Schon als Kind wollte er auf die Bühne

Der Jongleur, Magier und Komödiant Dustin Nicolodi spielt einen abgehalfterten Bühnenstar – dabei ist er erst 35. Derzeit gastiert er im Chapiteau auf der Berner Allmend.

Keine Angst vor scharfen Messern: Dustin Nicolodi alias Coperlin.

Keine Angst vor scharfen Messern: Dustin Nicolodi alias Coperlin. Bild: Doris Fanconi

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Ungeschminkt ist der 35-jährige Dustin Nicolodi ein rundum sympathischer Kerl. Mit aufgemaltem Schnäuzchen verwandelt er sich in der Manege in einen abgehalfterten Gigolo mit leicht schäbigem Grinsen, dessen goldene Zeiten als Zauberer und Jongleur auf den Bühnen von Las Vegas weit zurückliegen. Coperlin heisst die Kunstfigur, und der Name ist nicht zufällig gewählt. «Er ist eine schlechte Kopie von David Copperfield, der es halt auch einmal versucht», erklärt Nicolodi. «Beim Jonglieren geht oft etwas daneben, aber das macht nichts.» Das Publikum möge Fehler und lache am lautesten, wenn etwas schiefgehe.

Ursprünglich war Nicolodi Handstandakrobat. In dieser Funktion trat er 2007 im Zirkus Knie auf. Er habe Probleme mit der Schulter gehabt, sagt der Artist. Nach einer Verletzung im Jahr 2008 sei für ihn der richtige Zeitpunkt gewesen, um etwas Neues anzufangen. Aber was? Zum Glück blieb Nicolodi mit dieser Frage nicht allein, sondern beantwortete sie im Kreise seiner Familie, deren Artistentradition acht Generationen zurückreicht. Sein Vater Willer Nicolodi ist ein alter Zirkushase, der schon als Bub als Artist bei Knie auftrat und später ins Bauchrednerfach wechselte. In dieser Funktion führte der Senior im Knie in der Saison 2015 arglose Freiwillige aus dem Publikum in der Manege vor, die scheinbar dumme Sachen von sich gaben. Vater Nicolodi riet dem Filius, ebenfalls von der Artistik auf die Humorschiene zu wechseln.

Prägendes Moulin Rouge

«Die Jonglage ist die Basis, aber der Humor ist das Wichtigste», sagt Dustin Nicolodi. Selbstverständlich kann er «richtig» jonglieren, etwa in der hinreissenden Nummer, in der er mit Äpfeln jongliert und diese nach und nach verspeist. Das hat man im Zirkus noch kaum je gesehen.

Die Nicolodis sind eine Zirkusfamilie, nicht nur der Vater. Die Schwester arbeitete 2015 als Artistin bei Knie. Die Mutter kennt das Showbiz seit ihrer Zeit als Miss Schweiz 1975. Hat man da überhaupt eine Chance auszubrechen? «Ich musste nicht zum Zirkus», sagt Dustin mit Nachdruck. Die Eltern hätten ihn im Gegenteil stets gefragt, ob er nicht einen anderen Ausbildungsweg einschlagen wolle. Wollte er aber nicht. «Ich wusste schon als Bub, dass ich auf einer Bühne stehen will.»

Als sein Vater über Jahre ein Engagement im legendären Etablissement Moulin Rouge hatte und mit der Familie in Paris wohnte, trieb sich der Sohn gerne im Garderobenbereich herum. «Ich wuchs quasi im Moulin Rouge auf», sagt Dustin Nicolodi. Leider habe er sich als 14-Jähriger nicht mehr dort aufhalten dürfen, «gerade als es richtig interessant wurde». Später stand er im Nachtclub selber auf der Bühne, damals als Handstandakrobat. Das sei eine grosse Ehre für ihn gewesen, findet Dustin Nicolodi: «Ich habe mir vor Aufregung fast in die Hose gemacht.» Inzwischen hat er auch schon bei Salto Natale, Conelli oder im Circus Krone gearbeitet.

