Stundenlange Märsche bis ins abgelegene Dorf

Auch über ein Jahr nach dem Erdbeben in Nepal hat die 54-jährige Hilfswerkkoordinatorin Nirmala Sharma alle Hände voll zu tun.

Nirmala Sharma weilt für kurze Zeit in Bern.

Nirmala Sharma weilt für kurze Zeit in Bern.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Als in Nepal die Erde bebte, hatte Nirmala Sharma im Büro in Kathmandu eine Besprechung mit ihrer Vorgesetzten des Schweizer Hilfswerks Fairmed. Die Frauen erörterten das neue Hilfsprogramm für Mütter mit Neugeborenen in abgelegenen Regionen.

Sharma hatte den Posten als Landeskoordinatorin eben angetreten. Doch das Erdbeben vom 25. April 2015 machte die Pläne zur Makulatur. Statt dieses Programms schaltete man auf Soforthilfe um.

«Die Dinge ändern sich rasch in Nepal. Wir sind ungeduldig.»

Als die Besucherin aus der Schweiz zu ihrem Hotel zurückkam, war dieses eingestürzt. Wie andere Gäste nächtigte sie im Zelt. Mehr Glück hatte Sharma: Ihr Haus steht noch. Es sei oft rätselhaft, weshalb ein Haus stehen bleibe, während das benachbarte komplett einstürze.

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Jetzt ist Nirmala Sharma für wenige Tage in Europa. In ihren Ferien hat sie die Tochter besucht, die in Cambridge den Uni-Abschluss feiert. Dann reiste sie in die Schweiz weiter, um die Fairmed-Leute in der «Zentrale» in Bern kennen zu lernen. Von der Schweiz sieht sie in der kurzen Zeit nur wenig. Wenn sie in Bern auf der Bundesterrasse in Richtung Oberland blickt, erinnert sie das an ihre gebirgige Heimat, welche das Erdbeben so arg verwüstet hat.

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Dörfer in der Nähe einer Durchgangsstrasse hätten es noch vergleichsweise gut, da die Hilfsgüter bis in die Nähe geliefert werden könnten, erzählt Sharma. Doch es gebe zerstörte Dörfer weitab von Strassen. Diese werden oft vergessen, wie Landeskenner sagen. Fairmed versuche, auch diese Menschen zu betreuen, sagt Sharma – mit sogenannten «field workers».

Diese Feldmitarbeiter nehmen acht- bis zehnstündige Fussmärsche auf sich, um die Siedlungen zu besuchen, in denen Leute oft in behelfsmässigen Behausungen aus Karton und Wellblech leben. Die «field workers» klären ab, wie es den Dorfbewohnern geht und welche Bedürfnisse sie haben. Sie ermuntern sie, den Weg ins nächste Gesundheitszentrum unter die Füsse zu nehmen. «Oft meinen die Leute, die Zentren seien geschlossen.» Leider treffe das häufig zu, wenn etwa ein Gebäude aufgebaut sei, aber ohne Ausstattung mit Geräten und Medikamenten.

Laut Sharma gibt es durchaus funktionierende Zentren, doch das müssten die Menschen erst einmal erfahren: «Niemand begibt sich auf einen langen Marsch, wenn er nicht sicher ist, dass er am Ziel Hilfe bekommt.» Nachdem die Feldmitarbeiter die Bedürfnisse aufgenommen haben, informieren sie die Zentren, die sich so auf die Patienten einstellen können.

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Wäre es nicht einfacher, anzurufen, fragt der naive Westler. Das funktioniere schlecht, sagt Sharma, Mobiltelefone hätten nur wenige, und viele Antennen seien beim Beben zerstört worden. Auch die Frage, ob hier nicht Helikopter das probate Mittel wären, wischt sie mit einem etwas bitteren Lachen beiseite. «So etwas haben wir nicht.»

Nach dem Beben wurden zwar Fluggeräte für bestimmte Zwecke eingesetzt, doch für die alltäglichen Dienste könne man nicht auf die «field workers» verzichten. Als nach dem Unglück private Helikopter ausländische Bergsteiger transportierten, anstatt Hilfseinsätze zu fliegen, sorgte das in Nepal für böses Blut.

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Ähnlich wie in Indien kennt Nepal ein Kastensystem. Offiziell sei es längst abgeschafft, doch in den Köpfen stecke es noch immer. Manchen Familiennamen höre man an, zu welcher Kaste ihre Träger gehörten. «In der Zeit meiner Eltern oder noch mehr bei den Grosseltern war das wichtig, doch meine Töchter können damit gar nichts mehr anfangen.»

Die Dinge änderten sich rasch in Nepal, rascher als in Indien. «Wir sind ungeduldig.» Ungeduldig ist das Volk auch wegen des schleppenden Wiederaufbaus. Im Land mit 30 Parteien und einer komplexen Koalitionsregierung dauert alles lang. Wenn ein Plan nicht sorgfältig austariert sei, machen die Übergangenen nicht mit, sagt Sharma.

Der Wiederaufbau der Häuser, der lange stockte, hat deutlich an Fahrt aufgenommen. Immerhin stehe der Aufbauplan, und die Geldgeberländer machten Druck. Dass das Land überlebt, hat auch mit nepalesischen Arbeitern zu tun, die ihren Lohn nach Hause schicken. Diesen verdienen sie zum Beispiel in den Arabischen Emiraten – oft unter Bedingungen, die Sharma an «moderne Sklaverei» erinnern.

Der Bund

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