Smalltalk

«Poller»-Kolumnist Martin Lehmann hat sich mit einer medienresistenten Lehrerin gestritten.

hero image

Letztes Wochenende, an einem Geburtstagsapéro, ein Freund feierte den Fünfzigsten. Als sich die grosse geladene Gästeschar am Abend, als es kühler wurde, um die Stehtische im Säli des Restaurants drängte, landete ich mit einem Glas Weisswein neben einer mir bislang unbekannten Sabine, Susanne oder Sandra – jedenfalls etwas mit S. Wir begannen höflich zu plaudern: woher man komme, was einen mit dem Jubilar verbinde, und natürlich auch, was man beruflich so mache.

Sie sei Lehrerin, sagte Sabine; ich sei Radiojournalist, sagte ich. Aha, sagte Sabine, das sei bestimmt spannend – allerdings höre sie nie Radio, sie lese auch keine Zeitung, und einen Fernseher habe sie übrigens auch nicht. «Dann informierst du dich ausschliesslich im Internet übers Weltgeschehen?», fragte ich interessiert, worauf Sabine antwortete: Nein, sie informiere sich überhaupt nicht, seit fast dreissig Jahren schon, weder über das Geschehen auf der Welt noch über jenes in der Schweiz, das bringe eh nichts.

Ich überlegte zwei Sekunden, ob ich unter einem Vorwand den Tisch wechseln oder mit Sabine zu streiten beginnen sollte – und entschied mich für Letzteres.

«Dann weisst du also nichts vom Krieg in Syrien?», fragte ich spitz. «Nein», sagte Sabine. «Und von den Schlächtereien des IS im Nordirak?» – «Nein.» – «Und von den Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland?» – «Bloss von den Schlagzeilen am Kiosk», sagte Sabine, «aber um zu wissen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, brauche ich keine Zeitung zu lesen.» Meine Entrüstung wuchs: «Aber du musst dich doch damit auseinandersetzen, dass weltweit fast sechzig Millionen Menschen auf der Flucht sind und die wohlhabende Schweiz die paar Tausend, die es überhaupt bis hierher schaffen, zunehmend so behandelt, als wären es allesamt Kriminelle! Es muss dich doch interessieren, dass derzeit zwischen Argentinien und China gut 170 neue Atomreaktoren geplant sind, obwohl die radioaktiven Abfälle unsere Nachkommen noch in zehntausend Jahren beschäftigen werden! Du musst doch wissen, dass die Bienen sterben, dass hüben und drüben wieder die Nationalisten aus ihren Löchern kriechen und dass deine T-Shirts in Bangladesh genäht werden, von Frauen, die sechzehn Stunden pro Tag in baufälligen Fabriken schuften für knapp 50 Franken Lohn pro Monat!»

«Warum muss ich das wissen?», fragte Sabine. «Weil, wer die Welt im Blick hat und sich als Teil von ihr versteht, anders abstimmt, anders wählt, anders konsumiert, anders lebt», sprach ich pathetisch.

Ja, ich hatte mich in Rage geredet, Sabine lange bloss zugehört. Dann sagte sie: «Es ist mir nicht egal, wie es den Menschen geht. Aber diese tagtägliche Flut von Elends- und Schreckensnachrichten blockiert mich, besetzt mich, nimmt mich gefangen. Entrüstung lähmt, Traurigkeit auch, Liebe nicht. Darum versuche ich zu lieben: bescheiden zu leben, grosszügig zu spenden, dankbar zu bleiben und verletzlich. Und mich betend und meditierend in Verbindung zu setzen mit den Menschen dieser Welt. So bin ich Teil des Ganzen.»

Ich starrte sie an, nahm einen grossen Schluck Weisswein und dachte: Entweder ist das ein durchgeknalltes esoterisches Huhn oder eine wahrhaftig weise Frau ...

«Poller»-Autor Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt