Streit um Ganztageskindergärten

In der Stadt Bern gibt es immer mehr private Kindergärten mit Ganztagesbetreuung, bei öffentlichen gibt es das Angebot aber nicht. Die SP fordert nun gleich lange Spiesse.

Nach dem Kindergarten müssen die Kinder wieder in die Kita gebracht werden. Nur einige private Kindergärten bieten eine Ganztagesbetreuung.

Nach dem Kindergarten müssen die Kinder wieder in die Kita gebracht werden. Nur einige private Kindergärten bieten eine Ganztagesbetreuung.

(Bild: Georgios Kefalas (Keystone))

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Im Kanton Bern besuchen bereits Vierjährige den Kindergarten. Für ihre berufstätigen Eltern ist das Erreichen des Kindergartenalters eine Herausforderung: Kinder in diesem Alter schaffen den Schulweg noch kaum alleine. Und mittags muss sie jemand in die Kindertagesstätte (Kita) zum Zmittag bringen und auch wieder abholen. Nicht jede Kita hat einen Kindergarten gleich nebenan. Und nicht alle Kitas bieten einen Bring- und Holservice an. Da kommt die «Kita mit integriertem Kindergarten» des privaten Anbieters Leolea gerade recht: «Der direkte Zugang zum Kindergarten schafft optimale Ganztagesstrukturen für Kinder», heisst es auf der Webpage von Leolea. Die Eltern können die Kinder ab sieben Uhr früh bringen und bis 18.30 wieder abholen. Sie haben gar die Wahl, das Kindergartenpensum auf drei ganze oder sechs halbe Tage zu verteilen. Die SP Stadt Bern verfolgt die Zunahme solcher Angebote mit Skepsis.

«Tatsachen geschaffen»

Der Kindergarten gehöre zur obligatorischen Schulzeit, sagt Stadtrat Peter Marbet. Die privaten Ganztageskindergärten stünden somit in Konkurrenz zur öffentlichen Volksschule. Diese Entwicklung untergrabe die Bemühungen von Volksschule und Kindergarten, ein Ort der Integration für alle Kinder zu bilden. «Bei der Einführung des Kita-Gutschein-Systems hat man das zu wenig bedacht», sagt Marbet. Die kantonale Erziehungsdirektion habe solche Angebote in den letzten Jahren «grosszügig» bewilligt. So hätten sich die privaten Kitas einen «Marktvorteil» erarbeitet, auf den die öffentlichen Kitas und Kindergärten aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen nur eingeschränkt reagieren könnten, sagt Marbet.

Der Direktor einer höheren Fachhochschule möchte diese Entwicklung aber nicht einfach hinnehmen. Daher fordern er und seine Kollegin Nadja Kehrli-Feldmann den Gemeinderat in einer Motion dazu auf, ein Konzept zur Schaffung öffentlicher Ganztageskindergärten auszuarbeiten und Pilotprojekte zu lancieren. «Die privaten Kitas haben Tatsachen geschaffen», sagt Marbet. Die Stadt müsse nun darauf reagieren.

Bern als Hochburg für Private

Private Ganztageskindergärten sind in der Tat ein neueres Phänomen. Von einem Boom zu sprechen, ist aber wohl vermessen. Seit 2013 hat die Erziehungsdirektion laut eigenen Angaben acht private Kindergärten in Kindertagesstätten bewilligt – sieben davon in der Stadt Bern. Die Kinder können dort zwar auch von Betreuungspersonen unterrichtet werden. Gemäss Volksschulgesetz müssen diese aber von Personen angeleitet werden, die über eine pädagogische Ausbildung verfügen. «Wir bieten Ganztageskindergärten nicht aus ökonomischen Gründen an», sagt Marcel Brülhart, Präsident des Vereins Leolea. Das Angebot sei auf Wunsch von Eltern eingeführt worden und entspreche einem Bedürfnis. Sobald ein Kind ins Kindergartenalter komme, gebe es keine ganztägige Betreuung mehr. «Leolea wollte für dieses Problem eine Lösung anbieten», sagt Brülhart. Dabei handle es sich nicht um ein Angebot für Wohlhabende.

FDP-Stadträtin Claudine Esseiva sieht das ähnlich: «Das Kindergartenalter ist eine betreuungstechnische Herausforderung für die Eltern», sagt die Mutter eines dreijährigen Sohnes. Zum Glück gebe es in der Stadt Bern Unternehmen wie Leolea, die das erkannt hätten. Dabei sei das Bedürfnis nach Ganztageskindergärten ja nicht neu. «Der linke Gemeinderat dieser Stadt befasst sich aber lieber mit Prestigeprojekten wie der Velobrücke.» Esseiva begrüsst die Stossrichtung der SP-Motion. Deren Begründung lehnt sie jedoch ab. «Die Unterscheidung zwischen guten öffentlichen und bösen privaten Kitas ist hanebüchen», sagt Esseiva.

Stadt ist nicht ganz untätig

Die Stadtberner Sozialdirektion ist in Sachen Ganztageskindergarten nicht so passiv, wie es scheint: «Wir prüfen aktuell die Integration eines Kindergartens in eine Kita», sagt Schulamtsleiterin Irène Hänsenberger auf Anfrage. Sie weist zudem darauf hin, dass Kindergarten-Kinder auch im Pilotprojekt Ganztagesschule einbezogen sein werden.

Auf die private Konkurrenz reagiert die Sozialdirektion grundsätzlich gelassen. Die Durchmischung der öffentlichen Kindergärten sei durch die privaten Anbieter nicht gefährdet, da verhältnismässig wenig Kita-Kinder einen Kindergarten besuchten. Zudem seien die Ganztageskindergärten in den privaten Kitas zu den Betreuungsgutscheinen zugelassen und damit gebührenfrei.

Der Bund

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