Tödliches Gusseisen

Ein unscheinbares Geländerstück aus Gusseisen erinnert an die schöne Vergangenheit der Kirchenfeldbrücke – und an spektakuläre Geschichten.

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Es ist leicht zu übersehen. Auf der Südseite der Kirchenfeldbrücke, vis à vis der Kunsthalle, gibt es ein Kuriosum – ein 55 Zentimeter langes Stück Geländer, das wie ein Fremdkörper wirkt. Es ist ein Relikt, ein Stück Originalgeländer. Die Kirchenfeldbrücke, die 1883 eingeweiht worden war, trug fast 100 Jahre lang eine kunstvolle Gusseisen-Balustrade; 1972 wurde sie ersetzt durch ein Nullachtfünfzehn-Geländer aus Leichtmetall.

Wie das Orignal-Gusseisenstück an seinen Platz kam, ist bekannt. Es ist auch kein Geheimnis, wer mit einer spektakulären und illegalen Aktion den Anstoss dazu gegeben hatte. Und doch wurde diese Geschichte bisher offenbar noch nie in ihrem ganzen Zusammenhang veröffentlicht. Erzählt wird sie aber immer wieder – etwa am Stammtisch des Restaurants Harmonie. Und dort hat Kurt Theodor Oehler sie vor einiger Zeit aufgeschnappt; sie hat den 76-jährigen Psychologen und Buchautor aus Zimmerwald so sehr fasziniert, dass er die Fakten zusammengetragen und alles aufgeschrieben hat.

«Es bricht wie dürres Holz»

Die Faszination des gebürtigen Aargauers für diese Berner Geländergeschichte rührt auch daher, dass er als junger Mann zunächst als Metallspezialist ausgebildet worden war. Geplant war, dass er in den familiären Giessereibetrieb einsteigen würde. Aber es kam anders: Oehler entschied sich für ein Zweitstudium in Psychologie und Pädagogik. Von 1980 bis 2012 arbeitete er als Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Bern.

Wenn Oehler über das Geländer der Kirchenfeldbrücke spricht, ist der Fachmann in ihm nicht zu überhören. Gusseisen sei hart, brüchig und relativ schwer, sagt er. Legierungen aus Leichtmetall dagegen seien zäh, elastisch und vergleichsweise leicht. In diesem Unterschied liegt der Grund, warum das ursprüngliche Geländer ersetzt wurde.

Das Gusseisengeländer sah zwar wunderschön aus, war aber aufgrund seiner Sprödheit nicht dazu geeignet, den Aufprall von Fahrzeugen auszuhalten. «Bei einer solchen Kollision bricht es wie dürres Holz», sagt Oehler.

Über 40 Meter abgestürzt

Das zeigte sich am 5. Dezember 1948 auf dramatische Weise. In den frühen Morgenstunden kam ein Auto bei der südseitigen Zufahrt auf die Brücke ins Schleudern, durchschlug das Geländer und stürzte über 40 Meter tief auf den Turnplatz im Schwellenmätteli hinab. Der Mann, ein Installateur aus Bern, wurde auf der Stelle getötet. So stand es am nächsten Tag in den Zeitungen.

Oehler hat nicht nur die Berichte zu diesem Unfall aufgestöbert. Im Staatsarchiv fand er eine Fotografie des Unfallautos. Zudem stellte er fest, dass am gleichen Tag noch ein zweites Auto beinahe über die Brücke hinausgeraten wäre. Es war ebenfalls ins Schleudern geraten, kam aber «wenige Zentimeter vom Geländer entfernt» zum Stehen.

Aus optischer Sicht öd

Bis das Risikogeländer schliesslich ersetzt wurde, dauerte es noch eine Weile. Und obschon 1968 zwischen Fahrbahn und Trottoir Leitplanken montiert wurden, war es Anfang 1972 um die Gusseisenromantik geschehen. Das neue Metallgeländer war zwar in Bezug auf seine Schutzeigenschaften viel besser geeignet als das alte, dafür wirkte es aus optischer Sicht spröd.

Dies jedenfalls fand der Architekt Kurt Moritz Gossenreiter. Nur wenige Wochen nach der Montage des neuen Geländers startete er frühmorgens und noch im Schutz der Dunkelheit mit ein paar Helfern sein Schelmenstück, wie Oehler es in seinem Bericht nennt.

Der Berner Filmemacher Marcel Wyss hat Gossenreiter 2015 mit einem Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt. Darin wird der Architekt, der 2007 im Alter von 66 Jahren starb, als handwerkliches Universalgenie, als unbändige Ideenschleuder und notorischer Hasardeur porträtiert. Im Film «Gossenreiter» ist auch die mit einer Super-8-Kamera aufgenommene Szene auf der Kirchenfeldbrücke verewigt.

Arbeit auf der Fake-Baustelle

Gossenreiter hatte sich in Thörishaus, wo das alte Geländer bei einer Alteisenfirma entsorgt worden war, ein Stück davon geholt. Auf der Brücke stellte er mit seinen Helfern ein Baustellenzelt auf und sicherte es professionell mit rot-weissen Latten und Baulaternen. Mit dem Schweissbrenner schnitt er ein Stück des neuen Geländers heraus, um Platz zu schaffen für das Original. Auf verwunderte Fragen antworteten die Schweisser, sie handelten im Auftrag der Stadt. Nach getaner Arbeit liessen sie gemäss Oehlers Bericht ein Pamphlet zurück. Darin hiess es, die Stadt werde immer uniformer. Das alte Geländer habe mit der Brücke eine Einheit gebildet. Mit dem neuen Geländer sei diese verloren gegangen.

Illegal, aber doch witzig

Kurt Theodor Oehler bewertet in seinem Text Gossenreiters Nacht-und-Nebel-Aktion als Ausdruck «seines unerbittlichen Kampfs gegen die allgemeine Vereinheitlichung». Dafür gebühre ihm Respekt.

Offenbar sahen es auch die Stadtbehörden so. Die Tat wurde zwar als unangemessen, aber doch witzig eingestuft. Und so beschloss der Gemeinderat unter dem damaligen Stadtpräsidenten Reynold Tschäppät, das Originalstück an seinem heutigen Ort, dort also, wo das Geländer beginnt, fachmännisch einsetzen zu lassen. Gemäss Oehler hatte Gossenreiter seine Aktion einige Meter weiter nördlich ausgeführt, direkt oberhalb der Schwellenmattstrasse – «damit sie gut gefilmt werden konnte». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2018, 06:47 Uhr

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