Statt 2400 Wohnungen sind es am Tag X dann doch nur vier

Eine grosse Menge an Inseraten bedeutet nicht automatisch, dass der Weg zur passenden Wohnung kurz wird. Ein kleiner «Realitätscheck».

Wohnungen an der Kasernen-Strasse im Breitenrain in Bern.

Wohnungen an der Kasernen-Strasse im Breitenrain in Bern.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

145'000 über zwei Jahre hinweg erschienene Wohnungsinserate hat Wüest Partner erfasst – und die «Bund»-Auswertung dieser Daten lieferte Verblüffendes. So zeigten die durchgerechneten Fallbeispiele etwa, dass die alleinerziehende Mutter, die eine 3,5-Zimmer-Wohnung in der Stadt sucht und dafür 1200 Franken Miete und 250 Franken Nebenkosten aufwenden kann, leicht ein Logis finden müsste. Im Berner Mattenhof lägen knapp 60 Prozent der rund 2000 angebotenen Wohnungen punkto Grösse und Preis im angepeilten Bereich. Im Raum Bümpliz-Oberbottigen, wo im untersuchten Zeitraum rund 1500 Wohnungen auf dem Markt waren, entsprachen gar 85 Prozent dem Gesuchten. Rein statistisch betrachtet standen der Alleinerziehenden auf Wohnungssuche dort also um die 2400 Wohnungstüren offen.

Der gefühlte Widerspruch

Nur: Warum entspricht dieser statistische Befund so gar nicht der Erfahrung, die die reale alleinerziehende Mutter aus unserer direkten Nachbarschaft mit uns teilt? Und warum merken «Bund»-Leser im «Stadtgespräch» genervt an, sie erlebten die Wohnungssuche weit negativer, als dies die Statistik vermittle? Die erste Teilantwort ist banal: Erscheinen über zwei Jahre hinweg für Bern und Umgebung 145 000 Inserate, dann ist dieses Zeitfenster für die allermeisten Wohnungssuchenden kein massgebendes. Wer wie im eingangs skizzierten Fallbeispiel für sich und seine Kids zügig eine neue Bleibe sucht, orientiert sich an Wochen und Monaten, nicht an Jahren.

Der «Bund» hat auf der grössten Immobilienplattform, www.immoscout24.ch, an drei Tagen die Probe aufs Exempel gemacht und die erschwingliche Idealwohnung der alleinerziehenden Mutter gesucht – in der Stadt Bern und mit Bezugstermin zwischen sofort und Juni 2018. Der Erfolg war mässig. Von den an den Stichtagen gelisteten rund 1700 Wohnungen entsprachen jeweils nur deren vier dem Profil. Die statistische Fülle schrumpfte zu einem sehr überblickbaren Angebot.

Anzufügen ist, dass sich im konkreten Fall nicht nur die alleinerziehende Fallbeispielsperson fürs Angebot interessieren würde. Sie stünde in Konkurrenz zu anderen Bewerbern, die ebenfalls Gefallen an einem preiswerten Objekt haben: Junge Paare, Wochenaufenthalter – bis hin zu gewitzten Privaten, die eine Zweitwohnung suchen, um sie dann gewinnbringend über Airbnb zu vermarkten.

Was der nach gleichem Muster erfolgte Realitätscheck auch zeigte: Wer die 4,5-Zimmer-Familienwohnung unweit der Stadt sucht, hat aktuell gute Chancen. Auch die 3-Personen-WG dürfte fündig werden. Mühevoll wärs aber, aktuell die netto 900 Franken kostende Stadtwohnung zu finden.

Der Bund

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