Stadt Bern hat selbst Business-Apartments gebaut

Die Stadt Bern ist in Brünnen an zwei Häusern beteiligt, in denen teure Wohnungen mit zusätzlichem Service vermietet werden. Das gehe nicht, findet die grüne Politikerin Stéphanie Penher.

So werden die Business-Apartments in Brünnen im Internet beworben.

So werden die Business-Apartments in Brünnen im Internet beworben. Bild: zvg

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Business-Apartments sorgen in der Stadt Bern regelmässig für Diskussionen und stossen auf grossen Widerstand. Der linke Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA) forderte im August gar per Motion, Business-Apartments aus der Wohnzone zu verbannen. Die Stadt hat aber selbst solche gebaut. Die Stadt Bern ist nämlich sowohl an der Baugenossenschaft Aare wie auch an der Stadtwohnung Bern AG beteiligt, wie die «Berner Zeitung» publik machte. Der Bereichsleiter des Immobilienmanagements Fonds der Stadt Bern, Marc Lergier, ist sowohl hier wie dort Mitglied des Vorstands. Die Baugenossenschaft Aare baut in Brünnen ein Haus mit 59 1½-Zimmer-Wohnungen und einer Concierge-Wohnung. Die Apartments werden möbliert vermietet. Im Mietpreis von 1300 Franken pro Monat sind die Nebenkosten, WLAN, die Reinigung alle zwei Wochen und ein Wäscheservice inbegriffen. Zusätzliche Dienstleistungen kosten extra. Zum Beispiel die Miete eines Föns: 20 Franken pro Monat; eines Fernsehers: 60 Franken pro Monat; oder eines Garagenplatzes: 140 Franken pro Monat. Die Apartments können für wenige Monate gebucht werden. Und nur ein Haus weiter vermietet die Stadtwohnung Bern AG längerfristig 1½- und 2½-Zimmer-Wohnungen für 1000 bis 1430 Franken. Dazu können die Mieter Dienstleistungen wie Wäsche, Reinigung und so weiter buchen.

Ein «steuertechnischer Blödsinn»

Es sei nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, solche Apartments zu bauen, kritisiert Stéphanie Penher, Präsidentin des Grünen Bündnisses. «Die Stadt muss sich auf bezahlbaren Wohnraum fokussieren», sagt sie. Teuren Wohnraum auf Zeit bringe der Markt selbst hervor, da eine Nachfrage bestehe. Für die Stadt seien die Wohnungen für Kurzaufenthalter ein «steuertechnischer Blödsinn», sagt sie. Die Aufenthalter nutzten die Infrastruktur, aber zahlten dafür keine Steuern. Sie erwarte deshalb, dass sich die Stadt von dem Angebot distanziere und sich die Baugenossenschaft Aare die Gemeinnützigkeit nicht bloss auf die Fahne schreibe, sondern sie auch umsetze.

Michael Aebersold, zuständiger SP-Gemeinderat und Vorsteher von Immobilien Stadt Bern, geht mit seiner Kritikerin einig. Der Gemeinderat müsse für die dauerhaften Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt mehr Wohnraum schaffen. Doch habe der Gemeinderat den Projektwettbewerb für die Baufelder in Brünnen schon vor fünf Jahren genehmigt. Zu dieser Zeit war die FDP-Gemeinderätin Barbara Hayoz Direktorin Finanzen, Personal und Informatik, wozu auch die Verwaltung der städtischen Liegenschaften gehört. «Ich selber hätte den damaligen Entscheid nicht mitgetragen», schreibt Aebersold per E-Mail auf Anfrage des «Bund». Der Entscheid lasse sich aber nicht rückgängig machen. Immerhin reduzierten die Apartments die täglichen Pendlerströme und die städtische Beteiligung an der Baugenossenschaft Aare bringe jährlich rund 10'000 Franken an Zinsen ein.

Genossenschaft für Handwerker

Die Baugenossenschaft Aare sei nicht primär eine gemeinnützige Organisation, sagt Geschäftsführer Samuel Gaschen. Laut Website wurde die Genossenschaft 1921 gegründet, um das Baugewerbe anzukurbeln und Aufträge für Handwerker zu schaffen. Das gilt noch heute. «Wir wollen mit unseren Genossenschaftern bauen», sagt Gaschen. Neben der Stadt und der Berner Gebäudeversicherung sind zehn Baufirmen und neun Privatpersonen Genossenschafter. Letztere werden nicht namentlich aufgeführt. In Brünnen habe die Genossenschaft eine Parzelle Land zum Marktpreis gekauft und bebaut. Preisgünstig könne die Genossenschaft nur bauen, wenn etwa die Stadt Land zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung stelle.

Eine politische Frage

Für den Berner Soziologen Ben Jann ist es letztlich eine politische Frage, ob die Stadt sich an gewinnorientierten Liegenschaften, wie den Business- und Service-Apartments in Brünnen, beteiligen soll oder nicht. Denn es sei sehr schwierig, die positiven und negativen Auswirkungen von solchen Bauten auf ein Quartier sauber zu analysieren. «Die Linken argumentieren mit Wohnraumknappheit dagegen, die Bürgerlichen mit Wirtschaftsförderung dafür», sagt er. Dass Quartiere aufgewertet und teurer würden, sei nicht in erster Linie von Business-Apartments verschuldet. Es liege an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung. «Man kann ein Quartier nicht erhalten, wie es ist.» Auch hätten die Business-Häuser in der Stadt Bern noch nicht überhandgenommen. Die Stadt könne aber beispielsweise mit Genossenschaftsbauten dafür sorgen, dass die soziale Durchmischung auch in aufgewerteten Quartieren erhalten bleibt.

In Bern betreibt die Firma Glandon Apartments AG bereits an der Rathausgasse, an der Thun- und Alpenstrasse sowie in Wabern Häuser mit Business-Apartments. Anfang August wurde bekannt, dass sie auch das Gebäude der ehemaligen Alkoholverwaltung in der Länggasse in ein Haus für Business-Apartments umbauen will. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2017, 16:29 Uhr

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