Täter sieht sich nicht als Vergewaltiger

In Bern steht ein Mann wegen Vergewaltigung vor Gericht.

Im Juli 2017 wurde eine Joggerin im Bremgartenwald von einem Mann angegriffen.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser (Archiv))</p>

Im Juli 2017 wurde eine Joggerin im Bremgartenwald von einem Mann angegriffen.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Markus Dütschler

Auf der Handyanzeige erschien 2011 am frühen Neujahrsmorgen der Name der Tochter. Der Mutter schwante Böses. Tatsächlich berichtete ihr die 16-Jährige aufgelöst, es sei etwas Schlimmes passiert. Die Mutter eilte auf die Berner Allmend, wo ihr die Tochter barfuss im Schnee entgegenkam: Sie sei von einem Mann, der mit einem Messer gedroht habe, vergewaltigt worden. Stunden später schilderte sie der Polizei den Vorfall im Detail und wurde auch ärztlich untersucht. Wer als Täter infrage kommt, blieb vorläufig offen.

Dies änderte sich, als eine 27-jährige Frau, die im Juli 2017 mit Kopfhörern auf den Ohren durch den Bremgartenwald joggte, von einem Mann niedergeworfen wurde. Auch er hatte ein Messer, setzte sich auf sie und wollte Sex. Sie schrie um Hilfe, was ein Mountainbiker hörte. Er stürzte sich beherzt auf den Mann, sodass sich das Opfer befreien konnte.

Nun zeigte sich, dass der Mann auch der mutmassliche Täter von 2011 war. Sogar ein weiter zurückliegender Fall schien sich zu lösen. 2006 war ein Mann einer 32-jährigen Frau vom Casinoplatz ins Mattequartier gefolgt. Dort drückte er sie an eine Wand und griff ihr unter den Rock. Die Frau, die wegen ihrer Teilnahme an einer TV-Sendung über eine gewisse Prominenz verfügte, schlug den Angreifer in die Flucht und wurde in Boulevardmedien mit den Worten zitiert: «Dieses Schwein darf nicht ungeschoren davonkommen.»

In zwei Fällen geständig

Ob der Angeschuldigte «dieses Schwein» war, ist fraglich. Es gab Unstimmigkeiten beim Signalement, zudem betonte der Pflichtverteidiger, dass der Fall nicht ins Muster der beiden anderen passe. An der Verhandlung vor dem fünfköpfig besetzten Regionalgericht Bern-Mittelland unter dem Vorsitz von Peter Müller hatte der Angeschuldigte erneut vehement bestritten, die Tat in der Matte verübt zu haben. Dass ihn die Frau nach zwölf Jahren an der Stimme erkenne, sei ein Witz. Gestanden hat der heute 48-jährige Schweizer die Fälle Allmend und Bremgartenwald. Er habe die Frau auf der Allmend bedroht, erniedrigt und missbraucht, aber nicht vergewaltigt, er sei generell kein gewalttätiger Mensch. Im vorzeitigen Strafvollzug absolviert er eine Therapie, zumal er auch zu viel Alkohol und Cannabis konsumierte.

Staatsanwältin Andrea Müller sagte gestern im Plädoyer, der Angeschuldigte sei scheinbar der normale, nicht vorbestrafte «Mann von nebenan». Er absolvierte auf dem zweiten Bildungsweg die Matura und ein Teilstudium. Im Geheimen bunkerte er auf seinem Computer Unmengen pornografischer Inhalte, auch solche mit Kindern. Die Anklägerin sagte, er verharmlose die Taten und neige dazu, die Opfer mitverantwortlich zu machen. So habe er über die 16-Jährige gesagt, hätte sie lauter geschrien, wäre er früher aus seinem «Film» gerissen worden. Die Staatsanwältin forderte wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung eine Freiheitsstrafe von 95 Monaten. Die Anwältin des einen Opfers plädierte auf vollendete Vergewaltigung und verlangte eine Genugtuung von 20000 Franken. Der Verteidiger fand eine Strafe von 52 Monaten und eine Genugtuung von 2500 Franken angemessen. In seinem letzten Wort sagte der Angeschuldigte, was er getan habe, tue ihm «schrecklich leid». Das Gericht wird das Urteil morgen verkünden.

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