Schmidt allein auf weiter Flur

Der Stadtberner Wahlkampf ist lanciert: Die Kandidatur von Tierparkdirektor Schildger als SVP-Gemeinderat könnte Finanzdirektor Alexandre Schmidt den Sitz kosten.

Ohne den Support anderer Parteien blickt der Stadtberner Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) einer ungewissen politischen Zukunft entgegen.

Ohne den Support anderer Parteien blickt der Stadtberner Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) einer ungewissen politischen Zukunft entgegen.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

Zehn Monate vor den Wahlen ist bereits klar: Der Coup der SVP mit der Kandidatur des populären Tierparkdirektors Bernd Schildger («Bund» von gestern) bringt den umtriebigen FDP-Finanz­direktor Alexandre Schmidt in arge Nöte. Der Paradiesvogel Schildger dürfte Stimmen bis weit nach links holen und damit die SVP über die für einen Gemeinderats­sitz nötige 16-Prozent-Marke hieven. In diesem Fall müssten wahrscheinlich entweder Schmidt oder CVP-Gemeinderat Reto Nause über die Klinge springen. Die FDP, die bei den letzten Wahlen 2012 einen Wähleranteil von 10 Prozent erreichte, ist nach dem Alleingang der SVP dringend auf neue Bündnispartner angewiesen – sonst wären die Freisinnigen erstmals seit 1920 nicht mehr in der Stadtregierung vertreten.

Dies ist nicht unwahrscheinlich: Derzeit sieht es ganz danach aus, als ob die Mitte-Parteien Reto Nause nicht im Stich lassen. BDP/CVP-Fraktionschef Philip Kohli will für die Gemeinderatswahlen keine Bündnis-Option ausschliessen, auch nicht eine mit der FDP. Er weist aber darauf hin, dass die BDP in der Stadtrats-Fraktionsgemeinschaft mit der CVP «nur gute Erfahrungen» gemacht habe. «Ich wüsste nicht, warum wir für die Gemeinderatswahlen das Bündnis wechseln sollten.» Eine funktionierende Beziehung gebe man nicht einfach so auf. Als Sicherheitsdirektor habe Nause «den schwierigsten Job» im Gemeinderat mit Anstand verrichtet. Ob und wen die BDP mit Nause auf die Mitte-Liste schicken werde, sei noch offen. «Ich selber kandidiere jedenfalls nicht», sagt er.

Ruf nach grosser Mitte-Allianz

Bei der GLP heisst es, man führe Gespräche mit potenziellen Bündnispartnern: «Eine ökologische Mitte mit GFL und EVP ist für uns nach wie vor eine schöne Option», sagt Co-Fraktionspräsidentin Melanie Mettler. Sie hat grosse Vorbehalte gegenüber einer gemeinsamen Liste mit den Freisinnigen. «Nur wenn sich die FDP zur Mitte hin orientiert und den Schmusekurs nach rechts beendet, ist eine Zusammenarbeit möglich. Das ist aber nur schwer vorstellbar.»

Die Verzweiflung im FDP-Lager wächst: FDP-Nachwuchshoffnung Thomas Berger findet es fatal, dass die Mitte-Parteien dem Freisinn die kalte Schulter zeigen wollen. Bei einer solchen Zersplitterung der Kräfte sei es durchaus möglich, dass die Rot-Grün-Mitte-Liste mit GFL-Kandidat Alec von Graffenried vier der fünf Sitze im Gemeinderat erobern werde. Zudem bestehe das Risiko, dass der verbleibende Sitz an die SVP ­gehen könnte. «Wollen das BDP, CVP und GLP tatsächlich oder wäre eine grosse Mitte-Allianz nicht auch in ihrem Interesse», fragt Berger rhetorisch.

Duell Schmidt gegen Hess?

Weit und breit ist kein Allianz-Partner in Sicht, welcher der FDP die nötigen Stimmen für den Gemeinderatssitz bringen könnte. Hat Schmidt bereits sein Bewerbungsdossier für ein Comeback in der Privatwirtschaft zusammenstellt? Der Finanzdirektor will sich noch nicht ins Bockshorn jagen lassen. Für Prognosen sei es zu früh, die Koalitionen seien noch nicht bekannt. «Ich wechsle jetzt nicht wegen der aktuellen Ereignisse husch, husch in den Wahlkampfmodus. Ich bin gewählt, um zu arbeiten, und will meine Zeit nicht für Wahlpropaganda ­verschwenden.»

Schmidt betrachtet Schildger nicht in erster Linie als direkten Konkurrenten sondern vielmehr als Stimmenbeschaffer für die SVP. Schliesslich werde sich das Volk zwischen ihm und dem tatsächlichen SVP-Spitzenkandidaten Erich Hess entscheiden müssen. Denn nur wer wie Hess seit Jahren für eine Partei Unterschriften im Regen sammle, gewinne Proporzwahlen – und keine Quereinsteiger.

Keine Abgangsgelüste bei Nause

Der Sitz von CVP-Mann Reto Nause ist in der absehbaren Konstellation weit weniger gefährdet als jener von Schmidt. Nause geht davon aus, dass punkto ­Listen «alles beim Alten» bleibt. «Die Mitte-Allianz hat schon bei den Nationalratswahlen gut funktioniert.» Deshalb würde ich auch bei den Gemeinderatswahlen auf diese Zusammenarbeit setzen.

Strebt Nause nach acht Jahren als Chef der Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie (SUE) nun einen neuen Gemeinderatsposten an? Nause winkt ab: «Ich hege keine Abgangsgelüste.» Vielmehr wolle er etwa die Energiewende auf kommunaler Ebene weiter vorantreiben. Und fügt an: «Rund um die Sicherheit geht einem in der Stadt Bern die Arbeit niemals aus.»

Der Bund

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