«Stadt ohne Autos als grosse Chance»

Kopenhagen habe mit der Ausrichtung auf den Langsamverkehr gewonnen, sagt die Berliner Urbanistin Cordelia Polinna.

Der Verkehr in der Innenstadt soll laut neuem Stadtentwicklungskonzept reduziert werden.

Der Verkehr in der Innenstadt soll laut neuem Stadtentwicklungskonzept reduziert werden. Bild: Adrian Moser

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Frau Polinna, Sie haben an Planungen in verschiedenen Städten Europas mitgearbeitet. Was fiel Ihnen bei der Arbeit in Bern besonders auf?
Bern ist eine Stadt mit einer äusserst hohen Lebensqualität. Die prächtige Altstadt, die Topografie mit der Aare und der deutliche Unterschied zwischen Stadt und Land sind grossartig. Auch wirkt der Bestand an Wohnsiedlungen aus allen möglichen Zeitaltern wie eine Art «städtebauliches Lehrbuch».

Bern hat mehr Pendler als Einwohner. Welche Probleme gibt das?
Dieses Problem haben viele Städte mit einem relativ grossen Umland. Die Verkehrsbelastung ist dabei eine grosse Herausforderung. In einer kleinen Stadt wie Bern ist es allerdings einfacher, die Pendler zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr zu bewegen, als in einer Millionenstadt mit weiten Wegen.

Bis ins Jahr 2030 will die Stadt Bern um 17 000 Einwohner wachsen und den Veloverkehr verdoppeln. Sind das realistische Ziele?
Die Ziele sind realistisch, wenn Quartiere verdichtet oder an Orten erweitert werden, die gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar sind, und wenn Velo- und Fussverkehr Priorität haben. Dabei wird es zentral sein, Wohnungsbau und Verkehrsentwicklung gemeinsam zu denken. Die Stadt Bern scheint mir da auf gutem Weg zu sein.

Teile des Gewerbes befürchten, dass ohne Autos die Quartiere sterben. Teilen Sie diese Befürchtungen?
Nein, ganz im Gegenteil. Die Verdrängung des Autos aus der Stadt ist eine grosse Chance, mehr Lebensqualität zu gewinnen. Man gewinnt öffentlichen Raum, der genutzt werden kann durch Cafés, spielende Kinder und Langsamverkehr. Kopenhagen zum Beispiel hat mit der Ausrichtung auf Fussgänger und Velofahrer nur gewonnen.

Gilt das auch für stark befahrene Ausfallstrassen?
Auf jeden Fall. Sie werden von einem reinen Transit- zu einem Aufenthaltsraum, wo sich Stadtteilzentren entwickeln können. Gerade in Gesellschaften mit einem hohen Anteil an Senioren ist eine Stadt der kurzen Wege enorm wichtig.

Gibt es in Bern Ausfallstrassen, die aufgewertet werden könnten?
Auf der Achse Nordring–Winkelriedstrasse fährt der Verkehr relativ schnell. Hier würde eine Senkung der Tempolimite die Barrierewirkung der Strasse reduzieren. Auch die Strassenräume in Ausserholligen könnten durch eine weniger autoorientierte Aussengestaltung attraktiver für Fussgänger werden.

Sie arbeiten an der Entwicklung in Ausserholligen mit. Finden Sie, der Europaplatz sei ein gutes Beispiel für eine Aufwertung?
Der Platz ist planerisch eine grosse Herausforderung, weil die Autobahnbrücke alles dominiert. Immerhin gibt es jetzt erste Ansätze zu einer Belebung. Die Treppe beim Coop lädt zum Sitzen ein. Noch hat der Platz aber einen «Inselcharakter» und könnte besser mit der Umgebung und den Eingängen zum S-Bahnhof verknüpft werden.

Warum braucht Bern eine Stadterweiterung, statt allein mit innerer Verdichtung zu wachsen?
Eine Stadt kann nicht sämtliche gewerblichen Flächen zur Disposition stellen. Verdichtung ist oft eine Kostenfrage – Aufstockungen können teurer sein als Neubauten. Auch sind im innerstädtischen Bereich Sonderwünsche wie zum Beispiel Generationenwohnungen oder Freiflächen für Gärten schwieriger zu realisieren als beim Bau neuer Siedlungen. Es muss ausgehandelt werden, wie Verdichtung stattfinden soll, sodass die heutigen Bewohner nicht benachteiligt werden.

Überbauungen im Grünen sind oft heiss umstritten. Zu Recht?
Neue Quartiere mit Mischnutzung sind wichtig, um Menschen das Leben in der Stadt zu ermöglichen und den Pendlerverkehr zu reduzieren.

Könnte nicht auch durch Dachausbauten und Anbauten in den Quartieren verdichtet gebaut werden?
Das ist oft eine etwas langwierige Art des Verdichtens, weil in der Regel viele Nachbarn und Eigentümer involviert sind. Auch kann nur in geringem Mass neuer Wohnraum gewonnen werden.

Die Stadt Bern hat jüngst eine Planung an eine Firma ausgelagert. Ist das ein Trend in Europa?
Das ist ein grosser Trend. Man muss aber sehr aufpassen. In London gibt es viele Beispiele für outgesourcte Planungen, bei denen die Stadt am Ende die Verliererin war. Das rächt sich oft später in Form von mangelnder Infrastruktur, zum Beispiel im schulischen Bereich. Eine Stadt sollte bei der Planung nicht zu sehr sparen.

Cordelia Polinna referiert gemeinsam mit dem Berner Stadtplaner Mark Werren am Diskussionsforum «Stadtreparatur durch öffentliche Plätze?» Der Anlass findet heute um 18:30 Uhr im Haus der Religionen statt. (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2016, 07:25 Uhr

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Die Stadt Bern soll gemäss dem neuen Stadtentwicklungskonzept bis 2030 um 17?000 Personen wachsen. Zur Erreichung dieses Ziels sollen in den Gebieten Brünnen-Süd und Rehag Wohnungen für über 3000 Personen auf der grünen Wiese gebaut werden. In der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem gingen deswegen die Wogen aber nicht hoch, sagt Präsident Bernardo Albisetti. An einem Forum in dieser Woche habe es nur vereinzelt kritische Stimmen gegen die Bauvorhaben gegeben.

Schliesslich seien die Pläne zur Stadterweiterung nicht derart überraschend gekommen wie die Pläne der BLS zum Bau eines Depots bei Riedbach. «Die Stadtentwicklung in Bern West wird sowieso komplett anders aussehen, falls das Depot tatsächlich gebaut werden sollte», sagt Albisetti.

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