Bern hinkt hinterher

Mit der ersten Ganztagesschule ergänzt die Stadt Bern das familienexterne Betreuungsangebot. In Zürich gibt es bereits 6 solche Angebote und dort sollen es schon bald 30 sein.

Die Kinder der Kita Altenberg bekommen am Montag neue «Gspändli» des Ganztageskindergarten.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Die Kinder der Kita Altenberg bekommen am Montag neue «Gspändli» des Ganztageskindergarten.

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Christl

Am Montag beginnt für rund 1000 Stadtberner Kinder ein neuer Lebensabschnitt: der Kindergarten. 13 davon werden mit dem Eintritt in den Kindergarten auch gleich zu Pionieren. Denn sie besuchen den ersten städtischen Ganztageskindergarten in Bern, angesiedelt in der Kita Altenberg. Ähnlich ergeht es den Erstklässlerinnen und Erstklässlern im Schulhaus Stöckacker. Sie sind ab Montag die ersten Ganztagesschulkinder der Stadt Bern.

Zwar gibt es schon heute Betreuungsangebote für Schul- und Kindergartenkinder, bei den neuen Angeboten finden aber Betreuung, Mittagstisch und Kindergarten im gleichen Gebäude statt und sind durch ein pädagogisches Gesamtkonzept miteinander verflochten (siehe Box).

Mehr Chancengleichheit

Wie Franziska Teuscher bei der Präsentation ausführte, entsprechen die neuen Angebote einem Bedürfnis. Bei 60 Prozent der Familien mit Kindern unter sieben Jahren sind beide Elternteile erwerbstätig, Alleinerziehende nicht eingerechnet. «Ganztagesangebote erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf», sagt Teuscher. Laut der Vorsteherin der Direktion für Bildung, Sport und Soziales erhöhen solche Angebote auch die Chancengleichheit, etwa für Kinder aus bildungsfernen Familien.

So soll es denn auch nicht bei den zwei neuen Angeboten bleiben. In Bümpliz, im Spitalacker und im Wyssloch sind weitere Ganztagesschulen in Planung, und im Rossfeldquartier soll ein zusätzlicher Ganztageskindergarten entstehen. Der Stadtrat hat sich bereits positiv zu den Plänen geäussert.

In Zürich wirds zur Norm

Folgt nun nach der Velo- und der Wohnbauoffensive also eine Betreuungsoffensive? Kaum. Gerade im Vergleich zu Zürich hinkt Bern hinterher und zeigt auch nur wenig Ambitionen aufzuholen. «Das Ziel ist, dass es in ein paar Jahren in jedem Schulkreis eine Ganztagesschule hat», sagt Teuscher. In Zürich gibt es derzeit sechs Ganztagesschulen, in drei Jahren sollen es bereits 30 sein. Wer sein Kind nicht in eine Ganztagesschule schicken will, muss dafür ein Gesuch stellen. Das Zürcher Stimmvolk hat dem Projekt seinen Segen erteilt.

Für Teuscher kommt das für Bern nicht infrage. «Ich bin skeptisch, solche Dinge quasi von oben zu verordnen», sagt sie. Beim Ganztageskindergarten seien Schulkommission, Kita und Kindergarten hinter dem Projekt gestanden und hätten es gemeinsam entwickelt. «Das ist halt ein wenig komplizierter, dafür entsteht dann etwas richtig Gutes.»

Während das Angebot an Ganztagesschulen gemächlich ausgebaut werden soll, droht andernorts ein Leistungsabbau: Per August 2017 reduzierte der Kanton Bern seine Beiträge an Betreuungsplätze für Schüler und Kindergartenkinder. Die Stadt Bern sprang in die Bresche und übernahm den weggesparten Betrag. Ob dieses Angebot in Zukunft aufrechterhalten werden kann, ist aber fraglich, wie Alex Haller, der Leiter des Jugendamts der Stadt Bern, auf Anfrage sagt.

Der Grund liegt in der geplanten Einführung des Gutscheinsystems auf Ebene Kanton. Da der Systemwechsel kostenneutral erfolgen soll, künftig aber eine grössere Anzahl Eltern von Vergünstigungen profitieren können, rechnet die Stadt Bern mit Kompensationsmassnahmen. «Wir gehen davon aus, dass wir für die Tagesstätten für Schulkinder dem Kanton künftig weniger Geld verrechnen können», sagt Haller. Derzeit erarbeitet die Stadt eine Gesamtstrategie für die familienergänzenden Betreuungsangebote. «Die Eltern sollen dabei finanziell so gut wie möglich entlastet werden.»

Kita soll später schliessen

In der Gesamtstrategie geht es aber auch darum, bestehende Lücken im Betreuungsangebot zu schliessen. Vor allem die frühen Schliessungszeiten der Kitas bereiten vielen Eltern Mühe. Wie Teuscher sagte, suche die Stadt nach Möglichkeiten, damit einzelne Kitas länger als 18.30 Uhr Kinder betreuen könnten. «Aber Spruchreif ist noch nichts.»

Derzeit nicht vorgesehen sind Betreuungsangebote für die Wochenenden. «Dieser Wunsch wurde bisher nicht an uns herangetragen», sagt Teuscher. Sie sei solchen Ideen gegenüber offen. Letztlich stelle sich einfach die Frage, welche Angebote sich die Stadt leisten könne und wolle.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt