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Sommertage, die Bern erschütterten

Am 20. Juni 1980 rebellierten Jugendliche in Bern – der Auftakt zu einem langen und harten Konflikt mit Stadtbehörden und Polizei. Dreissig Jahre danach blicken vier «Bewegte» zurück.

Das Tramdepot als «Rote Fabrik für Bern»: Dies forderte vor 30 Jahren die bewegte Berner Jugend. (Max Füri)
Das Tramdepot als «Rote Fabrik für Bern»: Dies forderte vor 30 Jahren die bewegte Berner Jugend. (Max Füri)

Es waren nur etwa 200 Jugendliche und junge Erwachsene, die sich am Abend des 20. Juni 1980 beim Bärengraben versammelten. Und ihre Forderung war nicht besonders revolutionär: ein eigenes Jugendzentrum.

Doch an jenem Freitagabend lag Aufruhr in der Luft. Drei Wochen zuvor, am 30. Mai, war der Zürcher Opernhauskrawall ausgebrochen – unerwartet, intensiv und gewaltsam. Brennende Barrikaden und Tränengas dominierten seither die Fernsehnachrichten. Die Schweiz und die Welt waren schockiert – oder fasziniert.

Zürcher Revolte im Kopf

Dennoch habe die erste Berner Demo als friedliches Happening begonnen, erinnert sich der heutige Stadtratspräsident Urs Frieden (Grünes Bündnis). «Den meisten war aber wohl bewusst, dass es früher oder später auch hier zur Konfrontation kommen würde.» Ihm nicht. «Die Berner Polizei ist toleranter als die Zürcher», erklärte Frieden, Sohn eines Polizisten, den Mitdemonstrierenden.

Aber auch aufseiten der Polizei hatte man die Bilder aus Zürich im Kopf – und wollte Ähnliches mit entschiedenem Durchgreifen abwenden.

Das alte Tramdepot beim Bärengraben hatte die Polizei vorsorglich besetzt. Die Versuche der Demonstranten, sich hier im Handstreich «eine rote Fabrik für Bern» zu erobern, verliefen im Sand. Man zog zum Zytglogge, die aus Zürich bekannte Spirale der Gewalt setzte ein: eingeschlagene Schaufenster, Wasserwerfer, Polizeiknüppel.

Am Wochenende darauf, am Samstag, 28. Juni, versuchte eine Gruppe von Kulturschaffenden, dem Protest eine friedliche Note zu verleihen. Res Balzli liess sich mit seinem Cello auf einem Dreiradvelo zur Demo vor dem Stadttheater fahren. Der Beizer und Filmschaffende erinnert sich: «Ich hatte den unumstösslichen Glauben, dass mir nichts passiert, solange ich etwas so Friedliches wie Musik mache.» Ein Irrtum. Aus nächster Nähe spritzte die Polizei ihm ein Tränengas-Wasser-Gemisch ins Gesicht. Balzli litt unter massiven Augenbeschwerden und verbrachte mehrere Tage im Spital. Dennoch sagt er: «Ich genoss es, ich war der Märtyrer der Szene.»

So überraschend der Protest über Zürich und danach über Bern hereingebrochen war, er kam nicht aus dem Nichts. Der gelernte Bäcker-Konditor Daniel Jost hatte sich – wie viele andere – bereits in der Anti-AKW-Bewegung engagiert, die Krankenschwester Heidi Ensner in der Frauenbewegung. Beide hatten schon Polizeieinsätze gegen Demonstrationen erlebt und Bundesrat Kurt Furglers Vorlage für eine Bundessicherheitspolizei (Busipo) bekämpft.

Bern länger bewegt als Zürich

Den Funken zur Berner Bewegung gezündet hatte die «Kultur Guerilla Bern». Das Grüppchen um den Schauspieler Max Rüdlinger mit der neckischen Abkürzung KGB rief zur ersten Demo beim alten Tramdepot auf. Die KGB hatte schon lange vorher witzig-subversive Botschaften verbreitet – sogar via Piratensender.

So ähnlich die Motive der Bewegten in Zürich und Bern waren, so unterschiedlich war der Ablauf der Ereignisse: Am Tag, als die Berner Bewegten sich vor dem Stadttheater zu ihrem zweiten Demowochenende besammelten, öffnete das Autonome Jugendzentrum (AJZ) in Zürich bereits seine Tore.

