«Sechzehn Wochen Elternzeit wären zurzeit sensationell»

Exponenten von SP und Grünen kritisieren das linke Nein zu 16 Wochen Elternurlaub im Berner Stadtrat.

Hätten die Väter einen längeren Vaterschaftsurlaub, würden sie sich mehr am Haushalt beteiligen, besagen Studien.

Hätten die Väter einen längeren Vaterschaftsurlaub, würden sie sich mehr am Haushalt beteiligen, besagen Studien. Bild: Keystone

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Vier Wochen Vaterschaftsurlaub für städtische Angestellte: Die rot-grünen Parteien sind stolz, dass sie einen entsprechenden SP-Vorstoss im Stadtrat durchgebracht haben. Eine Motion der Grünliberalen für einen Elternurlaub von 16 Wochen lehnen sie jedoch ab. Grund dafür ist die Koppelung der Elternzeit an eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit. «Was ist mit arbeitslosen Eltern?», fragt sich SP-Co-Fraktionschefin Lena Sorg. Und GFL/EVP-Fraktionschefin Janine Wicki sorgt sich um Männer, die nach der Geburt ihres Kindes nicht mehr arbeiten wollen.

Für Sorg ist klar, dass der Wiedereinstieg von Müttern in die Arbeitswelt nicht über eine längere Elternzeit, sondern über den Ausbau von Kita- und Tagesschulangeboten gefördert werden muss. Bei den Initianten der eidgenössischen Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub stösst diese Argumentation auf wenig Verständnis. «Man kann nicht das eine gegen das andere ausspielen», sagt Grossrat Adrian Wüthrich (SP), Präsident von Travailsuisse, dem Dachverband der Arbeitnehmenden. Es brauche sowohl einen Ausbau der Angebote im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung als auch mehr Elternzeit und insbesondere mehr Vaterschaftsurlaub.

Wer macht die Hausarbeit?

Je mehr Zeit ein Vater zur Entlastung der Mutter erhalte, desto grösser sei die Wahrscheinlichkeit, dass beide ihre Arbeit wieder aufnähmen, sagt Wüthrich. Ex-Stadträtin Lea Kusano (SP) verweist in diesem Zusammenhang auf Studien, welche die Bedeutung der «Väterzeit» unterstrichen. «Die zentrale Frage ist die gerechtere Verteilung der Hausarbeit.» Männer, die mehr Zeit alleine mit ihren Kindern verbrächten, übernähmen später auch einen grösseren Teil an der Hausarbeit. «So können die Mütter rascher und hochprozentiger wieder ins Erwerbsleben einsteigen», argumentiert Kusano.

Vorbildhafter Möbelkonzern

Laut Wüthrich nähme die Stadt Bern mit sechzehn Wochen Elternzeit eine nationale Vorreiterstellung ein. «Sechzehn Wochen Elternzeit wären zurzeit sensationell für die Schweiz.» Aktuell sei der schwedische Möbelkonzern Ikea am vorbildlichsten, der ab September einen Vaterschaftsurlaub von bis zu zwei Monaten anbiete. Ein Monat sei vollständig vom Unternehmen bezahlt, und am zweiten Monat müsse sich der Vater mit zwei Ferienwochen beteiligen.

Laut Wüthrich fordern familienpolitische Organisationen seit jeher einen Ausbau der Elternzeit. Auch sei die Koppelung an die Erwerbstätigkeit wichtig, wenn der Wiedereinstieg weiblicher Fachkräfte in die Arbeitswelt gefördert werden solle. Bei der Umsetzung habe er aber einige Fragezeichen, weil in der Regel zwei verschiedene Arbeitgeber involviert seien, sagt Wüthrich.

«Charmante Idee»

Bei den Frauen- und Männerorganisationen rennen die Grünliberalen mit ihrer Forderung nach 16 Wochen Elternurlaub offene Türen ein. «Der Elternschaftsurlaub müsste insgesamt mindestens 18 bis 20 Wochen dauern», sagt die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf, Co-Präsidentin von Alliance F. Dabei müsste für den Vaterschaftsurlaub eine Mindestbezugsdauer gelten, sagt Graf.

Von einer «charmanten Idee» spricht Markus Gygli, Präsident von Männer.ch. Die Koppelung des Elternurlaubs an die Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit sei zu begrüssen. Bei der Umsetzbarkeit habe er allerdings auch seine Bedenken. «Wer kontrolliert, welche Väter die Bedingung für den Urlaub erfüllen? Was ist mit den Selbstständigen? Was ist, wenn jemand die Stelle verliert?», fragt der Präsident der Männerlobby.

Geht es um den Absender?

Für Motionär Claude Grosjean (GLP) sind die Einwände berechtigt. «Die administrativen Herausforderungen bei der Umsetzung des Elternurlaubs sind nicht zu unterschätzen», sagt der Stadtrat. Gerade darum wäre es wichtig, durch einen Pilotversuch in der Stadt Bern entsprechende Erkenntnisse zu gewinnen. Aber mit der Ablehnung der Motion ersticke die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament selbst eine Debatte über den Elternurlaub im Keim. Später hätten die Mehrheitsparteien immer noch die Gelegenheit gehabt, bei den entsprechenden Änderungen im Personalreglement ihren Einfluss geltend zu machen, sagt Grosjean. «Es sieht danach aus, dass das rot-grüne Nein zur Motion eher mit der GLP als Absender als mit dem Inhalt der Motion zu tun hat», sagt der Grünliberale. (Der Bund)

Erstellt: 25.03.2017, 08:21 Uhr

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