«Sie muss eine Art Labor sein»

Anfang Januar 2012 tritt Fabrice Stroun sein Amt als neuer Direktor der Kunsthalle Bern an. Ein Gespräch über gute Kuratoren, seine Heimatstadt Genf, die Liebe zum Punk und erste Pläne für die Kunsthalle.

Die Last der Geschichte: Fabrice Stroun hat keine Angst vor der grossen Vergangenheit der Berner Kunsthalle.

Die Last der Geschichte: Fabrice Stroun hat keine Angst vor der grossen Vergangenheit der Berner Kunsthalle.

(Bild: Manu Friederich.)

Fabrice Stroun, Sie haben lange als freier Kurator gearbeitet. Was ist das für ein Beruf?

Wir organisieren Ausstellungen für Künstler. Es ist wie in der Formel 1. Hinter jedem Fahrer steht ein Team, das für ihn arbeitet: Rennmanager und Boxencrew.

Die Formel 1 interessiert Sie?

Nein, überhaupt nicht.

Das Schweizer Team Sauber verliert viel Zeit bei den Boxenstops. Können Kuratoren der Kunst schaden?

Ja. Aber sie können Kunst nicht gut machen, wenn sie nicht schon gut ist.

Und was ist ein guter Kurator?

Ein guter Kurator ist jemand, der einen bestimmten Zusammenhang für einen Künstler produziert, sodass er alles sein kann, was ihm möglich ist. Das beinhaltet technische, finanzielle und logistische Unterstützung ebenso wie Vertrauen, inhaltliches Verständnis und Ermutigung.

Manche Kuratoren betrachten sich heute selbst als Stars und beanspruchen dieselbe Anerkennung, wie sie Künstlern entgegengebracht wird.

Um die Metapher aus der Formel 1 noch einmal aufzugreifen: Kuratoren sollten sich in Erinnerung rufen, dass es der Mut, die Fähigkeiten und die Intelligenz des Fahrers sind, die den Unterschied ausmachen. Er gewinnt das Rennen und verdient so das Recht, sich lächerlich zu machen, indem er mit einer riesigen Flasche Champagner auf ein Podest steigt.

In der «Tribune de Genève» haben Sie gesagt, Sie hätten den Eindruck, der Einzige zu sein, der dem roten Faden ihrer Arbeit folgen könne.

Das war rein geografisch gemeint. Als freier Kurator organisiert man Ausstellungen in immer anderen Städten. Selbst meine engsten Freunde konnten sich nicht alles anschauen. Ich veröffentliche auch kaum etwas über das Internet, da bin ich etwas altmodisch. Ich glaube, Ausstellungen lassen sich nur live erfahren.

Was verlieren Sie mit dem Status des freien Kurators?

Ziemlich viel. Ich verliere die Nähe und Komplizenschaft mit den Künstlern, die man nur draussen im Feld, an ihrer Seite haben kann. Zudem verliere ich die Freiheit, Projekte in verschiedenen Grössenordnungen zu realisieren. Dafür gewinne ich fantastische neue Möglichkeiten. Die Kunsthalle ist ein unglaublich gut gestaltetes Werkzeug, um Ausstellungen zu machen. Das Gebäude ist grossartig, jeder Raum einwandfrei proportioniert. Auch geografisch ist es gut gelegen: Ziemlich genau in der Mitte zwischen Genf, Basel, Zürich, Lausanne: Man ist so schnell hier. Ich hoffe, alle werden kommen.

Sprechen wir über die Geschichte des Hauses . . .

Oh. (Lange Pause.) Die Kunsthalle Bern hat eine grosse Vergangenheit. Aber man sollte sich von der Last der Geschichte nicht erdrücken lassen. Mir scheint, die besondere Nostalgie, die mit diesem Haus verbunden wird, bezieht sich auf eine vermutlich viel einfachere kunstgeschichtliche Periode. Allein in den letzten 20 Jahren ist die Kunstwelt exponentiell gewachsen. Der Markt ist zur alles bestimmenden Kraft geworden. In jeder Stadt der Welt sind öffentliche Institutionen gegründet worden, die sich mit Gegenwartskunst beschäftigen. Eine so zentrale Position, wie sie die Kunsthalle für die Schweiz und zum Teil für Europa früher vielleicht gehabt hat, wird sie nie mehr haben. Kein einziges Museum auf diesem Planeten könnte das heute noch ernsthaft für sich in Anspruch nehmen.

Welche Rolle kann die Kunsthalle im aktuellen Kunstmarkt denn spielen?

Sie ist ein perfekter Ort, um mittelgrosse, gut gestaltete, hyper-präzise Ausstellungen zu machen. So wie es mein unmittelbarer Vorgänger Philippe Pirotte getan hat, der sehr gut arbeitete. Ich hoffe, weiterhin ein experimentelles Programm anbieten zu können. Ich will Dinge zeigen, die man woanders nicht unbedingt sieht – oder sie jedenfalls anders zeigen, als man sie woanders sieht.

