Teuscher nimmt neuen Anlauf in der Schulraumplanung

Die Stadtberner Bildungsdirektion will sich nicht mehr länger von den steigenden Schülerzahlen überraschen lassen.

Blick in den neuen Schulpavillon Sulgenbach, der im August 2015 eröffnet wurde. Für den Pavillon auf dem Schulareal musste der Kindergarten abgerissen werden.

Blick in den neuen Schulpavillon Sulgenbach, der im August 2015 eröffnet wurde. Für den Pavillon auf dem Schulareal musste der Kindergarten abgerissen werden. Bild: Manu Friederich

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Bisher hat es vor allem Schelte gegeben: «Die Schulraumplanung ist eine chaotische Angelegenheit», sagte Michael Steiner (GFL) Ende Januar im Stadtparlament. Damals ging es um einen Kredit über mehr als vier Millionen Franken für sechs Klassenzimmer in sogenannten Modulbauten im Wyssloch.

Das Beispiel ist insofern repräsentativ, weil darin zwei Schlüsselbegriffe der aktuellen städtischen Schulraumplanung vorkommen: «provisorisch» und «Modulbau». Letzteres ist ein beschönigender Ausdruck für eine Fertigbaute, die bisher als «Container» bezeichnet wurde.

Der Grund für die Installation zahlreicher Container, die nun in verschiedenen Quartieren platziert werden, ist der überraschend starke Anstieg der Schülerzahlen, von dem das Schulamt offensichtlich überrumpelt wurde.

Bis 2020 rechnen die Behörden mit durchschnittlich 14 neuen Klassen à 20 Schülerinnen und Schülern pro Jahr, wie am Mittwoch die Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS) an einer Medienorientierung mitteilte.

Laut Bildungsdirektorin Franziska Teuscher (GB) wären elf neue Normschulhäuser und zehn Turnhallen nötig, um diesen Bedarf zu decken. «Wir müssen theoretisch elfmal den Bundesplatz mit Schulhäusern und Turnhallen bebauen», sagte Teuscher.

Beamte geben Ball an Berater weiter

Da die Stadt nicht über derart grosse Ländereien verfügt, ist die Planung gefordert. Was bisher das Schulamt unter dem eher sperrigen Titel «Richtraumprogramm» selber erledigt hatte, soll nun das Zürcher Planungsbüro Basler und Hofmann richten.

Es kam in einem Pilotprojekt für den Stadtteil Breitenrain-Lorraine zum Schluss, dass am Schulstandort Spitalacker/Breitenrain zusätzlicher Schulraum geschaffen werden muss.

Der Befund wurde bereits letzten September publik, als der Gemeinderat das bereits planungsfertige Bauprojekt zur Erweiterung der Schulanlage Spitalacker wegen einer «überdurchschnittlich höheren Geburtenrate» im Quartier gestoppt hatte.

Der Gemeinderat hat das Büro nun beauftragt, das Potenzial aller Schulanlagen in der Stadt zu analysieren und lässt sich dies 225'000 Franken kosten. Das finanzielle Volumen für die Sanierung und Erweiterung von Schulbauten in den Jahren 2017 bis 2024 beträgt insgesamt 500 Millionen Franken.

Aussenraum ist ebenso wichtig

Bildungspolitiker von GFL und SP begrüssen den neuen Schub in der Schulraumplanung. Stadtrat und Lehrer Manuel Widmer sieht Gefahren bei der reduktionistischen Definition von Schulraum, den die Stadt anwende. «Es geht um mehr als eine Grundfläche mit vier Mauern und einem Dach.»

Schulraum dürfe nicht von anderem Schulraum isoliert werden. Die Qualität von Schulraum hänge auch von der Umgebung ab. So sei es mässig sinnvoll, Provisorien in Wohnungen oder Kirchen zu schaffen. Sonst komme es eben so weit, dass Kindgartenkinder in einem Garten neben einer Tankstelle ihre Pause verbringen müssten, sagt Widmer unter Anspielung auf den «Tankstellenkindergarten» im Schosshaldenquartier.

Die besten Experten für die Beurteilung der Schulraumqualität seien die Lehrer selber. In diesem Sinne sei es bedauerlich, dass die Meinung der Lehrkräfte bei der Potenzialanalyse nicht berücksichtigt werde, sagt Widmer.

Zumindest teilweise in eine ähnliche Richtung argumentiert SP-Politikerin Gisela Vollmer. Sie bemängelt, dass die Installation von Schulcontainern oft auf Kosten des Aussenraums einer Schule geschehe, wie dies etwa beim Schulhaus Munzinger der Fall ist. «Für die Kinder ist ein ausreichend grosser Aussenraum aber sehr wichtig.»

Laut Vollmer müsste die Schulraumplanung Teil der Stadtplanung sein, damit Wohnungsbau und Schulraumplanung aufeinander abgestimmt werden könnten. Zudem könnte dadurch die Entwicklung von Schularealen besser gesteuert werden.

«Die Schulen der Zukunft müssten mit ihren Küchen, Bibliotheken und Aulen vermehrt auch Quartierzentren sein», sagt Vollmer. Kritik grundsätzlicher Art kommt von der SVP: «Es geht nicht nur um Schulraum, sondern auch um die Strukturen», sagt Fraktionschef Roland Jakob.

In der Oberstufe gehe viel Schulraum verloren, weil die Klassengrössen oft viel zu klein seien. «Klassenschliessungen müssten da ein Thema sein.» Kritik übt Jakob auch an der Auslagerung der Potenzialanalyse an ein Planungsbüro.

«Diese Arbeit gehört zu den Kernaufgaben des Schulamts.» Die Prognose der Schülerzahlen werde jährlich aktualisiert. Der Anstieg der Schülerzahlen sei absehbar gewesen. «Warum diese Aufgabe nun an Dritte übertragen wird, ist mir schleierhaft», sagt Jakob. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2016, 07:08 Uhr

«Wir haben unser Ziel stets erreicht»

Frau Teuscher, warum hat Ihre Direktion erst jetzt das Schulraumpotenzial der einzelnen Schulkreise untersucht? Ist das nicht etwas spät?

Den Auftrag zur Untersuchung des Schulraumpotenzials haben wir bereits 2014 erteilt und 2015 auf alle Schulkreise ausgedehnt. Bis 2010 hatten wir in der Stadt Bern sinkende Schülerzahlen. Es bestand kein Grund, das Schulraumpotenzial von externer Seite kostenaufwendig abklären zu lassen. Erst seit 2012 ist klar, dass es sich dabei nicht nur um einen kurzfristigen Trend handelt.


Trotzdem: Warum erst jetzt?

Wir sind keineswegs erst jetzt dabei, Berechnungen anzustellen. Als klar war, dass es sich beim Schulraummehrbedarf um einen langfristigen Trend handelt, wollten wir diese Aufgabe an Fachleute delegieren, die bereits in anderen Gemeinden Schulhäuser und ihr Potenzial untersucht haben.

Durch die Untersuchungen des Ingenieurbüros Basler & Hofmann haben wir nun grössere Sicherheit, was unsere Schulraumplanung angeht. Die Stadt Bern hat also reagiert, als der Schulraummehrbedarf als gesichert galt: Wir haben innert kurzer Zeit die Organisation angepasst, Abläufe neu installiert, externe Experten beigezogen und die Politik mit ins Boot geholt. Und das Hauptziel haben wir stets erreicht: nämlich dass unsere Schülerinnen und Schüler und unsere Lehrkräfte ihren Unterricht in qualitativ gutem Schulraum haben.


Auch die Koordinationsstelle wurde relativ spät erst geschaffen. War
die Schulraumplanung lange Zeit eine «chaotische Angelegenheit», wie GFL-Stadtrat Michael Steiner einmal sagte?


Nein, vielmehr ist die Aufgabe sehr komplex. Ich habe gewisses Verständnis für die Kritik des Parlaments, wenn die Schulraumplanung plötzlich nicht mehr nach gewohnter Manier abläuft und aufgrund der stetig steigenden Schülerzahlen Anpassungen vorzunehmen und unter Zeitdruck Beschlüsse für zusätzlichen Schulraum zu fassen sind. Neue Stellen schaffe ich nicht auf Vorrat.


Warum haben Sie sie geschaffen?

Die neue Schulraumplanungsstelle haben wir geschaffen, als aufgrund der neuen Erkenntnisse zum Schulraumbedarf klar war, dass wir in diesem Bereich mehr personelle Ressourcen brauchen.

Die Aufgabe ist erst recht komplex, da wir in der Stadt Bern in einem dicht besiedelten urbanen Raum leben und es daher keine einfache Aufgabe ist, in bereits bestehenden Quartieren zusätzlichen Schulraum zu schaffen.
Interview: Eva Pfirter

Die Entwicklung der Schülerzahlen in der Stadt Bern (Klicken zum Vergrössern).

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