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Simulationsbrille macht städtebauliche Sünde rückgängig

Wie dominierend der abgebrochene Christoffelturm am Ende der Berner Altstadt einst war, lässt sich an Führungen erleben.

Christoffelturm: Mächtig, wenn auch nur virtuell.
Christoffelturm: Mächtig, wenn auch nur virtuell.
zvg

Stadt Bern Die Christoffelfigur existiert noch – im Historischen Museum. Und ein paar Mauerreste in der Unterführung zum Hauptbahnhof erinnern an den mächtigen Turm, der höher war als die Heiliggeistkirche. In dieser fand am 15. Dezember 1864 die Gemeindeversammlung statt, an der über sein Schicksal entschieden wurde. 415 Berner (Frauen sind ausdrücklich nicht mitgemeint) stimmten für die «Demolition», 411 dagegen. Der Bau, der nach Meinung vieler «modern» gesinnter Bürger die Entwicklung hemmte und sozusagen ein steinerner Klotz am Bein war, wurde 1865 abgebrochen.

Wäre das heute noch möglich? Könnte man den Käfigturm abreissen, weil er den Tram- und Busverkehr behindert? Unvorstellbar. Sollte man im Gegenteil den Christoffelturm wieder aufbauen? In Berlin erlebt das alte Stadtschloss seine Wiedergeburt. Die kommunistische Staatspartei SED liess den beschädigten Bau, ein Denkmal des Feudalismus, 1950 entfernen. Dort klotzte sie den DDR-Prunkbau Palast der Republik hin, wegen seiner vielen Glühbirnen im Innern Erichs Lampenladen genannt. Nach dem Untergang der DDR entdeckte man die Asbestproblematik in diesem Bau und beschloss, dass er deshalb weg muss. So schreiben Sieger Geschichte.

In Bern wird neben der Heiliggeistkirche weder ein Betonklotz gebaut noch der Christoffelturm rekonstruiert. Schweizer Denkmalschützer halten nicht viel von Rekonstruktionen, allerdings steckten ihre deutschen Kollegen nach den grossen Kriegsverlusten in einer anderen Lage. Nur zu gerne würde man sehen, wie sich der Christoffelturm dort macht, wo heute die Trams halten, die Kunden in den Loeb gehen und die Reisenden mit der Rolltreppe aus der Unterführung kommen.

Bald kann man das erleben, und zwar ohne dass auch nur eine einzige Scheibe des Baldachins zu Bruch geht. In der Reihe «Kulturerbe total» wird man mitten in der realen Stadt den Turm sehen (29. September, 20. Oktober und 3. November 2018 von 19.30 bis 22 Uhr). Dazu zieht man sich eine spezielle Brille an, in deren Innern das historische Bauwerk quasi virtuell wiederersteht. Denkmalschutz, Archäologischer Dienst und weitere Gremien wollen den Laien zeigen, wie viel Denkmalschutz und Geschichte mit heute zu tun haben. Es ist ein Mittel, Altes und Verschwundenes erlebbar zu machen – und so die Aufmerksamkeit für das Wertvolle zu wecken, das oft zu wenig beachtet wird.

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