Ausbilden und wieder eingliedern

Die Stadt Bern will mehr dafür tun, dass Sozialhilfeempfänger wieder auf eigenen Beinen stehen können. Das Zauberwort lautet Qualifizierungsprogramme.

Die Stadt Bern investiert künftig 200'000 Franken mehr in die berufliche und soziale Integration. Vor allem in Kurse im Gastro- und Reinigungsbereich.

Die Stadt Bern investiert künftig 200'000 Franken mehr in die berufliche und soziale Integration. Vor allem in Kurse im Gastro- und Reinigungsbereich. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Strategie enthalte gleich mehrere Innovationen, sagte Franziska Teuscher, Sozialdirektorin der Stadt Bern, gestern vor den Medien. Vorgestellt wurde die neue Strategie zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration in der Stadt Bern 2018–2021. Sie kommt gewissermassen frisch ab Presse; der Gemeinderat hat sie am Mittwoch genehmigt.

Neu sind laut Teuscher niederschwellige Qualifizierungsprogramme im Gastro- und Reinigungsbereich. Neu sei ebenfalls, dass noch vermehrt Personen aus dem Asylbereich von den Programmen im Kompetenzzentrum Arbeit, das sich in der Lorraine befindet, profitieren könnten. Und schliesslich soll die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden und mit Organisationen im Flüchtlings- und Asylbereich ausgebaut werden.

Die zentrale Botschaft von Teuscher: Ohne berufliche Qualifizierung werde es immer schwieriger, eine Stelle zu finden und mit der Arbeit einen existenzsichernden Lohn zu erzielen. Dieser Tatsache trage die Stadt Rechnung, sagte sie und rechnete vor: Wenn eine 25-jährige Person von der Sozialhilfe abhängig sei, würden für sie bis zum Pensionsalter Kosten von rund einer Million Franken anfallen. Eingliederung in den Arbeitsmarkt zahle sich schnell aus – aber auch für die Person selber, da sie sich sozial nicht mehr ausgegrenzt fühlen müsse.

Stadt übt Kritik am Kanton

Auch Felix Wolffers, Leiter des städtischen Sozialamtes, rechnete vor: Wenn einer solchen Person für 15'000 Franken ein Kurs finanziert werde und sie danach eine Stelle finde, seien diese Ausgaben sehr schnell amortisiert. Solche Überlegungen seien bei der kantonalen Fürsorgedirektion «noch nicht angekommen», sagte er. Die Stadt ist in einer Arbeitsgruppe des Kantons, die ein Integrationsprogramm erarbeitet, nicht vertreten («Bund» vom 13. Dezember). Wären Stadtvertreter involviert, würden sie diese Ideen bestimmt einbringen, sagte Wolffers, als er darauf angesprochen wurde. Beim Kanton reagierte man gelassen auf die Kritik (Kasten rechts).

Die Neuausrichtung der Strategie hat ihren Preis. Statt wie bisher 800'000 Franken will die Stadt ab 2019 gut eine Million Franken in die berufliche und soziale Integration stecken. Bei diesem Geld geht die Stadt über das vom Kanton finanzierte Grundangebot hinaus. Die städtische Million sei «ganz entscheidend», sagte Wolffers. Gut 70 Prozent der Menschen, die von Sozialhilfe abhängig seien, hätten keinen Berufsabschluss. Und genau für sie gebe es auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt immer weniger Stellen. Sie auszubilden und zu qualifizieren, sei deshalb der Erfolg versprechende Weg.

Selbstverständlich seien diese Programme, die zusammen mit Branchenverbänden erarbeitet werden, unterhalb des Berufsbildungsniveaus positioniert, sagte Wolffers. Erfahrungen aus dem Pflegebereich zeigten aber, dass mit niederschwelligen Qualifizierungsangeboten gute Erfolge erzielt werden könnten. Von den Personen etwa, welche Pflegehelferkurse absolvierten, könnten anschliessend fünf von sechs eine Stelle antreten. In der Stadt Bern sollen künftig pro Jahr 30 bis 40 Personen mit halb- und ganzjährigen Kursen qualifiziert werden und somit in den Besitz eines Zertifikates gelangen. Kurse gibt es im Gastro- und im Reinigungsbereich. Erstere sollen in der geplanten Küche im Zieglerspital durchgeführt werden. Die Personen, die dort arbeiten, werden laut Wolffers Mahlzeiten für Schulen und Kindertagesstätten zubereiten. «Es ergibt sich eine Win-win-Situation.»

Die neue Strategie hält zudem Lösungen parat für Angestellte der Stadt, die nach einem Unfall oder einer Erkrankung nicht mehr oder noch nicht an ihrer ursprünglichen Stelle arbeiten können. Ein Pilotversuch des Kompetenzzentrums Arbeit für Mitarbeitende im Entsorgungsbereich habe sich bewährt, hiess es gestern. Die Dienstleistung soll deshalb auf die ganze Verwaltung ausgedehnt und unbefristet angeboten werden. (Der Bund)

Erstellt: 22.12.2017, 12:08 Uhr

Kanton «Neue Schritte gewagt»

Auf die Kritik der Stadt Bern, gewisse Gedanken seien noch nicht beim Kanton angekommen, reagiert die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) mit einem Verweis auf die eigenen Pläne: Der Kanton habe mit dem Arbeitsintegrationsprogramm «neue Schritte gewagt», schreibt GEF-Sprecher Gundekar Giebel in einer Stellungnahme. Eine Arbeitsgruppe bestehe bereits seit mehreren Monaten; erste Stossrichtungen seien festgelegt worden. Gearbeitet wird laut Giebel an der Konstruktion verschiedener Anreizsysteme. Ziel des Programms sei die «möglichst rasche Arbeitsintegration und längerfristige wirtschaftliche Selbständigkeit» von Sozialhilfeempfängern. «Wir sind der festen Überzeugung», hält Giebel fest, «dass es sinnvoller ist, eine Person möglichst rasch wieder in das Erwerbsleben einzugliedern (...), anstatt die Sozialhilfe als einzige Alternative zu akzeptieren.» (db)

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