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Tanyoko – oder der harte Abschied von Afrika

Was passiert, wenn ein unterstütztes afrikanisches Dorf die Unterstützer aus der Schweiz brüskiert? Das im Bernbiet verankerte Hilfswerk «Aide Directe» sah nach schwierigen Erfahrungen im mausarmen Burkina Faso nur noch den Weg, sich aufzulösen.

Ein unbestrittener Erfolg bleibt: Tanyoko hat dank Hilfe aus dem Bernbiet eine funktionierende Schule. (Archiv Aide Directe)
Ein unbestrittener Erfolg bleibt: Tanyoko hat dank Hilfe aus dem Bernbiet eine funktionierende Schule. (Archiv Aide Directe)

Nein, die Mitglieder des bernischen Hilfswerks Aide Directe hatten an sich keinen schockierenden und aufwühlenden Fortsetzungsroman abonniert. Aber die Vereinspost, die ihnen in den letzten Monaten zugemutet werden musste, erzeugte bei einigen doch Nervenflattern. Die Nachrichten aus dem unterstützten Dorf Tanyoko im kaum erschlossenen Hinterland des westafrikanischen Staates Burkina Faso fielen nämlich zunehmend besorgniserregend aus. Gegen den administrativen Leiter von Aide Directe sei «eine Revolte» im Gang; die montagebereiten Solarzellen seien spurlos verschwunden; in der aufgebauten und während Jahren erfolgreichen Schule seien die Noten der Abschlussprüfungen plötzlich miserabel schlecht ausgefallen; das von Aide Directe aufgebaute Internat habe bis auf Weiteres geschlossen werden müssen, denn dessen Leiter «hat sich mit Geld und Nahrungsmitteln in die Elfenbeinküste abgesetzt»; die Dorfbevölkerung verlange das einst dem Hilfswerk geschenkte Schulgelände wieder zurück, samt dem ganzen Inventar. Nach einem Besuch vor Ort zieht der Vorstand den Schluss: «Tanyoko hat uns rausgeworfen.» Verjagt hatte das Dorf den administrativen Leiter des Hilfswerks – vermutlich als Teil eines ruppigen Pokerspiels mit dem Ziel, künftig Hilfsgelder ohne lästige Bedingungen und Kontrollen zu kriegen.

Die eigene Auflösung beschlossen

Das ist zugegebenermassen eine unvollständige, einseitige und verkürzte Chronik der Ereignisse in Tanyoko. Aber wie mans auch dreht und wendet: Das unterstützte Dorf stellte aus der Sicht von Aide Directe unrealistische und absolut unerfüllbare Forderungen. Dem Zewo-zertifizierten Hilfswerk blieb an der Hauptversammlung vom vergangenen Wochenende in Thun einzig noch, seine eigene Auflösung zu beschliessen, alle eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und das nicht zu knappe Vereinsvermögen an andere gemeinnützige Organisationen zu überschreiben.

Ein Zeitvertreib für Gutmenschen?

Der Fall Tanyoko erlaubt verschiedene Lesarten. Er dürfte zunächst gefundenes Fressen für jene sein, die gerne und oft beteuern, jede für Afrika bestimmte Entwicklungshilfe sei sinnlos und bloss ein anregender, kostspieliger Zeitvertreib für hiesige Gutmenschen. Der Fall dürfte aber auch jene Entwicklungshilfefachleute munitionieren, die ebenso gerne und oft beteuern, gute Hilfe sei halt auch daran zu messen, ob die Unterstützten rechtzeitig und entschieden genug in die Selbstständigkeit geführt würden. Und der Weg dahin könne eben auch etwas konfliktuös anmuten.

Da taucht sie auf: Die Sinnfrage

Wie aber ordnet Aide Directe den eigenen Fall ein? Der ehemalige Vereinspräsident und Hünibacher Lehrer Stefan Blatter sagt, Aide Directe sei letztlich wegen des grossen Mentalitätsunterschieds aufgelaufen. Hilfe erfordere – aus westlicher Sicht – Kontrolle und wirtschaftliches Denken. Aber wirtschaftliches Denken sei den Partnern in Burkina Faso fremd geblieben: «Die dortigen Menschen sind weit weg von unserem Leistungsdenken.» Aufgelaufen sei man aber auch, weil dem Hilfswerk nach 18 Jahren zwar nicht das Geld, aber spürbar die Kraft gefehlt habe, das Engagement vor Ort in neue Wege zu leiten und das Schiffchen durch die permanenten Schwierigkeiten zu lotsen: «Wir sind ermüdet. Es fehlt der Mut, etwas Neues anzupacken.» Und es stelle sich auch die Sinnfrage. Es sei absolut richtig gewesen, 1992 den Aufbau der einzigen Schule im Dorf anzupacken, sagt Blatter. Aber womöglich sei es nicht sinnvoll, stets Neues bieten zu wollen. Wer nämlich ständig Neues biete, erneuere immer wieder auch die Abhängigkeiten und trage dazu bei, dass sich die Menschen an den Zustrom von Hilfe gewöhnten. Hat also Aide Directe bloss den Moment für den glücklichen weil rechtzeitigen Schlusspunkt verpasst? Blatter zögert, bevor er antwortet. Das Hilfswerk sei sich schon eine Weile bewusst gewesen, «dass man nicht immer grösser werden kann, sondern dass man auch wieder herunterfahren muss». Das Budget der Schule sei nach und nach auf 100 000 Franken pro Jahr gestiegen: «Da entstanden natürlich auch Bedenken, ob wirs schaffen, die nötigen Gelder aufzubringen.»

