Sinnvoller Trend mit Schattenseiten

Pflege daheim statt im Heim – dies entspricht dem Bedürfnis vieler Senioren. Klaus Berger etwa kann dank Betreuung weiter in seinem Geburtshaus leben. Doch in der Boombranche gibt es auch schwarze Schafe.

Für Klaus Berger ist die Betreuerin Maja Pfister längst eine vertraute alte Bekannte.

Für Klaus Berger ist die Betreuerin Maja Pfister längst eine vertraute alte Bekannte.

(Bild: Franziska Rothenbühler.)

Simon Thönen@SimonThoenen

«Guten Morgen Klaus, hast du gut geschlafen?» Der 85-jährige Klaus Berger liegt noch im Bett, als Maja Pfister ihn begrüsst. Nein, seine Nacht war nicht besonders gut. «Es ist einfach mühsam», sagt er. Er musste in der Nacht per Telefon notfallmässig Hilfe herbeirufen. Doch nun ist ein neuer Tag. Langsam wird Berger munter. Betreuerin Pfister wird ihm in seiner Küche das Frühstück mit seinen Lieblingsgetränken zubereiten, die er nach dem Aufstehen gerne mag. «Zuerst eine Ovo und dann eine Tasse Kaffee.» Pfister bewegt sich in der Küche, als wäre sie zu Hause. Klaus Berger und Maja Pfister kennen sich ja auch seit Jahren. Pfister hat schon Bergers Frau bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren betreut. Nun betreut sie ihn an fünf Tagen pro Woche jeweils ein paar Stunden lang.

Dank der Betreuung kann Berger in dem Haus im Berner Weissenbühlquartier wohnen bleiben, in dem er seit seiner Geburt lebt und wo er als Grafiker und Werber auch sein Atelier hatte. Medizinisch wird Berger von der Spitex betreut. Was sonst ansteht, erledigt zu einem grossen Teil Pfister. Sie kauft ein, kocht, begleitet ihn auf kurzen Spaziergängen oder zu Zahnarztterminen und leistet auch die Grundpflege.

«Vor allem Herzensangelegenheit»

Die Betreuung von alten Menschen in ihren eigenen vier Wänden ist ein rasch wachsender – und sehr unübersichtlicher – Markt. Im Internet finden sich Angebote aller Art und zu den unterschiedlichsten Preisen. Oft werden Osteuropäerinnen vermittelt, die jeweils für drei Monate bei den betreuten Alten leben. «Häufig haben diese Betreuerinnen kaum Freizeit, Ausbeutung ist weit verbreitet», sagt der Unia-Gewerkschafter Udo Michel (siehe Text rechts). Zum Preisdruck trägt bei, dass Krankenkassen und öffentliche Hand die Betreuung zu Hause nur in sehr engen Grenzen mitfinanzieren – noch weniger als die Altersheime.

Pfister ist «Caregiver». So nennt ihre Arbeitgeberin, die ursprünglich amerikanische Firma Home Instead, ihre Seniorenbetreuerinnen. Die Firma ist laut Eigenwerbung der «weltweit grösste Anbieter nichtmedizinischer Dienstleistungen für Senioren». In der Schweiz beschäftigt sie 2000 Personen. Der Schweizer Ableger ist eine rechtlich und operativ unabhängige Firma.

Gewerkschafter Michel attestiert Home Instead, dass die Firma zusammen mit der Unia die «treibende Kraft» für einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in der Branche war, der letztlich allerdings scheiterte. Nun untersteht sie dem GAV für den Personalverleih und ist laut Michel «anders als andere Anbieter auch gewillt, die Sozialpartnerschaft zu respektieren und gewisse Qualitätsstandards zu garantieren». Auch der Geschäftsführer von Home Instead Schweiz, Paul Fritz, bedauert den nach wie vor existierenden Wildwuchs bei den Arbeitsbedingungen. «Es ist schwierig, in einem Markt zu arbeiten, in dem die einen die gesetzlichen Arbeitsvorschriften einhalten – und andere nicht.» Dies führe zu einem «sehr, sehr verzerrten Markt».

Auch unter GAV-Bedingungen sind die Löhne der Seniorenbetreuerinnen allerdings bescheiden. Neueinsteiger verdienen bei Home Instead 23,75 Franken pro Stunde brutto (womit auch die Ferien und der 13. Monatslohn abgegolten sind). Das entspräche bei einem Vollzeitpensum einem Monatseinkommen von knapp 4000 Franken. Die meisten Angestellten arbeiten jedoch Teilzeit und im Stundenlohn, «auf eigenen Wunsch», so Fritz. Die Firma biete Weiterbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten zu besser bezahlten Funktionen. Er räumt aber ein: «Unsere Mitarbeiter leisten anspruchsvolle Arbeit für eher geringen Verdienst.» Betreuerin Pfister, die sich bei Home Instead weitergebildet hat, verdient je nach Funktion zwischen 24.50 und 27.50 Franken die Stunde. «In diesem Beruf etwas zu verdienen, ist ja wohl richtig», sagt sie, «aber vor allem ist es für mich eine Herzensangelegenheit.» Es sei «wirklich schön», ältere Menschen zu betreuen. Da sie ihre Kunden oft jahrelang betreut, entsteht eine vertraute Beziehung. «Eigentlich übernehme ich für Klaus viele Aufgaben, die zuvor seine Ehefrau erfüllte», sagt Maja Pfister.

Man merkt Klaus Berger an, dass er sich gerne von seiner langjährigen Betreuerin und guten Bekannten umsorgen lässt. «Ich werde gut betreut», sagt er. Die vertraute Wohnung mit den Bildern von ihm und seinen Künstlerfreunden an den Wänden ist ihm wichtig. Anders als in vielen Altersheimen kann er hier auch seine Katze behalten. Sie heisst Itchy – von englisch: kratzen, und auch weil der Name ihn an seinen Künstlerfreund Pitchy erinnert.

Der Bund

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