Sexistischer Käse

Poller-Kolumnistin Hanna Jordi hat diese Kolumne über kulinarisches Geschlechterprofiling hungrig verfasst. Vielleicht ist es ihr anzumerken.

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Hanna Jordi

Es ist hinlänglich bekannt, Brät ist die beste Erfindung, seit es den Fleischwolf gibt. Die samtige Textur einer Kalbsbratwurst, die barocke Speckigkeit einer Waadtländer Saucisson oder die würzige Mürbe einer Schweinsbratwurst stiften, objektiv betrachtet, Seelenheil. Man sollte meinen, dass dieser Grundsatz nicht infrage gestellt wird. Dem ist nicht so. Geht es nach einigen Zeitgenossen, ist die Nahrungsaufnahme an ein Geschlecht gebunden. Derzeit macht in den Trendschmieden der Kulinarik das «Männersandwich» die Runde. Es besteht, so die Definition, aus «zwei Scheiben Brot und richtig viel Fleisch dazwischen». Etwa die Variante des Sandwichstaplers Gianni aus Berlin: Eine aufgeschnittene italienische Rindswurst, scharf angebraten, mit Zwiebeln, etwas Gemüse und Sauce. Klingt delikat, ist aber Männern vorbehalten.

Das kann sich fast nur um ein Missverständnis handeln, werden Sie jetzt berechtigterweise einwenden. Denn aus anatomischer Sicht ist es auch Frauen möglich, Fleisch aufzunehmen und zu verdauen. Die Schärfe ihrer Schneidezähne und die Mahlkraft ihrer Kiefer sind vorbildlich ausgebildet, ja, Frauen liefern mitunter sogar eine Top-Kauperformance ab, lassen Sie sich das ruhig von Ihrem Dentalhygieniker bestätigen. Und doch: Man muss nicht nach Berlin reisen, um mit sexistischem Käse konfrontiert zu werden. Sexistischer Käse wartet auch an jeder hiesigen Strassencaféecke auf Abnehmer.

Unsägliches ereignete sich vor einigen Jahren bei der Eröffnung eines Cafés in der Berner Altstadt mit integrierter Kita. «Die Mütter können so wieder spontan sein und sich in aller Ruhe mit Freunden treffen, zum Coiffeur gehen oder die Gunst der Stunde nutzen», sagte die Wirtin seinerzeit. Als hätten nicht auch Väter von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, sich das Haupthaar zu stutzen oder Freunde abzuhören.

Es fängt damit an, dass dem weiblichen Gast ungefragt der Salatteller hingestellt wird, und hört damit auf, dass «Frauengrappas» (dunkel) und «Männergrappas» (hell) ausgeschenkt werden. Der Espresso wird wohl dem Mann gehören, der Cappuccino der Frau, das Bier dem Mann, das Panaché der Frau. Natürlich auch hier ist etwas in Bewegung. Zum Beispiel ist es mir lange nicht mehr passiert, dass die Rechnung automatisch dem Herrn ausgehändigt wurde. Oder die Weinkarte. Auch hat es sich herumgesprochen, dass manche Frauen empfindlich reagieren, wenn sie den Wein nicht selbst probieren dürfen, wenn sie ihn schon bestellt haben.

Wäre ich ein Mann, ich wäre beleidigt, dass mich alle konsequent auf meinen Proteinhaushalt reduzieren. Man nehme zum Beispiel die Zeitschrift «Beef!», die Zeitschrift «für Männer mit Geschmack». Sie gehört verbrannt. Die aktuelle Titelgeschichte, diesmal eher für die hormonell Beeinträchtigten unter der Zielgruppe, zeigt ein weiss durchgeädertes Rib-Eye-Steak, der Titel: «Nimm mich!» Seite zwei: «Mein bestes Stück». Es geht um Köche, die ihre Lieblingsgrilladen vorstellen. Tsch tsch, direkt ins Fegefeuer.

Woher rührt diese Verwirrung, via Nahrung liessen sich primäre Geschlechtsmerkmale rekonstruieren? Ich bin versucht, bei Adam und Eva anzufangen. Seit Gott im Alten Testament Adam eine Rippe entnommen hat, um daraus Eva zu fertigen, ist die Gesellschaft einem Irrglauben erlegen: Der Mann muss nun stetig danach trachten, die entstandene Lücke mit massenhaft Honigrippchen vom Grillrost zu stopfen.

Das Männersandwich, das konnte ich selbst überprüfen, schmeckt übrigens hervorragend. Es ist nicht zu verwechseln mit den «Sandwichmännern». Diese sind gemäss Duden «Männer, die ein Sandwich herumtragen». Oder laut einem Redaktor der «Zeit» Männer, die zwischen alten und neuen Rollenbildern eingeklemmt sind. Also in diesem Fall zwischen blutigem Beefsteak und farbenfrohem Frühlingssalat. Dann doch lieber ein Männersandwich, da weiss man, was man hat. Darauf ein Panaché, Fräulein.

Hanna Jordi leitet das Online-Ressort des «Bund» und hat fast gar nichts zu Mittag gegessen, weil sie diese Kolumne schreiben musste.

DerBund.ch/Newsnet

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