«Schuldgefühle und die Liebe lassen die Frauen zurückkehren»

Hunderte Frauen werden jedes Jahr im Kanton Bern misshandelt. Einige von ihnen finden Schutz im Frauenhaus.

Anna Tanner arbeitet seit zwei Jahren im Berner Frauenhaus.

Anna Tanner arbeitet seit zwei Jahren im Berner Frauenhaus. Bild: Franziska Rothenbühler

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Frau Tanner, letztes Jahr musste die Berner Polizei über 900 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Die Dunkelziffer liegt wohl beim Fünffachen. Diese Zahl bleibt seit Jahren konstant. Gehört Gewalt gegen Frauen zu unserer Gesellschaft?
Sie wird wohl immer ein Teil unserer Gesellschaft sein. Oft wird zur Gewalt gegriffen, weil es die vermeintlich leichteste Lösung ist.

Laut Statistik war bei knapp zwei Dritteln aller Polizeieinsätze mindestens eine Person ausländischer Staatsangehörigkeit beteiligt. Schlagen Ausländer häufiger zu?
Menschen mit Migrationshintergrund sind oftmals mit diversen Problemlagen des alltäglichen Lebens konfrontiert. Und wer im Alltag mehr Stress ausgesetzt ist, neigt zu einfacheren «Lösungsstrategien» wie Gewalt. Zudem sind viele Opfer mit Migrationshintergrund noch nicht lange in der Schweiz und haben oft nicht die Möglichkeit, eine Weile bei der Freundin oder den Eltern unterzukommen. Wir können also nicht pauschal sagen, dass Ausländer mehr zuschlagen. Aus derselben Statistik geht auch hervor, dass ein Drittel der Beteiligten in binationalen Beziehungen stehen.

Was heisst das?
Etwas vereinfacht ausgedrückt sind das Fälle, bei denen Schweizer Männer gegenüber ihren ausländischen Frauen gewalttätig werden.

Die Mehrzahl der Fälle von häuslicher Gewalt hat eine Vorgeschichte. Warum kehren so viele Frauen zu ihrem gewalttätigen Mann zurück?
Eine Trennung ist immer etwas Schwerwiegendes. Schuldgefühle, die Gewohnheit der Familienstruktur und die Liebe lassen die Frauen wieder zurückkehren.

Liebe, obwohl sie misshandelt werden?
Das ist nicht zwingend ein Widerspruch. Es kommt ja immer wieder zu Phasen der Versöhnung. Es ist eine Spirale: Es gibt einen Grundkonflikt, dann kommt es zur Eskalation, anschliessend zeigt der Mann Reue und verspricht Besserung. Oft gibt ihm die Frau dann nochmals eine Chance. Abgesehen davon, sind viele Frauen abhängig von ihrem Partner, gerade wenn sie Kinder haben und kein eigenes Einkommen.

Sind Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus besonders abhängig?
Viele Männer drohen den Frauen, dass sie in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden und die Kinder bei ihm bleiben.

Gewöhnen sich viele Opfer an Gewalt?
Das ist so. Gerade Kinder, die regelmässig geschlagen werden, wissen dann gar nicht, dass es auch anders sein könnte.

Oft kommen die Opfer von häuslicher Gewalt zu Ihnen ins Frauenhaus. Dessen Standort ist geheim. Wie sorgen Sie dafür, dass das so bleibt?
Wir sind sehr vorsichtig, an wen wir die Adresse herausgeben – und wenn, dann nur mündlich. Vom Festnetz telefonieren wir nur mit unterdrückter Nummer. Ruft uns die Polizei an, müssen wir zuerst überprüfen, ob es tatsächlich Beamte sind. Für die Post haben wir ein Postfach.

Weiss Ihre Familie, wo Sie arbeiten?
Nein, das wissen nur so viele wie absolut nötig. Wer es trotzdem weiss, muss eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und sich verpflichten, den Standort nicht zu verraten.

Sind Smartphones und ihre Ortungsfunktion für das Frauenhaus ein Problem?
Ja, das ist tatsächlich ein Problem. Wir raten deshalb den Frauen immer, noch bevor sie zu uns kommen, die Ortungsfunktion ihrer Handys auszuschalten. Aber auch das Internet ist ein Problem. Zum Teil ist es möglich, via IP-Adresse den Standort ausfindig zu machen. Andererseits ist ein Internetzugang für viele Frauen bei uns extrem wichtig. Wir werden bald speziell zu diesen Problemen geschult.

Dürfen Männer das Frauenhaus betreten?
Es gibt bei uns kein generelles Männerverbot. Im Frauenhaus gibt es beispielsweise einen Kinderanimator. Er ermöglicht es den Kindern, positive Erfahrungen mit Männern zu machen. Er macht Ausflüge mit ihnen, spielt Fussball oder geht mit ihnen ins Museum.

Ist die Arbeit im Frauenhaus speziell belastend?
Es ist schon anspruchsvoll. Deswegen arbeitet hier auch niemand 100 Prozent. Aber es gibt auch viele Erfolgserlebnisse. Es ist toll, wenn man sieht, dass durch unsere Arbeit vielen Frauen ein besseres und eigenständiges Leben ermöglicht wird. (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2017, 06:57 Uhr

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Das Berner Frauenhaus wurde 1980 als eines der ersten in der Schweiz eröffnet. Frauen aus der damaligen Frauenbewegung waren daran massgeblich beteiligt. Zusammen mit einem Haus in Thun wird es von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern betrieben. Seit 1994 besteht ein Leistungsvertrag mit dem Kanton. Gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder erhalten hier Schutz, Beratung und vorübergehende Unterkunft. Das Haus in Bern bietet Platz für sieben Frauen und acht Kinder. Die durchschnittliche Auslastung liegt bei über 80 Prozent. Im Schnitt übernachtet eine Frau rund 50 Mal im Frauenhaus. Anna Tanner hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet seit zwei Jahren zusammen mit 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Berner Frauenhaus.

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