Staatsanwaltschaft schliesst politische Gesinnung als Tatmotiv aus

Safari-Morde: Der Prozess in Istanbul gegen einen mutmasslichen Täter zieht sich hin. Am Donnerstag hielt die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer.

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Fast 16 Jahre ist es her, dass vier unbekannte bewaffnete Täter im Tearoom Safari an der Belpstrasse in Bern am 27. 7. 1998 mit schweren Waffen den Besitzer des Lokals, das kurz vor der Eröffnung stand, sowie drei weitere Personen mit höchster Brutalität ermordeten. Seit rund einem Jahr muss sich nun ein 56-jähriger Mann vor der Grossen Strafkammer in Istanbul für die Tat verantworten. Es handelt sich dabei um einen türkischen Staatsangehörigen.

Da die Türkei seine Staatsbürger nicht ausliefert, wird ihm der Prozess vor Ort gemacht. Dabei orientiert sich das Strafmass an der Schweiz, dessen Mindeststrafdauer nicht unterschritten werden darf.

Zum neuen Verhandlungstag, der gestern im Justizpalast auf der anatolischen Seite Istanbuls stattfand, waren weitere Opferangehörige angereist und als Nebenkläger aufgetreten. Sie hoffen, dass noch bevor das Gericht in die Sommerpause geht, einer der mutmasslichen Täter verurteilt wird und Hinweise auf die drei Mittäter gefunden werden.

Angeklagter schweigt

Doch der Angeklagte schweigt beharrlich zu den schweren Vorwürfen. Bei Prozessbeginn behauptete er, zur Tatzeit nicht am Tatort gewesen zu sein. Seit er diese Aussage aufgrund von DNS-Beweisen nicht aufrechterhalten kann, sagt er, dass er sich nicht erinnern könne, und gab zu Protokoll, dass er in der Schweiz wegen Alzheimer in Behandlung gewesen sei. Unterlagen dazu liegen dem Gericht nicht vor. Allerdings hat seine Exfrau in ihrer Aussage bestätigt, dass er während ihrer Ehe von Zeit zu Zeit Medikamente genommen habe.

Aus einem Gutachten, das vom gerichtsmedizinischen Institut auf Antrag des Gerichts erstellt wurde, geht hervor, dass der Angeklagte unter keiner psychischen Krankheit leidet, die eine stationäre Behandlung erforderlich macht. Während das Schreiben keine Aussage über die Straffähigkeit des mutmasslichen Täters abgibt, bietet es jedoch Einblick in sein Leben. Demnach kam er 1989 auf illegalem Weg in die Schweiz, nachdem er in der Türkei sieben Jahre wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft gewesen war.

In dieser Zeit war er massiver Folter ausgesetzt. Von seiner Frau, die noch immer in der Schweiz lebt, ist er geschieden, seine Kinder reagieren nicht auf seine Kontaktversuche. Bis zu seiner Verhaftung im November 2013 arbeitete er als Spielzeugverkäufer auf dem Wochenmarkt. In psychiatrischer Behandlung war er laut eigener Aussage jedoch nicht mehr, seit er in Istanbul ist.

Für die Angehörigen der Opfer ist die Haltung des Täters, der dem Prozess teilnahmslos beiwohnt und von dessen Schuld sie aufgrund seiner DNS-Spuren am Tatort und auf einer der Tatwaffen überzeugt sind, schwer zu ertragen. Ebenso der schleppende Verlauf des Prozesses, der nach türkischen Regeln geführt wird. Jeder weitere Verhandlungstag ist für die Angehörigen eine emotionale Zerreissprobe.

Streit mit einer Putzfrau

Die Staatsanwaltschaft folgte in ihrem Plädoyer den Ausführungen von Kasim Günes, dem Anwalt der Nebenkläger. Sie geht davon aus, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Als Motiv wird eine Verbindung zu einer politischen oder kriminellen Organisation ausgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft folgt der Argumentation der Nebenkläger. Demnach war ein Streit mit einer Reinigungskraft Grund für die Bluttat. Nachdem der Streit eskaliert ist und der Lokalbesitzer Garip Kizilkaya seine Angestellte geohrfeigt hat, sollen Freunde der Frau aufgetaucht sein und Drohungen ausgesprochen haben. Ungeklärt bleibt, in welchem Verhältnis die Täter zur Frau standen und wie sie sich Waffen von nicht unerheblicher Menge beschaffen konnten. Möglicherweise wird das Urteil am 23. Juli 2014 gefällt werden. Noch sind drei mögliche Täter auf freiem Fuss.

Der Bund

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