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«Studios sind nicht lauter als Notariate»

Seit fünf Jahren gilt das neue Prostitutionsgesetz. Mitverfasser Werner Könitzer mahnt, Bordelle nicht aus moralischen Gründen zu verhindern. Der Aufruf geht auch an die Stadt Bern.

Das Bordell am Lagerweg 12 in Berns Lorrainequartier musste vor einigen Jahren nach langem Rechtsstreit schliessen.
Das Bordell am Lagerweg 12 in Berns Lorrainequartier musste vor einigen Jahren nach langem Rechtsstreit schliessen.
Adrian Moser

Herr Könitzer, in der Stadt Bern gibt es immer weniger Bordelle und somit weniger Zimmer, die Sexarbeiterinnen legal mieten können. Funktioniert das von Ihnen mitverfasste Prostitutionsgesetz?

Im Grossen und Ganzen hat sich das Gesetz bewährt. Es stehen nicht die Sexarbeitenden im Fokus, sondern die Zuhälter. Also die, die sich mit der Prostitution eine goldene Nase verdienen. Und denen ist mit dem neuen Gesetz sicher besser beizukommen.

Inwiefern?

Früher haben verschiedene Ämter je nach Situation alleine gehandelt, aber es gab kein koordiniertes Vorgehen. Heute ist es Pflicht, dass sich alle Involvierten treffen und Erfahrungen austauschen. Die Polizei kann zudem in jedem bewilligten Betrieb ohne Anmeldung Kontrollen durchführen.

Was würden Sie heute, fünf Jahre nach der Einführung des Gesetzes, dennoch anders regeln?

Ein Gesetz ist nicht in Stein gemeisselt, es ist ein Konstrukt, das sich der Gesellschaft anpassen muss. Vielleicht sollte man die Bewilligungspflicht leicht vereinfachen. Für mich als nun pensionierter Regierungsstatthalter ist dies aber schwierig zu beurteilen, es gibt eine Begleitkommission des Kantons, die solche Anpassungen vornehmen müsste.

Zurzeit wird in der Stadt Bern darüber gestritten, ob in der Aarbergergasse ein weiteres Bordell eröffnet werden darf. Anwohner und Gewerbetreibende wollen dies mit Einsprachen verhindern.

Es ist deren Recht, Einsprache zu erheben. Ich kenne die Aarbergergasse zu wenig, um diesen Fall beurteilen zu können. Schliesslich ist es an den Behörden abzuwägen und zu entscheiden, ob es dort ein weiteres Etablissement erträgt.

Es ist doch Ihr Prostitutionsgesetz, das nun von den Gemeinden dahingehend interpretiert wird, dass Bordelle nur in Gewerbezonen wie der Aarbergergasse erlaubt sind. Hätte man die Studios nicht besser über die Stadt verteilt?

Ein Bordell in einer gemischten Wohnzone wäre auch nach alter Rechtslage streitig gewesen – wegen des Baugesetzes. Zu Unrecht, wie ich denke. Ein Studio, in dem zwei Frauen anschaffen, ist nicht lauter als ein Notariat, zumindest nicht bezogen auf die realen Lärmemissionen. Die Freier kommen und gehen ganz ruhig. Sie wollen nicht gesehen werden. Doch es gibt auch ideelle Emissionen.

Wie meinen Sie das?

Wenn jemand im ersten Stock eines Wohnblocks Sex gegen Geld anbietet, dann fühlen sich viele moralisch gestört. Darauf sollte sich die bewilligende Instanz aber nicht berufen.

Die Stadt Bern scheint dies anders zu sehen und bewilligt in gemischten Wohnzonen in der Regel keine Bordelle – aus Lärmschutzgründen.

Leider messen die verschiedenen Gemeinden im Kanton mit unterschiedlichen Ellen. Bis jetzt hat jedoch noch kein Gesuchsteller einen Entscheid an die nächste Instanz weitergezogen, dies brächte Klarheit. Ermessensspielraum ist dennoch wichtig. Ein Studio, in dem 3 bis 4 Frauen arbeiten, oder ein Bordell mit 20 Zimmern ist nicht dasselbe.

Die Frauenzentrale Zürich fordert, die Prostitution zu verbieten. Wären die Frauen so nicht am besten geschützt, wenn sie etwas anderes arbeiten würden?

Es wird nie gelingen, die Sexarbeit zum Verschwinden zu bringen. Bei einem Verbot wird es nur noch schwieriger, die Frauen zu erreichen und sie zu schützen. Man muss das Gewerbe von der «Unterwelt» in die «Halbwelt» holen, damit die Polizei einfacher gegen Hinterleute ermitteln kann. Ein Verbot wie in Schweden zwingt aber die Frauen nur noch mehr in den Untergrund, was die Polizeiarbeit enorm erschwert.

Sie als SP-Mitglied stehen sicher für Gleichberechtigung, oder? Die gibt es doch bei gekauftem Sex nie.

Das stimmt vielleicht. Aber wir sollten nicht versuchen, gesellschaftliche Probleme zu lösen, indem wir etwas verbieten, was nur Ausdruck, aber nicht Ursache davon ist.

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