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«Schweiz hatte immer mehr Mühe, Getreide zu kaufen»

Vom Wetter bis zur Logistik: Historiker Daniel Marc Segesser sieht eine ganze Reihe von Gründen für die Ernährungskrise der Schweiz im Ersten Weltkrieg.

Der «Nebelspalter» mokierte sich 1917 über die galoppierende Reglementierfreude – hier im Fall von Zürich.
Der «Nebelspalter» mokierte sich 1917 über die galoppierende Reglementierfreude – hier im Fall von Zürich.
e-periodica.ch

Herr Segesser, zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Schweiz von Getreideimporten abhängig. Woher kam das Getreide?

Vor dem Ersten Weltkrieg kam der grösste Teil des Getreides für das Brot europäischer Arbeiter aus Russland. Mit dem Krieg war der Land- und Seeweg versperrt, es gelangte kaum mehr Getreide aus Russland in die Schweiz.

Wer sprang dann in die Bresche?

Ab 1915 bestand für die Schweiz eine sehr hohe Abhängigkeit von den USA und Kanada. Ein Teil kam auch noch aus Argentinien. Andere Weizenexporteure wie Rumänien und Ungarn schauten zunehmend für sich selber. In Australien gab es 1915 eine Dürre. Global gesehen stammten 1915 80 Prozent der Weizenexporte aus den USA, Kanada und Argentinien.

Warum verschlechterte sich 1916 die Lage so dramatisch?

Es gab eine Reihe von Gründen. In den USA bauten die Farmer weniger Weizen an, weil die Rendite von 1915 nicht ihren Erwartungen entsprochen hatte. Hinzu kam das schlechte Wetter, das fast überall zu Missernten führte, wie dies der Klimahistoriker Christian Pfister beschrieben hat. Es war sehr kalt, und teilweise gab es zu viel oder auch zu wenig Niederschlag. In Argentinien kam es zudem zu einer Heuschreckenplage. Der Ausfall von Russland konnte so nicht mehr kompensiert werden. Erschwerend waren die Beschlüsse der Wirtschaftskonferenz der Entente in Paris vom Juni 1916. Keine Rohstoffe und Güter sollten mehr an die Mittelmächte gelangen. Davon waren auch neutrale Staaten wie die Schweiz betroffen.

1917 erklärte Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, was die Situation verschlimmerte.

Meine These ist: Nicht der uneingeschränkte U-Boot-Krieg löste die Ernährungskrise aus, sondern die Ernährungskrise führte zum U-Boot-Krieg. Den Beschluss dazu fällte die deutsche Führung im Dezember 1916, als definitiv klar wurde, dass Argentinien bei der Getreideversorgung nicht einspringen konnte. Deutschland, das bei einem solchen Beschluss vom Kriegseintritt der USA ausging, rechnete sich bei einer Knappheit der Lebensmittel bessere Chancen aus, durch die Versenkung von Frachtern den Kriegsverlauf zu ändern. Die Überlegung war: Je prekärer die Ernährungssituation, desto eher ist die Entente zum Friedensschluss bereit.

Was hiess das für die Schweiz?

Die Schweiz befand sich im Sandwich, sie hatte immer mehr Mühe, überhaupt noch Getreide kaufen zu können. Die USA traten im April 1917 in den Krieg ein. Die Mengen, die bezogen werden konnten, wurden gekürzt. Rumänien wiederum wurde innert weniger Monate von den Mittelmächten besiegt und ausgeplündert. Zudem waren die Witterungsverhältnisse vor allem zu Beginn des Jahres alles andere als vorteilhaft: Im ganzen Alpenbogen lag im Winter 1916/17 enorm viel Schnee.

In der Schweiz versuchte man, die Versorgung mit umfangreichen Rationierungsmassnahmen zu steuern. Hat das etwas gebracht?

Die Rationierungsmassnahmen hatten sicher positive Folgen, der grundlegende Mangel konnte aber nicht behoben werden. Die Bürokratie bewirkte zusätzliche Einschränkungen für die Bevölkerung. Es bestand zudem die Gefahr, dass die sozialen Gegensätze verschärft wurden. Denn wer Geld hatte, konnte sich die gewünschten Lebensmittel auch auf anderem Weg beschaffen.

Also zum Beispiel mit Hamsterfahrten aufs Land?

Diese Fahrten gab es durchaus. Es ist aber schwierig zu sagen, wie gross das Problem mengenmässig genau war. Es ist falsch, die Bauern insgesamt zu Schuldigen zu machen und sie kollektiv als Profiteure zu bezeichnen. Es gab sicher einige Bauern, die gute Geschäfte machten, es gab aber auch viele, die selber grosse Probleme hatten.

1917 begann die Schweiz auch mit einer Anbauschlacht, Freiflächen wurden genutzt.

Die Menge der produzierten Lebensmittel konnte sicher gesteigert werden. Es handelte sich aber vor allem um den Anbau auf kleinen Flächen. Für Getreide waren diese «Pflanzblätze» nicht geeignet, eher für Gemüse oder Kartoffeln. Diese Massnahmen zeitigten einen Lerneffekt für die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit dem Plan Wahlen. Dieser war zwar erfolgreicher, die gesteckten Ziele wurden aber auch nicht erreicht.

Die Behörden verbilligten für Personen mit geringem Einkommen auch die Lebensmittel. Inwiefern war dies eine Hilfe?

Die Lebensmittel hatten sich stark verteuert. Weil die für die Landesverteidigung eingezogenen Wehrmänner keinen Erwerbsausfall erhielten, basierten die Einkommen in vielen Familien auf dem Lohn der Frauen. Dieser war aber sowieso kleiner als der Lohn der Männer. Es war also höchstens eine Milderung, aber keine Lösung des Problems.

Konnte die Swiss Mission in den USA die Lage entschärfen?

Es ging unter anderem darum, amerikanisches Getreide zu erhalten. Es gibt zwei Lesarten. Die erste betrachtet die Mission als Erfolg, weil ein Abkommen zustande kam. Die zweite betont die Tatsache, dass die Schweiz sich in das System der Entente eingliedern und sich an der Blockadepolitik gegen die Mittelmächte beteiligen musste. Die Importe erreichten aber das Vorkriegsniveau nicht. Obwohl sich die Lage 1918 verbesserte, blieb der Mangel bei der Arbeiterschaft gross. Auch wegen der unter anderem durch die bolschewistische Revolution in Russland gesunkenen Kompromissbereitschaft kam es zu einer innenpolitischen Verhärtung, die im Herbst 1918 zur Konfrontation im Landesstreik führte.

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