Die viel heftigere Zürcher Bewegung jedoch war mit dem Abriss des AJZ im Frühling 1982 zu Ende. In Bern schlossen zwar die Behörden die Reithalle nur wenig später, doch Mitte der 80er-Jahre formierte sich die Bewegung mit Zaff und Zaffaraya neu. 1987 eroberte sie die Reithalle zurück – das Berner AJZ gibt es noch heute.

Blühende Bewegungsszene

«Die Berner Szene blieb die ganzen 80er-Jahre hindurch extrem lebendig, weil sie anders als in Zürich weiterkämpfen musste», sagt Frieden. Im Umfeld von Zaff und Zaffaraya entstanden etwa so bekannte Bands wie Züri West, Stop The Shoppers oder Phon Roll.

Die Schaffung kultureller Freiräume, nicht nur in der Reithalle, sieht der Kulturschaffende Balzli als nachhaltigstes Ergebnis der Bewegung. Ein erster Erfolg war, dass die zuvor verbotene Strassenmusik erlaubt wurde.

Caduta Massi, die Band der Bewegung, brachte neben eigenen auch zuvor unbekannte Stücke etwa von Tom Waits auf die Berner Gasse. Sie versammelte Talente, die wie Endo Anaconda, Sandra Goldner oder Tini Hägler der Berner Musikszene neuen Schub verliehen.

Frieden verweist zudem darauf, dass in Bern eine Vielfalt von linken Betrieben mit Wurzeln in der Bewegungszeit entstanden ist. Druckerkollektive oder Landschaftsgärtnereien etwa. Auch die heutige Berner Beizenlandschaft wäre ohne die Pioniere aus den wilden 80er-Jahren sehr viel karger – nicht nur im Szenequartier Lorraine.

Die Leistung dieser Betriebe könne sich sehen lassen, meint Frieden: «Aus dem Umfeld der Bewegung ist zum Beispiel auch im Bau- und Architektursektor eine linke Wirtschaft entstanden, die ökologischer und auch sehr viel besser arbeitet als die herkömmlichen Baufirmen.»

«Seid realistisch, fordert das Unmögliche!»: Dieses kühne Motto der Bewegung gelte für sie immer noch, sagt Heidi Ensner.

Sie erhoffte sich von der Bewegung ein besseres Umfeld für Frauenanliegen – und dies habe sie auch gefunden. Oder sie konnte es sich zumindest schaffen. 1981 gehörte sie zu den Gründerinnen des Frauengesundheitszentrums.

«Wir wollten den Frauen eine Alternative zur männerdominierten Gynäkologie bieten.» Heute führt sie die Naturheilpraxis MarEmma.

Ensner gehörte zu einer Gruppe von neun Müttern, die ihre Kinder gemeinsam aufzogen – zumindest zur Hälfte, die andere Halbzeit der Kinderbetreuung übernahmen die Väter. «Die gemeinsame Betreuung ermöglichte es mir, nicht nur beruflich und politisch aktiv zu bleiben, sondern auch noch alles Private unter einen Hut zu bringen.»

Gemeindeversammlung statt VV

Weit von der «Bewegung der Unzufriedenen» scheint sich dagegen Daniel Jost entfernt zu haben. Der einstige Punker «Yogi» ist seit einem Jahr Gemeindepräsident der kleinen ländlichen Gemeinde Eriz.

Doch Jost lässt dies nicht gelten: «Eine Gemeindeversammlung ist etwas Ähnliches wie eine Vollversammlung der Bewegung.» Wichtig ist Jost, dass er und auch die Gemeinderäte von Eriz als parteilose Unabhängige gewählt wurden. «In unserer Gemeinde diskutiert man nicht über Ideologien, sondern über die Sache», betont er.

Als Stadtratspräsident gehört Urs Frieden heute zum Establishment der – inzwischen allerdings rot-grün dominierten – Stadt. Sein Tipp an heutige Jugendliche: «Gebt nicht auf, auch wenn ihr wegen eures Auftretens abgelehnt werdet. Früher oder später werdet ihr angehört und kommt selber ans Ruder.»

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