Schwierige Geometrie am frühen Morgen

Müllsammeln, Bändeli kontrollieren – morgens um sechs ist die Koordination der Helfer eine besondere Herausforderung am Gurtenfestival.

Ungewohnte Stille liegt morgens um sechs über dem Gurtenfestival.
Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Kurz vor sechs Uhr früh liegt eine ungewohnte Stille über dem Festival­gelände. Kaum jemand ist unterwegs. Vor dem Bacardi-Dom knutschen drei Pärchen, eine Handvoll Schlaflose stehen mit ihrem Bier an der letzten noch geöffneten Bar, ein paar wenige liegen schlafend auf der Wiese vor der Hauptbühne. Die Essenszelte sind mit Ausnahme der Crêperie alle geschlossen, das Gelände ist mit Müll übersät. Einzelne Schuhe, PET-Flaschen, zerfledderte Programmhefte und umgekippte Sonnenschirme sind über der grünen Wiese verteilt. Der Geruch von Abfall liegt in der Luft.

***

Auf der Wiese haben etwa 15 Festivalgänger ihr Schlafgemach aufgeschlagen. Unter Schirmen verschanzt und in Schlafsäcke eingepackt, scheinen sie sich vom ersten Festivaltag zu erholen. Um fünf vor sechs bewegen sich zwei junge Frauen mit Blick zum Boden über die zugemüllte Wiese. Auf ihren morgendlichen Gang übers Gelände angesprochen, zeigen die Bernerinnen ihren gefundenen Schatz: In ihren Händen glänzen unzählige Münzen. «Das sind wohl mehr als fünfzig Franken», schätzt die eine. Das Geld liege überall auf der Wiese verteilt umher, es sei sicher unachtsamen Leuten aus der Tasche gefallen.

***

Vor dem Gelände sammeln sich beim Haupteingang um halb sechs Uhr die rund hundert «Bäseler». Langwierig versuchen ein paar Verantwortliche, die Jugendlichen in Gruppen einzuteilen und sie mit blauen Westen, Besen, Rechen und Abfallsäcken auszurüsten. Nach einigem Hin und Her bewegt sich Gruppe «Bäseler 3» Richtung Waldbühne. Dort sollen sie den Kehricht einsammeln. Aber schon auf dem Weg dahin gehen mindestens drei «Bäseler» der Gruppe verloren. Ungeduldig sucht sie der Gruppenleiter, während der Rest der Gruppe unkoordiniert mit dem Besen die Zigarettenstummel im Gras zusammenwischt. «Ich bin zum ersten Mal dabei», sagt Gymnasiast Dani (19). Er habe an der frühen Arbeit nichts auszusetzen, die ihm den Festival-Eintrit finanziert. Die Sonne geht langsam über der Hauptbühne auf.

***

Um sechs Uhr versammeln sich die in roten Westen gekleideten Ticketkontrolleure bei der Zeltbühne. Ihr Ziel: Festivalbesucher ohne gültiges Ticket für den Folgetag hinauszuwerfen. «Dazu machen wir jetzt eine saubere Reihe», wiederholt ein für die Kontrolle zuständiger Mann etwa zum vierten Mal. Doch militärische Ordnung funktioniert hier nur mässig. Die 65 schlaftrunkenen Jugendlichen haben ihre Mühe mit der streng geometrischen Aufstellung. In einer Reihe sollten die Ticketkontrolleure über das Gelände rollen, damit ihnen niemand ohne gültigen Festivalbändel entwischen kann.

Aber dann steht eine Gruppe bei dem Marktständen anstatt bei den Esseszelten. Also schreit der Leiter: «Wir bleiben jetzt stehen, bis wir wieder laufen.» Ein Jugendlicher verdreht die Augen und sagt: «Das Anstrengendste an diesem Job ist, dass man sich andauernd aufregt.» Ein anderer pflastert seinem Kollegen das Täfelchen mit der Aufschrift «Ticket 3» auf den Rücken. Kurz danach haben die Rotwestler aber so etwas wie eine Linie gebildet und machen ihren ersten Fang: Im Essenszelt sitzen zwei Festivalbesucher ohne gültiges Bändeli für den heranbrechenden Tag. Ein gorillaähnliches Geschrei geht durch Ticketgruppe sechs. Die beiden ohne Billett verlassen ohne grössere Umstände das Gelände. Als die aufgeforderten Bronco-Sicherheitsleute aufkreuzen, sind sie schon weg.

***

Einmal mehr wird zur «sauberen Linie» aufgerufen, ein junger Mann moniert: «Gerade Linien sind bürgerliche Vorstellungen.» Und dann steht die Linie vor dem Schlafgemach der 15 Campierenden. Hier ist anscheinend der «Hauptknackpunkt» der illegalen Festivalgänger. Aber nicht an diesem Morgen. Die Schlafenden werden alle von den etwas schüchternen Kontrolleuren angestupst. Schlaftrunken strecken sie ihre Bändel am Handgelenk Richtung Jugendliche, um dann wieder in den Schlaf zurückzusinken.

***

Um Viertel vor sieben Uhr ist der Spuk vorbei. Das Gelände ist aufgeräumt, die Kontrolle abgeschlossen. Die «Bäseler»- und Ticket-Personen warten darauf, von ihrem Dienst befreit zu werden. Jetzt sind hauptsächlich Broncos auf dem Gelände zu sehen. Zwei erholen sich gerade von ihrer Nachtschicht mit einer Crêpe, drei andere witzeln zusammen vor dem VIP-Zelt. Einige trinkfeste Festivalgänger stehen noch immer an der Bar beim Haupteingang, während die erwachten Camper in der Sleepingzone die bereits geöffnete Kaffeebar aufsuchen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt