Stapi-Wahlen: Schmidt und Schori schmeicheln Tschäppät

Am Montagabend trafen die drei Stapi-Anwärter erstmals aufeinander. Sie waren äusserst nett zueinander.

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Christoph Lenz@lenzchristoph

Das Mikrofon ist noch stumm geschaltet. Und doch sitzt er bereits breitbeinig und geduckt da, der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Abwehrbereit für die Hiebe, die da kommen werden von den zwei Herren zu seiner Linken. Sie heissen Beat Schori und Alexandre Schmidt, und sie haben es auf seinen Job abgesehen. In wenigen Minuten sollen sich die zwei Herausforderer erstmals öffentlich auf den Titelverteidiger stürzen – dirigiert und notfalls gebändigt von den zwei «Bund»-Redaktoren Bernhard Ott und Simon Jäggi.

Es kommt dann alles ganz anders. Nach fünf Minuten lehnt sich Tschäppät genüsslich zurück. Nach sieben Minuten platziert er den ersten Lacher. Als das Podium nach eineinhalb Stunden beendet wird, kann Tschäppät seine Freude über diesen für ihn sehr angenehm verlaufenen Abend kaum verbergen.

Tschäppät gibt sich gute Noten

Nein, viel Streitlust war wirklich nicht auszumachen beim gestrigen «Bund im Gespräch» im Kornhausforum. Schon zu Beginn säuselt FDP-Senkrechtstarter Alexandre Schmidt, 42, dass der rot-grün dominierte Gemeinderat Bern durchaus vorwärtsbringe, manchmal einfach nicht schnell genug. Ebenso defensiv reagiert Schmidt auf die Frage, warum er fürs Stadtpräsidium kandidiere: Das rot-grüne Bündnis (RGM), in Bern seit zwanzig Jahren an der Macht, habe ein Ablaufdatum. «Man kann RGM nur alle vier Jahre herausfordern. Da muss man es einfach immer wieder versuchen.»

Auch Beat Schori, 62, stellt eher seinen Sports- als seinen Kampfgeist unter Beweis. Er sei hier, weil sich eine SVP-Gemeinderatskandidatin zurückgezogen habe. «Aber ich würde gerne helfen, etwas in Bern zu bewegen», so der einstige SVP-Haudegen. Eine Kampfansage tönt anders. Das Sahnehäubchen: Die Leistung des Gemeinderats in den letzten vier Jahren bewerten Schori und Schmidt einhellig und überzeugt mit der Note 4,5 – befriedigend bis gut.

Angesichts solcher Schmeicheleien ist es für Tschäppät natürlich ein Leichtes, zu verkünden: «Ich nehme meine Gegner sehr ernst.» Auch wenn er mit ihrer Bewertung nicht ganz einverstanden ist. Er selbst attestiert sich für die letzten vier Jahre nämlich ganz unbescheiden eine 5,5 bei der Leistung. «Im Betragen eine 4,5. Unentschuldigte Absenzen: null.» Prustendes Lachen im Saal, anerkennendes Schmunzeln bei Schmidt und Schori. Hat hier jemand etwas von einer Richtungswahl für Bern gesagt? Tschäppät, Schori oder Schmidt – das ist kaum eine Frage von Weltanschauungen, eher eine Frage des Geschmacks. Jedenfalls weitgehend.

Mehr Wirtschaft oder Wohnen?

Nachdem sich die Kandidaten nämlich ausführlich den Rücken gekrault haben, tauchen doch noch einzelne Differenzen auf. Hauptsächlich bei der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Hier seien dem amtierenden Stadtpräsidenten Versäumnisse anzulasten, findet Schmidt. Der aufgelaufene Sanierungsbedarf bei städtischen Liegenschaften betrage inzwischen 2,5 Milliarden Franken. Trotz geschaffenem Eigenkapital beliefen sich die Schulden der öffentlichen Hand noch immer auf über 700 Millionen Franken.

Tschäppät kämpfe nicht mit ausreichendem Elan gegen die Abwanderung von Arbeitsplätzen. Und das hohe Steuerniveau in der Stadt Bern schrecke gute Steuerzahler davon ab, in die Hauptstadt zu ziehen. «Bei diesen Punkten würde ich ansetzen», so Schmidt. «Wir brauchen neue Unternehmen in Bern, wir brauchen mehr Arbeitsplätze, und wir brauchen mehr Steuersubstrat.»

Eine gewisse Resignation

Ganz ähnlich äussert sich Beat Schori. Er ärgert sich nicht nur über den Stau, den die rot-grüne Verkehrspolitik in der Stadt verursache. Er vermisst auch die Impulse bei der Wirtschaft und beim Bau. Sein persönliches Rezept: «Warum nicht die Bahngleise zwischen Bahnhof und Inselspital überbauen, um Raum für Arbeitsplätze zu schaffen?» Tschäppät pariert die Kritik, indem er auf die Erfolge von RGM verweist. «Die Stadt wächst. Alle wollen nach Bern kommen, um hier zu wohnen.

So falsch haben wir es also nicht gemacht.» Auch die Behauptung, er vernachlässige die Wirtschaftsförderung, weist Tschäppät zurück. «Die Post, die SBB, die Swisscom – sie alle bauen ihre Standorte in Bern aus.» Zudem sei es für ihn gar nicht per se erwünschenswert, mehr Industrie und mehr Arbeitsplätze nach Bern zu holen. Entscheidend sei, dass in Bern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten herrsche. «Meine Priorität ist die Wohnqualität in der Stadt. Ich bin jetzt 60 Jahre alt. Von dieser Politik weiche ich nicht ab.»

«Umhersitzen und verwalten – das reicht einfach nicht», konterte Schmidt. Auch Schori bemerkte: «Ich verspüre beim Stadtpräsidenten eine gewisse Resignation.» Diesem Eindruck trat Tschäppät zuletzt entschieden entgegen: «Ich habe noch nie so viel Lust verspürt, weiterzumachen, wie heute.»

Man möchte anfügen: Stadtpräsident zu sein, war wohl auch kaum je angenehmer als an diesem Abend.

Der Bund

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