Stadt besteht nicht auf Schutzmauer

Die Direktion der Berner Gemeinderätin Ursula Wyss prüft eine Redimensionierung der Hochwasserschutzmauer im Altenberg.

Lange vor einem Hochwasser wird das Kellergeschoss der Liegenschaft von Michael und Elsbeth Steiner durch Grundwasser geflutet.

Lange vor einem Hochwasser wird das Kellergeschoss der Liegenschaft von Michael und Elsbeth Steiner durch Grundwasser geflutet.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Bei einer Durchflussmenge von 370 Kubikmetern Aarewasser pro Sekunde wird Michael Steiner nervös. Bei diesem Volumen hat er bereits ein Behörden-SMS erhalten, in dem er über die Hochwassergefahr informiert wird.

Nimmt die Wassermenge weiter zu, besteht bei seiner Liegenschaft an der Altenbergstrasse die Gefahr eines Grundwasseraufstosses – lange bevor die Aare über ihre Ufer tritt. «Ist diese Durchflussmenge erreicht, dauert es erfahrungsgemäss noch vier Stunden, bis der Keller unter Wasser steht», sagt Steiner. Zuerst drücke das Wasser bei den Türschwellen hoch und später an den Bodenleisten. «Haben wir unsere Sachen bis dahin nicht in Sicherheit gebracht, ist es zu spät», sagt Steiner.

«Es braucht keine Mauer»

Für den Aare-Anrainer ist klar, dass das eigentliche Problem im Altenbergquartier der Grundwasseraufstoss und nicht das Hochwasser ist. Der Bau einer Schutzmauer trage zur Lösung dieses Problems nichts bei. «Aus unserer Sicht braucht es keine Mauer», sagt Steiner. Not tue allenfalls eine Mauer im Boden gegen das Grundwasser und nicht eine Mauer entlang der Aare, wie dies das Hochwasserschutzprojekt vorsieht.

Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts sei sein Keller viermal unter Wasser gestanden, sagt der Familien­vater. Die Durchflussmenge der Aare sei aber nur in den Jahren 1999 und 2005 über das kritische Volumen von 550 Kubikmetern pro Sekunde angestiegen, so dass der Fluss über die Ufer getreten sei. Steiner gehört daher zu den 45 Einsprechern gegen die Hochwasserschutzmassnahmen im Altenberg.

Das Problem des Grundwassers betreffe im Übrigen nicht nur ihn, sondern auch die Eigentümer diverser anderer Liegenschaften im Quartier, sagt Steiner.

Lerch wünscht Einigung

Der Widerstand gegen die Mauerpläne im Wohnquartier an der Aare ist gross (der « Bund» berichtete). Er manifestiert sich nicht nur in Einsprachen, sondern auch in der Gründung einer Interessengemeinschaft und der Lancierung einer Petition, die Anfang September mit über 6000 Unterschriften Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) übergeben worden ist.

Die Heftigkeit der Opposition hat den Gemeinderat offenbar überrascht. Denn bis anhin haben eher die Pläne für eine Mauer in der exponierteren Matte für Schlagzeilen gesorgt. Dort hatte der Gemeinderat Anpassungen am Projekt vorgenommen. Diese enthalten unter anderem eine Verkleinerung der Mauer, die bei Bedarf durch mobile Dammbalken erhöht werden könnte.

Nun signalisiert die Stadtregierung erstmals auch im Altenberg Kompromissbereitschaft. Aus fachlicher Sicht sei er vom Projekt nach wie vor überzeugt, sagt Stadtingenieur Reto Zurbuchen.

Die Bedenken wegen der Ufermauer würden nun aber in Zusammenarbeit mit Kanton, Bund und Blaulichtorganisationen überprüft. «Sobald allfällige Anpassungen und Projektoptimierungen vorliegen, werden wir mit den Einsprechern und Petitionären das Gespräch suchen.»

Dies könnte schon bald der Fall sein, wie aus Aussagen von Statthalter Christoph Lerch hervorgeht. Denn Lerch will die Einspracheverhandlungen voraussichtlich im ersten Quartal 2019 durchführen. «Es ist sehr erwünscht, dass sich Stadt und Einsprecher bis dahin über mögliche Projektanpassungen einigen», sagt Lerch.

Einsprecher freuen sich

Bei der Interessengemeinschaft Save our Aare hat man bisher allerdings von der Stadt noch nichts gehört. Umso erfreuter ist Sprecherin Angela Mattli, dass das Tiefbauamt nun Projektanpassungen prüfen will. «Wir möchten mit der Stadt auf Augenhöhe diskutieren.»

Nebst der Grundwasserproblematik und der Dimension des Mauerprojekts gehe es etwa auch um die geplante Absenkung des Uferwegs, der deswegen öfter gesperrt werden müsste. «Wir streben eine Lösung an, mit der alle leben können», sagt Mattli.

Heikle Grundwasserfrage

Ob es in Sachen Grundwasseraufstoss eine Lösung gibt, ist aber zweifelhaft. Gegenmassnahmen seien keine geplant, sagt Stadtingenieur Zurbuchen. «Eingriffe in die Grundwasserregulierung sind nicht nur überaus aufwändig, sondern auch juristisch heikel.» Im Rahmen des Projekts sollen aber die Entwässerungsleitungen angepasst werden, damit sie nicht mehr überlaufen, sagt der Stadtingenieur.

Damit ist das Problem von Familie Steiner aber noch nicht gelöst. Zwar stünde wohl der Vorbereich des Hauses nicht mehr unter Wasser, weil es keinen Rückstau in der Regenwasserleitung mehr gäbe. Das Grundwasser würde aber trotzdem noch in den Keller dringen. «Wir hoffen, dass die Stadt uns noch eine zusätzliche Sickerleitung baut», sagt Steiner.

Der Bund

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