Temporäre Gastro-Anlässe konkurrenzieren die Berner Clubs

Freiluftbars boomen in Bern. Dadurch bleiben Nachtschwärmer lange draussen – und manche Clubs leer.

Im Oscar Elch gegenüber dem Stadttheater sitzen abends viele Berner zum Apéro ums Lagerfeuer.<p class='credit'>(Bild: Franziska Rothenbühler)</p>

Im Oscar Elch gegenüber dem Stadttheater sitzen abends viele Berner zum Apéro ums Lagerfeuer.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

«Ich habe nicht gewusst, dass es hier so viele Leute hat», sagt ein bärtiger Hipster, als er seine beiden Freundinnen beim Oscar Elch trifft. An der neuen Pop-up-Bar im Berner Ringgenpärkli herrscht nach Feierabend Gedränge. Als er an der Reihe ist, fragt ihn die Barkeeperin: «Depot zurück?» Seine Antwort: «Nein, nachfüllen, bitte.» Mitorganisator Dominic Kummer sagt, dass sie gut gestartet seien, auch das Wetter spiele bisher mit. Die Leute suchten Abwechslung, und sein Team versuche, diese zu bieten.

Die Betreiber der Pop-up-Bar Peter Flamingo auf der Grossen Schanze haben nach einer zweimonatigen Herbstpause vor einer Woche ihre Container wieder aufgestellt. Unter dem skandinavisch klingenden Namen Oscar Elch verkaufen sie im Ringgenpärkli gegenüber dem Stadttheater nun Hot Apérol statt Apérol Spritz.

Dritter Club schliesst die Tore

Der Erfolg der modernen temporären Anlässe bedeutet, dass es für die traditionellen Betriebe schwieriger wird. Insgesamt drei Berner Nachtclubs haben dieses Jahr den Betrieb eingestellt oder ihre Schliessung angekündigt. Im Juni gingen die Rondel-Betreiber in Konkurs. Im Oktober ging die Bärner Mitti an neue Besitzer und heisst nun Kurt und Kurt. Diese Woche hat das Bonsoir angekündigt, Ende Mai zu schliessen. Als Grund nannte Co-Inhaber Arci Friede neben der Konkurrenz aus Zürich auch die temporären Anlässe, die seit kurzem bei stationären Clubs zu sinkenden Umsätzen geführt hätten. So habe der Barbetrieb Peter Flamingo diesen Sommer dazu geführt, dass manchmal tausend Gäste bis morgens um ein Uhr auf der Grossen Schanze gewesen seien und somit erst spät in die stationären Clubs gegangen seien («Bund» vom 22. November 2017). Camil Schmid, Co-Organisator von Oscar Elch, sagt, es habe ihn «persönlich getroffen, dass das Bonsoir zugeht». Er habe dort viel getanzt und gerade letztes Wochenende mit dem Label Mosaik eine Party veranstaltet.

Auch das Restaurant Sous le Pont hat im Sommer unter den Outdoor-Bars gelitten. Die Einnahmen gingen unter anderem wegen des Neustadtlab auf der Schützenmatte zurück, so dass im Oktober wegen Geldnöten eine Retraite einberufen wurde. Ein Diskussionspunkt: wie der neuen Konkurrenz begegnet werden solle. Tatsächlich hat im vergangenen Sommer eine Vielzahl weiterer temporärer Anlässe Bern belebt. Zum dritten Mal fand während dreier Monate das Neustadtlab auf der Schützenmatte statt. Im Kocherpark gab es im Juli während dreier Wochen das Parkonia-Festival, bei dem neben kulturellen Veranstaltungen wie Konzerten, Filmen und Theater auch ein Bar- und Restaurantbetrieb angeboten wurde. Mit dem Bar au Lac betrieb das Sattler-Team am Egelsee im Sommer drei Monate lang eine temporäre Bar.

In Zukunft könnten noch mehr derartige temporäre Anlässe Bern beleben. So sollen beispielsweise am Aaareufer gemäss einem Postulat des BDP-Stadtrats Lionel Gaudy mehr Bars und Restaurants möglich werden – nach dem Vorbild der Seeufer in Zürich oder Thun. Der Gemeinderat schrieb dazu in seiner kürzlich erfolgten Antwort, dass eine «Nutzung mit einem kulinarischen Angebot mittels eines Pilotbetriebs getestet werden kann». Der Gemeinderat schlägt vor, diesen im Sommer 2018 durchzuführen und verweist auf die erfolgreichen Beispiele an anderen Orten wie Peter Flamingo oder Bar au Lac.

Max Reichen fordert für alle Marktteilnehmer die gleichen Bedingungen. Der Co-Präsident der Bar- und Club-Kommission Nachtleben sagt: «Der Berner Ausgehmarkt ist begrenzt, neue Anbieter haben immer auch einen Einfluss auf die anderen Marktteilnehmer.» Grundsätzlich finde er es begrüssenswert, wenn die Stadt solche Experimente zulasse. Aber es dürfe nicht für einige Experimentierfreudige «wahnsinnig einfach werden, Geschäfte zu machen, während normale Wirte kaum Glühwein verkaufen dürfen». Es müsse für die Wirte der stationären Betriebe daher ebenfalls einfacher werden, Glühweinstände zu betreiben.

Vorwurf der Ungleichbehandlung

Ähnlich argumentiert der jungfreisinnige Stadtrat Thomas Berger. Eigentlich seien temporäre Anlässe «sehr zu begrüssen». Formate wie Peter Flamingo oder Oscar Elch seien eine «klare Bereicherung für die Stadt». Er wolle jedoch, dass die Spielregeln für alle gleich seien. Der «Mister Nachtleben» kennt mehrere Stadtberner Gastronomen, denen Bewilligungen für temporäre Glühweinstände entzogen worden seien, was mit «grossen Umsatzeinbussen» verbunden sei. Die aktuelle Situation berge die Gefahr, dass die Behörden aufgrund «subjektiver Kriterien» entschieden, welche Gastronomen eine Bewilligung erhielten und welche nicht. Auch auf Twitter setzte er sich gegenüber der Stadt nach der Eröffnung von Oscar Elch für die Bewilligung von Glühweinständen bei stationären Gastrobetrieben ein: «Schritt in die richtige Richtung, bravo! Aber wo bleiben die Bewilligungen für die anderen Glühweinstände?»

Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) bestätigt, dass Glühweinstände bei stationären Betrieben nur vorübergehend bewilligt würden. Grund sei der fehlende Wasser- und Stromanschluss in den Lauben. Die Stadt wolle nicht, dass über eine längere Dauer Stromkabel durch die Laube gespannt würden und Passanten darüber stolperten.

Der Bund

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