Der Staat sichert das Erreichte

Unvollständig und unzulässig verkürzt sind die einleitenden Schilderungen, weil der Rückzug von Aide Directe auch mit bemerkenswerten Erfolgen zusammenfällt. So hat zwar die Dorfbevölkerung die Schule samt Lastwagen, Brunnen und Stromversorgung für sich reklamiert. Aber übernommen wurde die Bildungseinrichtung schliesslich vom Staat Burkina Faso. Er honoriert damit die Aufbauarbeit aus dem Bernbiet und wird sie weiterführen. Die Schule in den Händen des Staates zu sehen, sei gut, sagt Blatter: «Ich würde das gerne als erfolgreichen Abschluss sehen. Ein Dorf hat jetzt eine funktionierende Stromversorgung und eine gute Schule. Der Staat stellt deren Weiterbetrieb sicher.» Auch bei dieser Lesart bleibe etwas Bitternis zurück. Aber die Engagierten in den Reihen von Aide Directe seien gleichzeitig auch erleichtert. Und falls sich weiterhin bestätige, dass ehemalige Schüler aus Tanyoko immer wieder mal den Sprung ins «bessere Leben» schafften, dann erhalte die Schlussbilanz sogar noch etwas Glanz.

Helfer sind «beaucoup trop gentil»

Out of Africa, raus aus Tanyoko: Wie deutet eine der eben gerade erwähnten ehemaligen, erfolgreichen Schülerinnen die Vorkommnisse? Wendlassida Kienmengo stammt aus einer unterprivilegierten Kleinbauernfamilie, ist aber heute Leiterin einer Primarschule. Für sie war die direkte Hilfe aus dem Bernbiet entscheidend für die persönliche Entwicklung und den eigenen sozialen Aufstieg. Die aufmüpfige junge Frau ist aber nicht in Dankbarkeit erstarrt, sondern ist eine harte Kritikerin westlicher Hilfe in Afrika. Primäre Ursache der Schwierigkeiten seien zwar der Egoismus der eigenen Landsleute und die Zwänge, die von den hierarchischen Stammesstrukturen ausgingen: Unsinnige Ansichten der Ältesten setzten sich durch, weil das Wissen der Jungen nichts zähle: Zwischen aufgeschlossenen, gebildeten Jungen und analphabetischen, vom Fortschritt ausgeschlossenen, aber entscheidbefugten Ältesten klaffe ein enormer Graben. Abgesehen davon sei es aber die Schuld der Helfer, dass Afrika zurückbleibe: Sie seien «beaucoup trop gentil», sagt Kienmengo. Weisse drückten wegen ihres Kolonialzeit-Komplexes auch dann ein Auge zu, wenn dies überhaupt nicht angebracht sei. Das führe dazu, dass Helfer als gutmütig und naiv angesehen würden. Nachgiebigkeit könne sogar Verachtung gegenüber den Helfern auslösen. Man müsse selbstbewusst und fordernd wie die Chinesen auftreten: Sie verhandelten pickelhart und ohne schlechtes Gewissen – und mit rasch sichtbaren Erfolgen.

Plädoyer für bescheidenen Ansatz

Was entgegnet da Blatter? Er räumt ein, dass bei westlichen Helfern wohl tatsächlich das unterschwellige schlechte Gewissen gegenüber dem ausgebeuteten Kontinent Afrika das Verhalten mitpräge. Vielleicht, sinniert er, müsse man Afrika «anders helfen», «mit bescheidenerem Ansatz», weniger getrieben vom Ziel, «hiesige Konzepte zu schicken». Er sei sich nicht mehr sicher, «ob es das Ziel der Entwicklungshilfe sein kann, diese Länder auf unser Niveau zu entwickeln», sagt Blatter. Und vielleicht sei es auch angezeigt, weniger in das einzugreifen, was die Qualitäten des afrikanischen Lebens ausmache: «Ihr soziales Gefüge, ihren zeitlosen Alltag mit vielen schönen Seiten.»

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