Humor wandelt sich

Der Wechsel von einem Theatersaal in die Manege hat seine Tücken. In einem Theater besuchen die Leute das Programm eines bestimmten Künstlers, den sie sehen möchten. Beim Zirkus gehen sie einfach in den Knie, ohne genau zu wissen, was im Programm vorkommt. Das Publikum sei sehr gemischt, sagt Nicolodi. Am Nachmittag habe es mehr Kinder, die doppeldeutige Bemerkungen oder Ironie weniger verstünden. In Zürich habe es auch viele Touristen, die kaum Deutsch verstünden. An einem Tag mache das Publikum gut mit, an einem anderen müsse man es erst erobern. «Man muss spüren, wie das Publikum zusammengesetzt ist, und dann den Auftritt leicht anpassen.» Inzwischen hat er auch Erfahrungen in der Romandie gesammelt, als Knie in Neuenburg, Delsberg oder La Chaux-de-Fonds gastierte. Dann spreche er natürlich nicht das Gemisch aus Hochdeutsch und Mundart, sondern Französisch. Die Welschen lachten über andere Dinge als die Deutschschweizer.

Star der Saison ist Helga Schneider, mit richtigem Namen Regula Esposito (früher Acapickels). Kommen sich die zwei Figuren mit den humoristischen Einlagen nie in die Quere? Nein, sagt Nicolodi. Sie ergänzten sich. Wenn «Frau Schneider» merke, dass das Publikum bei einer Vorstellung mitmache, sage sie ihm hinter der Manege: «Du wirst sehen: Sie sind heute gut drauf.» (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2018, 06:33 Uhr

Kampf der Hitze

Wenn die Hitze auf ein Zirkuszelt brennt, wirds darin sehr warm. Denkt man zumindest. Bei Knie gebe es inzwischen eine Klimaanlage im Chapiteau, sodass die Zuschauer das Zelt als angenehm empfänden, teilt die Medienstelle auf Anfrage mit.

Im Gegensatz zum laufenden Hitzejahr gabs im heissen Sommer 2003 keine solche Wohltat. Damals zogen es manche Eltern vor, mit den Kindern am Mittwochnachmittag etwas anderes zu unternehmen. Auf die Gesamtbilanz wirkte sich das Wetter laut dem Schweizer Nationalzirkus nicht negativ aus. Im Gegenteil: 2003 sei ein Rekordjahr gewesen. Das Unternehmen feierte sein 200-Jahr-Jubiläum und hatte mit dem Kabarettisten Massimo Rocchi ein As im Ärmel.

Wie sieht es generell mit den Zuschauerzahlen aus? Wenn Knie früher seine – viel zahlreicheren – Spielorte ansteuerte, war dies nebst der Dorfchilbi eins der wenigen Spektakel. Heute häufen sich die Events selbst in der Provinz, und Freizeitvergnügen vom Spassbad bis zum Europapark – und viele Zirkusse – buhlen um die Aufmerksamkeit. Knie sagt, seine Zuschauerzahlen seien in den letzten Jahren stabil gewesen.

Heute beginnt die Show

Der National-Circus Knie gastiert bis zum 22. August auf der Berner Allmend. Heute um 20 Uhr findet die erste Vorstellung statt. Der Zeltaufbau ist aufwendig. Gestern ab acht Uhr früh waren hundert Arbeiter daran, Blachen und Pfosten vorzubereiten, sie benötigten für den Aufbau sechs Stunden. Das Chapiteau weist einen Durchmesser von 46 Metern auf und bietet 2300 Zuschauern Platz. Gegen neun Uhr kamen die ersten Lastwagen an. «Zwei Extrazüge der SBB bringen Material vom Spielort Solothurn», sagt Mediensprecherin Silja Hänggi. Die Züge seien nachts unterwegs, um den Personenverkehr nicht zu beeinträchtigen. Tiere werden laut Knie heutzutage ausschliesslich mit Lastwagen transportiert, das sei tierfreundlicher und schneller. Die Zeiten, als es im Knie noch Elefanten gab, die am Bahnhof ausstiegen und dank ihres Gedächtnisses selbstständig in Richtung Festplatz marschierten, sind vorbei.

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