Sommernacht

Poller-Kolumnist Peter Schibler macht sich Gedanken über Kirchenglocken.

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Herr, es ist Zeit. Der Sommer geht schon los, und die Debatte über Kirchenglocken, jetzt, weisst du, wo dein Mensch nachts nadisna gerne die Fenster wieder zum Durchkühlen sperrangelweit aufmachen würde, die Debatte über Kirchenglocken, sagten wir, steht dann regelmässig vor der Tür. Wolle mer se reinlasse?

Herr, wir wissen natürlich aufgrund ewiger Wiederholung, wie es jetzt weitergeht: Unsereins donnschtigs Stadthäppeli (Gotthelf) oder Prinzessinnen auf der Erbse (Andersen) möchte wie jeden Sommer wissen, warum um Himmels (?) Willen die Kirchenglocken in unserer Nachbarschaft die volle Nacht hindurch all Viertelstund als rein «bürgerliches Geläut» bis zu viermal Dingdong machen müssen, und wir können dann noch so lange präzisieren, dass uns nicht das «kirchliche Geläut» am Sonntagmorgen stört, ja, schwärmen, dass wir selbiges sogar geniessen würden als Einstimmung auf einen friedlichen Tag ohne die dauernde Hektik, und nein, unseretwegen müsste man nicht einmal die nächtlichen Stundenschläge abstellen: Es gehe uns einzig und allein um den viertelstündlichen Alarm, denn der Mensch, können wir, wenn auch erfahrungsgemäss noch so lange, schreiben, benötige nachweislich etwa zwanzig Minuten zum Hinüberdämmern, und dabei komme ihm dieses an die Hausglocke gemahnende viertelstündliche «Dingdong!» halt ständig in die Quere.

Aber ach, Herr, Menschen gibts, die lesen gar nicht mehr, die können nur noch scannen und legen sich dann beim blossen Stichwort «Kirchenglocken» derart ins Zeug, als wären selbige Glocken ihre leiblichen Kinder und jetzt komme der Schibler von der Kesb und wolle sie ihnen wegnehmen. «Das Kirchengeläut am Sonntagmorgen ist doch eine so schöne Einstimmung auf einen friedlichen Tag ohne die dauernde Hektik!», heisst es dann etwa: «Ich jedenfalls schwärme dafür! Geniessen Sie es doch einfach auch!» (Eben, o Herr: gescannt, nicht gelesen.) Oder zum Zwoten: «Die Kirchenglocken waren vor dem Autor im Breitenrain! Soll er halt umziehen, wenns ihm nicht passt!», und da möchte man dann gerne die Ebene wechseln und wie beim Thema Bären oder Wölfe ins Naturkundliche geraten: Der Mensch als solcher war aber vor den Kirchenglocken da! Und zum Dritten: «Also wir wohnen seit vielen Jahren direkt neben einer Kirche, und die läutet auch jeweils zur Viertelstunde, aber wir können trotzdem jede Nacht wunderbar einschlafen und durchschlafen! Wo ist das Problem?» Dort, liebe Stauffacherin, warum die Glocken dann läuten sollen, wenn Sie sie ohnehin nicht hören (doch nicht öppe gar, um die anderen am Schlafen zu hindern?) «Und wenn wir ausnahmsweise doch aufwachen und das Läuten vernehmen, hat es etwas Tröstliches zu wissen, wie viel Uhr es ist!»

Dingdong! Dingdong! Dingdong! Aha, Viertel vor! Aber vor was? Vor eins? Vor zwei? Jetzt nur nicht auf den Wecker schielen, rät die Schlafforschung, lieber entspannen, etwas Schönes denken, ruhig atmen, deine Arme werden schweerer und schweeerer, du sinkst voller Vertrauen in die – Dingdong! Dingdong! Dingdong! Dingdong! Bamm! Bamm! Bamm!

Aha, drei Uhr. Wer jetzt noch wach ist, wird es lange bleiben, wird wüten, böse Leserbriefe töggeln und sich in seinem Bette hin und her unruhig wälzen, wenn die Kirchen glöggeln.

Peter Schibler ist freier Journalist in Bern und hat immer dann Mühe mit Schlafen, wenn er am nächsten Tag eine Kolumne schreiben sollte und noch nicht mal ein Thema hat.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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