«Schickimicki können und wollen wir nicht»

Im Restaurant Mülirad in der Matte ist der Stammtisch gut besetzt und das Essen währschaft. Die Stange Bier misst hier tatsächlich noch drei Deziliter.

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Gianna Blum

«Sali Luti. Rutsch mal rüber, ich habe keinen Platz.» Am Stammtisch im Restaurant Mülirad in der Matte kennen sich alle. Es ist ein Stammtisch, wie man ihn im tiefsten Emmental erwarten würde. Freitags wird hier Fisch aufgetischt, samstags trifft sich die monatliche Jassrunde.

Die anwesenden Männer heissen alle Fränzu oder Fredu, Abwesende werden mit dem Nachnamen zuerst genannt («der Balzli-Chrigu»), und die Journalistin wird zum «Schätzeli». Böse sein kann man den Stammtischlern deswegen nicht, es muss der Büezer-Charme sein. «Am Stammtisch und auf über 1000 Meter über dem Meer muss man duzen»: Mit dieser Regel werden Höflichkeitsfloskeln schon von Anfang an entwaffnet.

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Das Mülirad sei halt noch ein richtiger «Quartierspunten», sagt Wirt Hanspeter Luterbacher, oder «Luti», wie ihn hier alle nennen. Würde man Beizer nachschlagen, man erwartete jemanden wie ihn: zerfurchtes Gesicht, breites Berndeutsch und Raucher-Timbre. Seit zwölf Jahren wirtet er gemeinsam mit seiner Partnerin Monika Brazerol im Mülirad. Wie lange es die Beiz unter diesem Namen schon gibt, ist sich keiner am Tisch sicher. «So rund hundert Jahre schon», schätzt Luterbacher.

Wahre Beizer: Luterbacher und Brazerol im Videointerview.

Die Matte habe sich verändert, erzählt Luterbacher. Früher seien noch gut ein Viertel der Gäste ‹Mätteler› gewesen – Bernerinnen und Berner, die im Quartier geboren und aufgewachsen sind. Inzwischen seien viele gestorben oder weggezogen. Auch, dass der Stammtisch rauchfrei werden musste, habe das Geschäft gedrückt. «Es kommen nicht weniger Gäste, aber die bleiben weniger lange», so der 63-Jährige. «Die Krummen-Raucher kommen fast nur noch im Sommer.» Mittagsgäste seien oft «Büezer», die dann im Mülirad einkehrten, wenn sie gerade Aufträge in der Gegend hätten. Entsprechend währschaft – und kalorienhaltig – sieht die Speisekarte aus, Wurstsalat und suure Mocke wechseln sich ab. «Schickimicki können wir nicht – und wollen wir auch nicht», sagt Luterbacher.

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«Hier hat die Stange noch drei Deziliter, nicht 2,5 wie in manch anderer Beiz», lobt einer der Stammgäste. Am Bier haben sich bis vor einigen Jahren auch regelmässig die Parlamentarier der Schweizerischen Volkspartei gelabt. «Toni Brunners Freundin wohnte mal direkt gegenüber», erzählt Luterbacher. Der damals noch frischgebackene SVP-Nationalrat sei öfters mal im Mülirad eingekehrt und habe dann das jährliche Fraktionsessen der Partei in die Matte gebracht. Jean-François Rime ging jeweils auf Wildschweinjagd, Luterbacher bereitete die Sau zu, und die gesamte SVP-Fraktion tat sich dann daran gütlich. «Das muss man sich vorstellen», sagt Luterbacher sichtlich stolz. «30 Prozent des Parlaments und zwei Bundesräte sassen hier drin.»

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«Wie lange es mich noch gibt, weiss nur der liebe Gott», sagt Luterbacher auf die Frage, wie die Zukunft des Mülirads aussieht. Solange es die Gesundheit erlaube, wolle er aber Beizer bleiben. Seine Freunde am Stammtisch prosten ihm zu. «Schreib aber nicht meinen vollen Namen», ruft einer der Stammtischler zum Abschied. «Nicht, dass dann alle meinen, ich hocke den ganzen Tag nur in der Beiz.»

Nachtrag: Einem geneigten Leser sei gedankt, der uns bezüglich Alter des Mülirads näher bringt: Das Lokal wird erstmals im Adressbuch der Stadt Bern von 1886/87 erwähnt, damals aber noch unter dem Namen der Wirtin: Elise Zimmermann. Den heutigen Namen führt es ungefähr seit dem 1. Weltkrieg.

DerBund.ch/Newsnet

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