Glauben Sie, dass Wörter wie «experimentell» und «Labor» immer noch eine Bedeutung haben?

Ja, aber sie sagen nichts über die Funktion von Kunst im Allgemeinen aus. Als diese Wörter in den 60er-Jahren gebraucht wurden, war etwas anderes damit gemeint. Man glaubte damals, die Kunst sei ein gesellschaftliches Labor. Kunst sollte die Welt verändern. Wenn die Kunsthalle ein Labor für die Kunst sein könnte, dann wäre das schon viel.

Wenn wir gerade davon sprechen, die Welt zu verändern: Ihre letzte Ausstellung im Mamco in Genf hiess «Europunk» und setzte sich mit der «visuellen Kultur des Punk» auseinander. Was bedeutet Punk für Sie?

Punk war ein kurzer Moment der künstlerischen Produktion zwischen 1976 und 1980. Dieser Moment war so erfindungsreich, dass er revolutionär wirkte. Punk schuf neue Formen künstlerischer Interaktion, die bis heute nachhallen.

Sie gehen davon aus, dass Punk vorbei ist. Ist die Bewegung so tot, dass sie reif fürs Museum ist?

Punk ist von der Unterhaltungsindustrie aufgefressen worden, die er eigentlich für seine Zwecke nutzen wollte. Wir haben ihn in ein Museum gebracht, um einen bestimmten Kontext herzustellen, sodass die ganze Kreativität von Punk wieder sichtbar wurde. Und ehrlich gesagt, vermittelt so eine Ausstellung einen viel treffenderen Eindruck davon, was Punk war, als die letzte Kollektion von H&M.

Was verbindet Sie mit Punk? Waren Sie Teil davon?

Nein, ich bin etwas zu jung. Punk war vorbei, als ich elf wurde. Aber kurz darauf habe ich die Arbeit von Bazooka kennen gelernt, einer Gruppe von französischen Grafikern und Illustratoren. Seit ihren Anfängen in den 70er-Jahren behaupteten sie: «Wir machen keine Musik und sind trotzdem eine Punk-Band.» Sie gaben sich sehr böse und brutal. In Frankreich hat Bazooka die Bildsprache des Protests aus der moralischen Zwangsjacke des Agitprops befreit. Von ihnen habe ich den Wert ästhetischer Grausamkeit gelernt.

Bis vor wenigen Jahren galt ihre Heimatstadt Genf als einer der spannendsten Orte für zeitgenössische Kunst in Schweiz. Und heute?

Genf befindet sich in einer paradoxen Situation. Jeden Monat öffnet eine neue internationale Galerie. Es gibt öffentlich finanzierte und gut funktionierende Institutionen wie das Mamco. Die lokale Kunstschule verpflichtet internationale Stars für die Lehre. Die Stadt vermietet fast gratis Ateliers an junge Künstler. Und doch verlassen zum ersten Mal seit den späten 80er-Jahren ambitionierte Künstler Genf wieder. Was Genf interessant gemacht hat, war die alternative Szene, sie war wie eine Sauerstoffblase für die Kunst. Eines Morgens entschied der neue Generalstaatsanwalt, Freiräume und besetzte Häuser müssten geräumt werden. Die Stadt war nicht mehr bereit, ein kleines bisschen Unordnung zu tolerieren. Seither gehen talentierte junge Menschen einfach weg – nach Zürich, Berlin, Paris oder nach London. Sie gehen, weil sie sich trotz der städtischen Kunst-Infrastruktur zu Tode langweilen. Man kann noch so viele Kunsthallen und Galerien haben, ohne Freiräume, um Feste zu feiern und die Welt vor Sonnenaufgang fünfmal neu zu erfinden, gibt es keine lebendige Kunstszene.

Kommen wir zu Bern. Was planen Sie zum Auftakt?

Ich starte Anfang Februar mit einer grossen Gruppenausstellung, die nur aus Gemälden besteht. Mich interessiert, was Gemälde bewirken können, und zwar als Wahrnehmungsmodell für die Welt, in der wir leben. Ende März lade ich – was regelmässig geschehen wird – einen anderen Kurator ein, nämlich Andrea Bellini, einen der Direktoren des Museums Castello di Rivoli bei Turin. Er wird eine Retrospektive des seltsamen italienischen Künstlers Luigi Ontani zeigen. Er ist seit den 60er-Jahren aktiv, ausserhalb Italiens aber relativ unbekannt und lässt sich nicht in die offizielle Kunstgeschichte einordnen. Die dritte Ausstellung im Juni wird der britischen Künstlerin Josephine Pryde gewidmet sein.

Sie wohnen seit kurzem in Bern. Sind sie gut angekommen?

Ja, ich bin sehr warmherzig empfangen worden. Und obwohl mir die Kunsthalle seit meiner Jugend vertraut ist, bin ich mir bewusst, dass sie zuallererst den Bewohnern dieser Stadt gehört. Es ist ein grosses Privileg für mich, ihre Türen die nächsten paar Jahre offen zu halten.

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