«So einen Baum fällst du nicht gerne»

Die Eiche am Eigerplatz stand schon da, als Napoleons Truppen in Bern einmarschierten. Pilze hatten sie über die Jahre ausgehöhlt, zuletzt drohte ihr Stamm zu brechen. Nun musste der Baum gefällt werden.

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Bäume fällen – das ist in der rot-grünen Stadt Bern normalerweise ein heisses Eisen. Bei der 300-jährigen, markanten Eiche am Eigerplatz waren sich Experten und Quartierbewohner aber grundsätzlich einig: Das Risiko eines Stammbruchs war zu gross geworden. Seit längerem nagten verschiedene Pilze am Baum, die Fäulnis hatte dem Stamm arg zugesetzt und die Wurzeln mittlerweile fast ausgehöhlt. Als Peter Kuhn, Leiter Baumkompetenzzentrum, und sein Team am Freitagmorgen anrücken, schlägt die letzte Stunde der Eiche.

Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn einen derartigen Baum fällt man nicht einfach mit Beil und Säge – und erst recht nicht kann man ihn auf den Boden krachen lassen. Daher kommt moderne Technik zum Einsatz: Eine Hebebühne hievt zwei Arbeiter zur Baumkrone, dort muss zunächst das kleinere Geäst weg. Die Motorsäge frisst sich stückweise durch die Hauptäste. «Der ganze Baum wiegt wohl über 30 Tonnen», sagt Kuhn. Die einzelnen Teile bringen mehrere Hundert Kilo auf die Waage. Daher befestigen die Fachleute vor dem Absägen jeweils eine Kette des Lastwagenkrans, der neben der Hebebühne steht, am Holz. Der Kranführer erledigt den Rest: Vorsichtig lässt er Stück für Stück auf die Ladefläche eines Anhängers gleiten.

Einige Bewohner des mehrstöckigen Wohnhauses an der Schwarzenburgstrasse werfen neugierige Blicke auf das Spektakel, das sich vor ihren Fenstern ereignet. Nach drei Stunden geht es dem massivsten Teil an den Kragen: In mehreren Etappen wird der Stamm zersägt und abgetragen. Am Mittag steht dann nur noch der Strunk da, und der Baum ist rund zwanzig Meter kürzer.

Sie überlebte sogar den Bauboom

Die Eiche war eine Konstante inmitten des Wandels. Ihre Blätter grünten schon, als Napoleons Truppen in Bern einmarschierten. Der Boden, auf dem die Eiche stand, gehörte einst zu einem Gehöft namens Besenscheuergut. Dieses war Teil des Dörfchens beim Sulgenbach, wenige Kilometer vor den Toren Berns, der dem Gebiet auch heute noch seinen Namen leiht. Damals, Ende des 18. Jahrhunderts, verlief die Stadtgrenze noch wesentlich anders.

Immer mehr Menschen zogen über die Jahrzehnte Richtung Stadt; das Ackerland um das Besenscheuergut wich nach und nach Wohnhäusern. Diese Entwicklung lässt sich anhand historischer Daten, die die Stadt Bern online aufbereitet hat, gut nachzeichnen: Einen regelrechten Bauboom erlebte das Gebiet zwischen 1850 und 1900. Zwischen 1900 und 1925 nahm der Eigerplatz dann die Form an, die im Wesentlichen bis heute erhalten blieb.

Es war ein Brand, welcher der Eiche langfristig zum Verhängnis wurde: Das Bauernhaus, vor dem sie stand, brannte 1893 ab, wie der Mattenhof-Chronik zu entnehmen ist. Die Flammen versengten auch die Rückseite des Stamms – und öffneten damit Pilzen Tür und Tor: Schwefelporling, Eichenfeuerschwamm, Leberpilz. «Ein tödliches Dreiergespann», sagt Kuhn. Der Erneuerungsprozess konnte der fortschreitenden Aushöhlung nichts mehr entgegenhalten. «So ist die Natur, die Zersetzung gehört dazu.»

Direkter Nachkomme als Ersatz

Peter Kuhn hängt, oder besser: hing sehr an der Eiche: «So einen Baum fällst du nicht gerne», sagt er. Man habe ihn über 30 Jahre beobachtet und immer wieder erwogen, die mittlerweile greise Pflanze zu fällen. Am liebsten hätte er sie weitergepflegt. «Aber die Vernunft sagt ganz klar: Sicherheit geht vor.»

Trost findet Kuhn, wenn er nach vorne blickt: Aus den Samen des alten Baumes hat er einen direkten Nachkommen gezüchtet. Ein zierliches, vierzehnjähriges Bäumchen, wie er sagt. «Kein Vergleich mit dem ursprünglichen Exemplar. Aber das wird schon.» Er will es nächste Woche setzen, erst muss sein Team aber den Stock ausfräsen. Der Wurzelraum müsse grosszügig ausgehoben und mit neuem Material ausgefüllt werden. «Sonst überleben die Pilze und fallen den Nachkommen an.»

An den Wurzeln zeigt sich noch einmal die Grösse des Baums: Sie reichen weit in den Eigerplatz hinein. Bei vollem Blattwerk pumpten sie täglich etwa 300 Liter Wasser über den Stamm bis in die Kronen, schätzt Kuhn. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2017, 19:20 Uhr

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