Schwule Fussballer

Gisela Feuz ist ab sofort «Poller»-Kolumnistin. Und sie startet mit einem heiklen Thema: schwule Liebe im Profifussballgeschäft.

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Liebes YB,

du bist nach der Winterpause fulminant gestartet und wirst dieses Jahr Meister, gell. Das ist toll! Toll ist auch, dass man dich zudem bald im Kino wird bewundern können. Marcel Gisler hat ja mit «Mario» einen Film gedreht, in dem du eine zentrale Rolle spielst. Unter anderem erhält die Zuschauerschaft darin Einblick in die heiligen Katakomben des Stade de Suisse, wo wir den fiktiven Spielern beim Umziehen und Duschen zugucken dürfen. Also ich persönlich bin ja der Meinung, dass es keinesfalls verkehrt sein kann, so ganz ungeniert auf durchtrainierte nackte Männerhintern gucken zu dürfen. Bestimmt wird mir da ein grosser Teil der weiblichen Leserschaft zustimmen. Und auch ein Teil der männlichen.

Laut einer europaweiten Studie sind im Schnitt vier Prozent der Bevölkerung nicht heterosexuell, sondern lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender. Bist du jetzt gerade ein bisschen zusammengezuckt, als du «schwul» gelesen hast, liebes YB? Ich weiss, schwule Liebe im Profifussballgeschäft ist ein heikles Thema. Das muss auch Mario erfahren, der Protagonist in Marcel Gislers gleichnamigem Film. Mario (Max Hubacher) ist nämlich ein talentierter Nachwuchsstürmer mit besten Aufstiegschancen in die erste Mannschaft. Bloss steht da eines Tages ein neuer Stürmer namens Leon (Aaron Altaras) auf dem Rasen, in den sich Mario Hals über Kopf verliebt. Was nun? Leon oder Profikarriere? Beides liegt offenbar nicht drin, was auch Marios Spielerberater unmissverständlich klar macht: «Drogen, Sex mit Minderjährigen, Schwulenzeugs . . . Das geht einfach nicht als Spieler!»

Es ist dir hoch anzurechnen, liebes YB, dass du Marcel Gisler beim Filmdreh von «Mario» logistisch tatkräftig unterstützt und auch deinen Namen und dein Logo hergegeben hast für diesen Film. Selbstverständlich ist das nicht, denn wie die Aussage von Marios Spielerberater verdeutlicht, liegt beim Thema schwule Spitzenfussballer so einiges im Argen. Woran das liegt? Warum sich Spieler höchstens nach Karriereende outen? Nun ja, offen homophob äussern tut sich ja keiner im Fussballzirkus, sondern die Schuld wird gerne anderen in die Schuhe geschoben. Mal den reaktionären Fans oder den Sponsoren, die glauben, ein Outing schade dem Marktwert ihrer Ware.

Dann wieder Spielern, die aus chauvinistisch geprägten Kulturen stammen sollen. Oder der Fifa, welche die WM an Länder wie Katar vergibt, wo Homosexualität mit fünf Jahren Haft oder neunzig Peitschenhieben bestraft wird. Oder sind vielleicht doch die aggressiven Männlichkeitsbilder schuld, welche in der Fussballwerbung gerne zelebriert werden? Passt Homosexualität nicht zum Bild des martialischen Kämpfers mit hohem Testosteronspiegel, der gerne schreiend und mit angespannten Muskeln abgebildet wird?

Im Film «Mario» rät die fiktive YB-Clubleitung den beiden verliebten Stürmern, sie sollten doch einfach ihre Liebe unter dem Deckel halten, ihr Schwulsein verneinen und sich in der Öffentlichkeit mit Frauen zeigen. Gegen Homosexualität selber hätten Funktionäre und Club ja grundsätzlich nichts, bloss dürfe davon nichts nach aussen dringen. Chapeau, YB, dass du keine Beanstandung gemacht hast, als man dir den Film vorgeführt hat, weil wirklich gut kommst du ja nicht weg. Dass du Unterfangen wie «Mario» unterstützt, welche auf die herrschende Misere aufmerksam machen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Und wenn du jetzt noch ein Bild mit zwei knutschenden Fussballern aufs Cover des nächsten YB-Magazins druckst, gewinnst du nicht nur die Meisterschaft, sondern garantiert auch viele neue Herzen dazu.

Herzlichst,

Deine Frau Feuz

Nein, Gisela Feuz ist nicht verwandt mit dem Chef. Sie ist freie «Bund»-Journalistin und ab sofort mit an Bord des Pollers.

Der Film «Mario» wurde letzte Woche an den Filmtagen in Solothurn in vier Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert und läuft ab 22. Februar 2018 in Bern.

derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 07.02.2018, 06:50 Uhr

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