Schichtwechsel auf dem Tummelplatz für Aarebegeisterte

Vor dem Sprung in die Aare ist für viele Bernerinnen und Berner der Blick auf die Webseite aaremarzili.info Pflicht. Josef Bürgi hat die beliebte Seite während rund 13 Jahren betrieben – jetzt hat er genug.

Der neue und der alte Betreiber der beliebten Webseite aaremarzili.info: David Wiedmer (links) und Josef Bürgi.

Der neue und der alte Betreiber der beliebten Webseite aaremarzili.info: David Wiedmer (links) und Josef Bürgi.

(Bild: Valérie Chételat)

Lisa Stalder

Der Eintrag vom 15. Februar 2015 ist unmissverständlich: «!!!aaremarzili.info stellt demnächst den Betrieb ein!!!» Es ist eine regelrechte Hiobsbotschaft. Schliesslich ist die Aare-Webseite für viele Bernerinnen und Berner die erste Anlaufstelle, wenn es um die alles entscheidende Frage geht: «Aareschwumm ja oder nein?» Zur Entscheidungsfindung trägt dabei nicht nur die aktuelle Aaretemperatur in Bern bei, sondern auch der «Aareschwummindex», eine Kombination aus Wassertemperatur, Lufttemperatur und Niederschlagsmenge. Die Bedingungen können unter andrem «arktisch», «saukalt» oder «super» sein. Und wenn die Aare zu viel Wasser führt, blinkt die Anzeige energisch: «Das Baden in der Aare ist zu gefährlich.»

Den Weg auf die Seite findet aber nicht nur die grosse Masse, die sich ins kühle Nass stürzen will. Nein, da ist zum Beispiel Hans, der seine «Herbstimpressionen» mit anderen Nutzern teilen will. Oder aber Peter, der seinen verlorenen Ehering sucht, oder Markus, der die hübsche Frau treffen möchte, auf deren Bikini-Höschen «Lady» zu lesen war.

Und nun soll das alles vorbei sein? Er habe die Webseite während etlicher Jahre mit viel Herzblut betrieben, sagt Josef Bürgi. «Doch jetzt habe ich es gesehen.» Der gelernte Ingenieur, der bei Postauto arbeitet, hatte die Webseite 2002 übernommen. Davor war ein kleines Ingenieurbüro für die Inhalte von aaremarzili.info zuständig. Da die damaligen Betreiber keinen Zugang zu offi­ziel­len Messwerten hatte, riefen sie täglich beim Marzili-Bademeister an und fragten nach der Aaretemperatur. «Der hatte dann mal genug und legte ihnen ans Herz, etwas zu ändern.»

Eigene Messstation fiel aus

Die Webseite sei damals sehr einfach aufgebaut gewesen, in den darauffolgenden Jahren habe er das Angebot zusammen mit einem Kollegen stetig ausgebaut: Sie schufen die Möglichkeit, Bilder zu publizieren, eröffneten ein Gästebuch und richteten einen SMS-Blog ein. Später folgten Auftritte in den sozialen Medien; auf Facebook hat aaremarzili.info rund 2500 Fans, fast 600 Personen haben den Twitter-Feed abonniert. Auch bezüglich der Messdaten hat sich im Laufe der Zeit einiges geändert: Zwar griff Bürgi nicht wie seine Vorgänger auf den Marzili-Bademeister zurück, sondern stützte sich auf die Daten der kleinen Messstation, die er auf Höhe Schönausteg eingerichtet hatte. Als diese allerdings den Geist aufgab – irgendein Tierchen hatte sich am Kabel gütlich getan –, musste eine andere Lösung her: «Von da an bezogen wir die Daten direkt vom Bundesamt für Umwelt.»

In den letzten Jahren habe er immer weniger Zeit in die Webseite investiert, sagt Bürgi, der selber übrigens kaum je in der Aare anzutreffen ist. «Und wenn, dann nur bei mindestens 19 Grad.» Der 49-Jährige begründet sein schwindendes Interesse indes nicht mit den Aare- und Bade-Apps, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen und wohl auch den einen oder anderen aaremarzili-Nutzer umsteigen liessen. «Wir merken keinen Unterschied, im Sommer haben wir immer noch rund 5000 Besuche pro Tag.» Im Winter seien es zwar nur 200 bis 300, aber eine App werde dann nicht häufiger genutzt.

Seine Absicht, die Webseite definitiv einzustellen, habe vielmehr mit seiner Passion, dem Fotografieren, zu tun. Bereits vor drei Jahren habe er einen Schlussstrich ziehen wollen. «Aber irgendwie schaffte ich damals den Absprung noch nicht», sagt er und grinst. Doch jetzt ist es ihm ernst, daher der Eintrag mit den vielen Ausrufezeichen. Wer auf die Meldung klickt, sieht aber, dass Bürgi das Loslassen nicht so leicht fällt, wie er angibt: «Ich suche einen engagierten Nachfolger, der die Seite übernehmen und weiterbetreiben möchte», so sein Aufruf.

Nachfolger stehen schon bereit

Im 23-jährigen David Wiedmer aus Bern hat er diesen nun gefunden: «Ich hätte es nicht ertragen, wenn diese Seite verschwunden wäre», sagt der gelernte Informatiker. Wiedmer wird die Seite zusammen mit Nathanael Mägli und Moritz Weibel führen; mit ihnen hat er 2012 die Firma Sidefyn gegründet. Die drei wollen sich ein Jahr Zeit lassen, um aaremarzili.info zu überarbeiten. «Wir werden sicher das Layout moderner gestalten.» Auch sollen die vielen Daten, die Bürgi über die Jahre gesammelt hat, sichtbar gemacht werden. Er geht von rund einer halben Million Daten aus, die sich beispielsweise in Diagramme verarbeiten liessen. Wiedmers Ziel ist es, dass die Bernerinnen und Berner auch künftig vor dem Aareschwumm auf der Webseite vorbeischauen. Wird Josef Bürgi dies tun? «Ja, aber nur weil ich wissen will, ob die Jungs das gut machen», sagt er und grinst erneut.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt