist ihr Klang, auch zusammen mit den übrigen Münsterglocken. Walter: «Sie ist im Tonaufbau klassisch, die Klangfarbe ist nicht glatt oder rau, wie man erwarten könnte, sondern eher samtig.» Und statt dröhnend und gewaltig wirke sie auf ihn «edel und ruhig». Die Grosse Glocke wird vorwiegend sakral eingesetzt. Sie läutet jeweils die Sonntags- und Festgottesdienste des Berner Münsters ein und ist, wie Walter sagt, «auch das klangliche Fundament im Sonntagseinläuten am Samstagabend».

Der Bund

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