Stadt Bern will 5000 Dossiers von Verdingkindern aufbereiten

Die Stadt Bern will 5000 Dossiers von Verdingkindern, Zwangssterilisierten und anderen Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen aufbereiten. Ende Jahr sollen die Unterlagen für die Forschung bereitstehen.

Nationale Gedenkstaette für Heim- und Verdingkinder in Mümliswil SO. Die Stadt Bern will die eigenen Dossiers nun für die Forschung aufbereiten.

Nationale Gedenkstaette für Heim- und Verdingkinder in Mümliswil SO. Die Stadt Bern will die eigenen Dossiers nun für die Forschung aufbereiten.

(Bild: Keystone Alessandro della Valle)

Das schreibt der Gemeinderat in seiner am Montag publizierten Antwort auf einen Parlamentsvorstoss. Die Stadtregierung wolle das Bestreben des Bundesrats unterstützen, Licht in ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte zu bringen.

Die SP-Fraktion hatte sich mit einer Interpellation erkundigt, wie Bern die Akten von Betroffenen fürsorgerischer Massnahmen erschliessen will. Die Bundesstadt verfügt - wie seit längerem bekannt - über 300 Laufmeter Fallakten, die Ausschnitte aus Lebensläufen am Rande der Gesellschaft dokumentieren.

Bis zu 30'000 Dossiers

Im Vergleich zu anderen Schweizer Gemeinden sei das aussergewöhnlich viel, hält der Gemeinderat fest. Allein aus der Zeit von 1920 bis 1960 gebe es 25'000 bis 30'000 Personendossiers. Aus der Zeit nach 1960 sei immerhin eine Auswahl von Dossiers überliefert.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind die aus armen Familien stammenden Kinder, die an Bauernbetriebe verdingt wurden. Der Behördenwillkür ausgesetzt wurden aber auch etwa Frauen, die unverheiratet schwanger wurden, und junge Männer, die als «arbeitsscheu» eingestuft wurden.

Seit sich die offizielle Schweiz mit dem Thema beschäftigt, haben die Einsichtsgesuche von Betroffenen oder Angehörigen auch in der Stadt Bern stark zugenommen. Allein im letzten Jahr gingen 21 Anfragen beim Stadtarchiv ein, früher waren es höchstens zwei pro Jahr.

Schwierige Suche

Doch für die tausenden Fallakten gibt es laut Gemeinderat kein adäquates Findmittel. Jedes Einsichtsgesuch erfordert einen Aufwand von sechs bis sieben Stunden. Die schwierige Suche erschwert auch die wissenschaftliche Forschung.

Der Gemeinderat will deshalb die Akten besser erschliessen, die Unterlagen konservieren und die Dossiers digitalisieren. Die Zeit eile, weil der Bund die Universitäten schon in diesem Jahr mit der historischen Aufarbeitung beauftragen wolle.

Das Stadtarchiv stehe also vor der Herausforderung, in kurzer Zeit möglichst viele Dossiers für die Forschung bereitzustellen, schreibt der Gemeinderat. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich die Forschenden besser erschlossenen Beständen in anderen Archiven zuwenden.

5.70 pro Dossier

Um möglichst rasch eine repräsentative Auswahl von Falldossiers bereitstellen zu können, muss bis Ende 2014 ein namhafter Teil der archivierten Dossiers aufgearbeitet werden. Das Stadtarchiv geht von einer Grundmenge von mindestens 5000 Dossiers aus, damit die Forschung repräsentative Ergebnisse erzielen kann.

Pro Dossier ist mit Kosten von 5.70 Franken zu rechnen, schreibt der Gemeinderat. Das habe ein Pilotprojekt ergeben. Damit entstünden Kosten von knapp 30'000 Franken.

gbl/sda

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