Spitex Bern schlägt grob zurück

Der freigestellte Geschäftsführer habe ein «Komplott» gegen den Arbeitgeber angezettelt, sagt Spitex Bern. Fünf Betriebsleiterinnen, die ihn unterstützten, wurden suspendiert.

Spitex Bern lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen: Christoph Minnig und Rahel Gmür gestern vor den Medien.

Spitex Bern lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen: Christoph Minnig und Rahel Gmür gestern vor den Medien.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Bei Spitex Bern war in den letzten Tagen eine Revolte in Gang. Nachdem sich die Geschäftsleitung vom Geschäftsführer Daniel Piccolruaz getrennt hatte, muckten fünf Betriebsleiterinnen auf: Spitex Bern müsse ihn wieder einstellen, damit er die angestossenen Reformen fortführen könne. Am Montag hat die Geschäftsleitung ihre Sicht dargelegt. Man habe zuerst die Belegschaft darüber orientieren wollen, was geschehen sei, sagte die Verwaltungsratspräsidentin von Spitex Bern, Rahel Gmür. Auch habe man sich juristisch absichern wollen.

Was Gmür, sekundiert von Vizeverwaltungsratspräsident Christoph Minnig, vor den Medien sagte, liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. «Komplott gegen Spitex Bern ist aufgedeckt», so der Titel der Medienmitteilung. Gmür und Minnig sagten, der befristet angestellte Piccolruaz habe sich treuwidrig verhalten, indem er Geschäftsgeheimnisse in die Öffentlichkeit getragen und Teile der Belegschaft gegen die Chefs aufgewiegelt habe. Fünf Betriebsleiterinnen, die sich gegen die Geschäftsleitung stellten und Piccolruaz unterstützten, seien per sofort suspendiert und zudem verwarnt worden. Ihre Funktion werde von Stellvertreterinnen übernommen. Eine Verwarnung geht oft einer Kündigung voraus.

Die fünf – sie seien noch nicht lange für die Spitex tätig – erhielten Gelegenheit, sich glaubhaft von Piccolruaz’ Machenschaften zu distanzieren und ihre Loyalität zur Führung zu erklären. Der Anwalt der Spitex, der laut Gmür aus terminlichen Gründen der Medienorientierung nicht beiwohnen konnte, prüfe Schadenersatzforderungen und strafrechtliche Schritte, denn die Reputation der Firma sei beschädigt worden.

Immer ad interim angestellt

Gmür und Minnig legten dar, dass der Ex-Geschäftsführer stets ad interim angestellt gewesen sei. Am 17. Januar habe der Verwaltungsrat (VR) ihn informiert, dass sein Mandat auslaufe. Offen geblieben sei, ob es regulär am 30. Juni auslaufe oder ob er sich früher zurückziehe. Am 22. Januar habe der VR dies bekräftigt und zugesagt, dass Piccolruaz zur Sicherung der Kontinuität den definitiven Geschäftsführer einführen werde. Dann aber habe der scheinbar einverstandene Piccolruaz seine «Führungsverantwortung missachtet», die Lage «kontinuierlich verschärft» und «gezielt eine Destabilisierung» provoziert.

Die VR-Spitze von Spitex Bern legte stellenweise eingeschwärzte «Beweisdokumente» vor, die zeigen sollen, dass Piccolruaz ein Drehbuch mit Szenarien entworfen habe. Teil des Plans sei es gewesen, sowohl Angestellte als auch Kunden bei Spitex Bern abzuwerben und in einer Auffanggesellschaft zu übernehmen. Piccolruaz habe somit gegen den Auftraggeber «agiert», sagte Minnig, deshalb falle das «Wording» des VR auch so scharf aus. Das Wichtigste aber, betonten Gmür und Minnig, sei die Funktionsfähigkeit von Spitex Bern. Die Pflegeleistungen müssten professionell und in Ruhe erbracht werden können. Der Verwaltungsrat stehe geschlossen hinter der 400-köpfigen Spitex-Belegschaft, die in der Stadt Bern und in der Gemeinde Kehrsatz tätig ist.

Der Verwaltungsrat hat am Montag eine neue interimistische Geschäftsführerin eingesetzt: die aus Deutschland stammende, im Seeland wohnhafte Christine Schneider. Sie hatte 2008 an der HSG einen Doktortitel in Ökonomie erworben. Ihre Dissertation trägt den Titel: «Erfolgsfaktoren in kleinen Dienstleistungsunternehmen». Schneider wurde von Gmür kurz vorgestellt («sie hocket da hinger»), nahm aber an der Medienorientierung nur als Zuhörerin teil.

Vorwurfe an Spitex Seeland

Vorwürfe platzierte Gmür auch an die Adresse von Spitex Seeland. Mit dieser habe Spitex Bern den Mandatsvertrag für Piccolruaz abgeschlossen. Die Seeländer seien nun «aufgefordert, die Ereignisse rund um Piccolruaz aufzuklären» (siehe Text nebenan). Zur Zusammenarbeit mit ihm kam es laut Spitex Bern, als im Frühjahr 2017 der damalige Geschäftsführer wegen eines schweren Krankheitsfalls in der Familie seine Arbeit ganz kurzfristig aufgeben musste. Spitex Bern habe dringend Ersatz benötigt.

Auf Anfrage habe Spitex Seeland zugesagt, Piccolruaz «auszuleihen», was den Vorteil gehabt habe, dass kein branchenfremder Kadermann habe eingearbeitet werden müssen: Piccolruaz kennt laut Gmür «das System hingerzi u fürezi». Er habe «gute strukturelle Arbeit geleistet», sagte Minnig auf Nachfrage. Seine Reform, die Betriebsleiterinnen in die Geschäftsleitung einzubinden, sei nach wie vor richtig und werde beibehalten. Wenn diese Betriebsleiterinnen nun aber meinten, «das Sagen zu haben», fuhr Gmür fort, offenbare dies «ein falsches Verständnis ihrer Aufgaben». Das sei inakzeptabel.

Der Bund

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