Temporäre Bars: Viel Kundschaft – aber grosses Frustpotenzial

Die Gäste kommen in Scharen, doch bis man sie empfangen darf, dauert es ewig – das ist das Fazit der Serini-Bar-Betreiber in der Lorraine. Für die Behörden ist klar: Die jüngsten Erfahrungen sollen künftige Zwischennutzungen erleichtern.

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Hanna Jordi

Polstermöbel, Barhocker, ein Tischfussballkasten, Festbeleuchtung, Zapfhähne und eine gut sortierte Getränkeauslage: Die Aufmachung der Serini Bar in der Lorraine lässt nicht vermuten, dass es sich beim Gastrobetrieb um ein temporäres Projekt handelt. Eher macht sie den Anschein, als wäre sie immer schon dagewesen. Drei Monate nach der Eröffnung entfaltet der Begriff «Zwischennutzung» nun aber seine Wirkung: Nachdem die Pneu-Bar bereits vergangene Woche ihre Pforten schloss, ist nun auch die Bar in der ehemaligen Serini-Garage an der Reihe. Am 11. Oktober läuft die Bewilligung aus.

Zeit, ein Fazit zu ziehen. Schliesslich räumt das ausgearbeitete Konzept Nachtleben, welches Mitte September der Öffentlichkeit präsentiert wurde, temporären Projekten in brachliegenden Räumen einen prominenten Platz ein: Massnahme drei von 18 verspricht die «Lokalvermittlung und Raumbörse von Zwischennutzungen». Welche Lehren lassen sich aus den jüngsten Projekten für die bevorstehende Arbeit der Stadt ziehen?

Fragt man die Betreiber nach den Erfahrungen, die sie während der Betriebszeit machten, so klingt es positiv. Die Nachfrage war von Anfang an vorhanden: «Wir haben uns schnell zum Treffpunkt für Künstler und kulturaffine Menschen entwickelt», so Michael Krethlow, Mitgründer der Pneu-Bar. Und Simon Rudaz, der mit Benedikt Reising und Meret Maurer die Serini Bar betrieb, sagt: «Die Auslastung lag über den Erwartungen. Die Leute haben toll auf uns reagiert.» Bei der Stadt ist es ähnlich: Sicherheitsdirektor Reto Nause lobt die Bars als «gute Geschichten». Also allseits Hochgefühl und Wohlgefallen?

«Ich fühlte mich gar nicht unterstützt»

Nicht ganz. «Die Behördengänge, die nötig waren, um die Betriebsbewilligung zu erhalten, waren frustrierend und kräftezehrend», sagt Simon Rudaz. Denn in das Bewilligungsverfahren sind sowohl die Stadt als auch das Regierungsstatthalteramt involviert. Das Hauptproblem ortet Rudaz bei einer fehlenden Schnittstelle, die das Knowhow bündelt. Gewerbepolizei, Tiefbauamt, Bauinspektorat, Regierungsstatthalteramt, Gebäudeversicherung, Fachstelle Lärmakustik und Lasertechnik – zahllose Abklärungen bei etlichen Stellen waren nötig, bis ein bewilligungsfähiges Konzept vorhanden war.

«Ich fühlte mich gar nicht unterstützt. Je länger je mehr kam ich mir anmassend vor, so ein Projekt überhaupt verwirklichen zu wollen», erinnert sich Rudaz. Drei Konzepte reichte er insgesamt ein. Abstriche wurden gemacht: Die Serini Bar verzichtete etwa auf den Restaurantbetrieb und verstärkte Konzerte und schränkte die Betriebsdauer ein.

Pneu-Bar und Serini sind Pilotprojekte

Da das Gastgewerbe im kantonalen Gesetz geregelt wird, hat das Regierungsstatthalteramt die Schirmherrschaft inne. Den Vorwurf, das Bewilligungsverfahren sei unübersichtlich, will Regierungsstatthalter Christoph Lerch nicht gelten lassen. «Das Problem ist die kantonale Gesetzgebung. Gastronomische Zwischennutzungen sind schlicht nicht vorgesehen.» Er sei den Betreibern im Rahmen der Möglichkeiten entgegengekommen, beteuert Lerch: «Wir haben die Festwirtschaftsbewilligung, die sonst für die Dauer eines Wochenendes vorgesehen ist, ausnahmsweise im Sinne eines Versuchs auf drei Monate erstreckt», sagt Lerch.

Ein bewusster Entscheid. Denn Erfahrungswerte für gastronomische Zwischennutzungen gibt es bislang nicht – Serini und Pneu-Bar sind Pioniere. «Im Hinblick auf die Entwicklungen im Nachtlebenkonzept der Stadt Bern haben wir die beiden Bars bewusst als Pilotprojekte laufen lassen», so der Regierungsstatthalter. Die Erfahrungen sollen nun in Zusammenarbeit mit der Stadt ausgewertet werden. Lerchs vorläufiges Fazit: «Die Politik muss sich klar werden, in welche Richtung sie will. Soll das kantonale Gastgewerbegesetz angepasst werden, um temporäre Betriebsbewilligungen zu vereinfachen?»

Nause pocht auf Spezialartikel

Auch für Reto Nause ist eine adäquatere Bewilligungsgrundlage vonnöten. Er möchte diese aber auf städtischer Ebene verwirklichen. Massnahme 17 im Konzept Nachtleben besagt es: Langfristig will die Stadt Bern die Bewilligungen für ihr Gastgewerbe selbst aussprechen können. Der Regierungsrat prüft derzeit einen entsprechenden Vorstoss von Giovanna Battagliero (SP). «Denkbar wäre eine Art Zwischennutzungsartikel», orakelt Reto Nause. «Die Stadt könnte für zeitlich klar befristete Gastroprojekte Bewilligungen selbst aussprechen. Diese könnten dann auch länger dauern als drei Monate.»

Für die Realisierung dieses Ziels hat sich der Gemeinderat «mehr als fünf Jahre» eingeräumt. Er wird es gegen die Vorbehalte des Regierungsrates verteidigen müssen – dieser betont die Vorteile des geltenden Rechts. Etwas schneller vorwärts geht es mit den übrigen Massnahmen im Nachtlebenkonzept: Die Kick-Off-Sitzung für die Raumvermittlungsbörse hält die Liegenschaftsverwaltung nach den Herbstferien ab. Und erste Pilote zu einer weicheren Regelung von Aussenbestuhlung und Polizeistunde starten voraussichtlich im Frühjahr 2014.

Sie werden es wieder tun

Während im Hintergrund die Politik an den Entwürfen schmiedet, widmen sich Simon Rudaz und Michael Krethlow bereits neuen Projekten. Denn ja, sie werden es wieder tun, ein Gastrounternehmen auf Zeit betreiben. Spruchreif sei noch nichts, sagen beide. Doch Serini-Betreiber Simon Rudaz weiss bereits: «Diesmal plane ich einen Monat mehr für das Bewilligungsverfahren ein.»

DerBund.ch/Newsnet

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