Störungen beim Solarplexus

Bei der Neugestaltung des Unorts Schützenmatte vor der Berner Reitschule fliessen esoterische «Weisheiten» ein. Eine «spannende Sache», findet das Stadtplanungsamt. Und: Nein, es ist nicht der Scherz zum 1. April.

Pierrette Hurni und Urs Schenkel nehmen bei einem der Brückenpfeiler starke Energien wahr.

Pierrette Hurni und Urs Schenkel nehmen bei einem der Brückenpfeiler starke Energien wahr.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Simon Wälti

Vitalenergetisches Zentrum unter einem der Pfeiler der Bahnbrücke auf der Schützenmatte, Engelfokusbaum beim Kleeplatz am Bollwerk, Kraftlinie vom Schwarzen Meer durch die Reitschule bis nach Kanada, der Aarehang erfüllt von Elementarwesen. Die Geomantiegruppe Bern befasst sich seit Jahren mit dem Unort Schützenmatte: Es sind ihr nach eigenen Angaben schon einige Verbesserungen gelungen. So sei vor zwanzig Jahren das vitalenergetische Zentrum noch völlig blockiert gewesen. Nun habe es sich einigermassen erholt und strahle in der Tiefe. Bern, so einer der Befunde, gehört zusammen mit Frankfurt, Prag und Zagreb zu den Städten, «die das Bewusstseinsfeld des Solarplexus von Europa halten».

Die Geomantiegruppe Bern hat in der Begleitgruppe am Planungsprozess für die Umgestaltung der Schützenmatte teilgenommen. Die Gruppe sei auf das Stadtplanungsamt zugekommen, sagt Projektleiterin Nadine Heller, und habe ihre Arbeit sowie «einen Übersichtsplan der wichtigsten Energiepunkte in der Stadt Bern» vorgestellt. «Wir haben die Partizipation offen gestaltet, die Zusammenarbeit mit der Geomantiegruppe war interessant.» Niemand im rund 80-köpfigen Begleitgremium sei entschädigt worden. Die Gruppe möchte, dass die von ihr eruierten Energiepunkte in Bern sichtbar gemacht werden. Ob es dazu kommt, ist offen.

Feinstoffliches hat Mühe

Die Schützenmatte – lärmender Verkehr, ratternde Eisenbahn, Abfall, Schmierereien, unangenehmer Geruch vom wilden Urinieren. Das Feinstoffliche hat hier Mühe, sich durchzusetzen. Die Geomantiegruppe Bern betrachtet es als eine besondere Aufgabe, sich in den Planungsprozess der Stadt einzubringen. «Es gibt starke Energien auf dem Platz, viele Personen können diese Energien dank ihrer Feinfühligkeit wahrnehmen», sagt Urs Schenkel, der selber als Architekt und Ortsplaner tätig ist. Geomantie heisse, sich ins Gespräch mit der Landschaft zu begeben. Man habe einen Geomantieplan erarbeitet und bei der Stadt eingereicht. «Nun muss man sehen, was man im weiteren Prozess berücksichtigen kann.» Die bauliche Situation sei sehr schwierig, sagt Pierrette Hurni. «Es ist aber sehr schön, zu sehen, wie die Pläne für den Platz mit den Erkenntnissen der Geomantie übereinstimmen.» In Begehungen nimmt die Gruppe jeweils Kontakt zum Engel und zum Schützenmatte-Holon auf. Ein Holon ist ein Ganzes als Teil eines anderen Ganzen. Ein Teilnehmer fühlte etwas, «wie wenn Engel und Linde vor der Reithalle auf einer neuen Ebene zusammenarbeiten würden». Bei einem anderen pulsierte es im Bauch und bei einer dritten Person strahlte es auf der Höhe des Solarplexus durch sie hindurch.

«Wir versuchen, Wahrnehmungen wiederzugeben und nicht vorschnell zu interpretieren», sagt Schenkel, «also so bodenständig wie möglich zu sein.» Dann übersetze man die individuellen Erfahrungen und Erkenntnisse in eine Sprache, die auch von Planern verstanden werden könne. Als Ideal nennt Schenkel Island. Dort sei es mittlerweile üblich, dass die Behörden bei Strassenprojekten Rücksicht auf die sogenannten Elfenplätze nähmen.

Auf in den Hyperraum

Angefangen hat es 1994, als der Slowene Marko Poga?nik nach Bern kam und das vitalenergetische Zentrum vor der Reitschule entdeckte. Er ist eine Leitfigur der Geomantie und ein bekannter Land-Art-Künstler: «Wir haben im Rahmen seines Projekts im Seeland oft mit ihm zusammengearbeitet», sagt Schenkel. Poga?nik zeigt in seinen Büchern und Publikationen ein hohes Vorstellungsvermögen: Auch die zwölfte Dimension des Hyperraums bleibt ihm nicht verborgen, und er hält Zwiesprache mit den hohen Geistern der Schöpfung. Für das Wohlergehen der Erde könnten auch das Seeland, Bern und die Schützenmatte eine wichtige Rolle zu spielen haben, vermutet er. Die Geomantiegruppe war in den letzten Jahren rege beschäftigt: Sie räucherte auf dem Bantiger, reinigte das Holon des Inselspitals, versenkte ein Kosmogramm im Boden auf dem Schwarzkopf im Grauholz oder «belebte» die Chakren der Altstadt.

In der zweiten Phase des Planungsprozesses für die Schützenmatte wird das vielköpfige Begleitgremium nun reduziert. «Vor allem Anrainer und Nutzende werden vertreten sein», sagt Projektleiterin Nadine Heller. Parteien werden nicht mehr zum neuen Gremium gehören. Und die Geomantiegruppe? «Ob wir die Gruppe hinzuziehen werden, wissen wir noch nicht.» Doch vielleicht braucht es für Unort Nummer 1 noch viel mehr: Auch Schamanen, Astrologinnen, Tarotleger und Aura-Deuterinnen könnten etwas zur Heilung beitragen. Man lädt ja für eine Vernehmlassung auch nicht nur eine Partei ein.

Der Bund

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