Stadt Bern will «Rassistisches» inventarisieren

Der Gemeinderat will eine Stiftung damit beauftragen, ein Inventar rassistischer Darstellungen im öffentlichen Raum zu erstellen. Inhalte und Kosten sind noch unklar.

Rassistisch? Das Wappen der Berner Zunft zum Mohren.

Rassistisch? Das Wappen der Berner Zunft zum Mohren.

(Bild: Valérie Chételat)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Ist der schwarze Kopf im Wappen der Zunft zum Mohren eine rassistische Darstellung? Um diese Frage ist im Berner Stadtrat vor Jahresfrist ein Streit entbrannt. Die Zunft hat mit dem Anbringen eines Schilds am Zunfthaus reagiert, das die Figur als Referenz an den heiligen Mauritius deutet, den aus Nordafrika stammenden Schutzpatron der Farb- und Tuchwerker.

Damit ist die Debatte aber nicht erledigt, wie der nun vorliegende Bericht des Gemeinderats auf einen Vorstoss zweier SP-Stadträte zeigt. Darin wird eine «Lösung» für «sämtliche rassistischen Darstellungen im öffentlichen Raum» gefordert.

Gemäss dem Gemeinderat gibt es zurzeit keine Übersicht über möglicherweise rassistische Darstellungen in den Gassen und an den Fassaden der Gebäude in der Bundesstadt. Die Stadtregierung will daher einer «geeigneten Institution» einen Auftrag zur «Inventarisierung des Rassistischen» im öffentlichen Raum erteilen.

In diesem Zusammenhang verweist der Gemeinderat auf die Stiftung Cooperaxion, die daran sei, ein «Bern-Mapping» im Internet zu erstellen. Dieses enthalte Daten, Bilder und Standorte zu Bernischen Verflechtungen mit der aussereuropäischen Welt.

«Masslos übertrieben»

Ein erstes «informelles Gespräch» mit der erwähnten Stiftung habe bereits stattgefunden, sagt Sven Baumann, Generalsekretär der Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS). Da der Vertragspartner aber noch nicht definitiv sei, könnten keine genaueren Angaben über Inhalt und Kosten des Auftrages gemacht werden.

Laut Vorstossantwort soll der öffentliche Raum nach möglichen Hinweisen auf die koloniale Vergangenheit Berns «durchgescannt» werden. Ein breiteres Bewusstsein um die Existenz einer solchen Vergangenheit ist nicht zuletzt auch das Resultat der Debatte um den SP-Vortoss. So wies etwa der Historiker Hans Fässler im «Bund» darauf hin, dass der Staat Bern finanziell an einer der Südsee-Kompanien beteiligt war, die Sklaven nach Nordafrika verschifft hatten.

Auch seien einzelne Berner Patrizier direkt im Sklavenhandel engagiert gewesen. Fässler tritt allerdings nicht für eine Entfernung von als rassistisch taxierten Darstellungen aus dem öffentlichen Raum ein, wie dies die SP-Stadträte in letzter Konsequenz gefordert hatten. Das Anbringen eines erklärenden Schilds hält er hingegen für angebracht.

Für einen Erhalt der Darstellungen tritt auch der Gemeinderat ein. Aufgrund der Erkenntnisse aus dem Auftrag an die Stiftung will er die Darstellungen jedoch auf einer virtuellen Karte oder mit Tafeln erklären lassen. SVP-Stadtrat Henri-Charles Beuchat hält dies für «masslos übertrieben». Schliesslich gehörten Darstellungen wie jene des heiligen Mauritius am Zunfthaus zum Mohren zur Berner Geschichte und seien ursprünglich oft nicht rassistisch motiviert gewesen. «Geschichte kann man nicht rückgängig machen», sagt Beuchat.

Der Bund

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