Scherben und Ratlosigkeit in der Lorraine

Erneut haben mutmassliche Gegner der Gentrifizierung in der Berner Lorraine randaliert. Einige Geschäftsinhaber suchen seit Monaten erfolglos den Dialog mit den Vandalen.

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Am Wochenende haben Unbekannte an der Lorrainestrasse Schaufenster von neuen, hippen Geschäften eingeschlagen. Es war das dritte Mal innert zweier Monate. Bei allen Vandalenakten sind Geschäfte beschädigt worden, die Ausdruck einer Veränderung des Quartiers sind. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den Tätern um Gegner der Gentrifizierung handelt. Diese wollen verhindern, dass aus dem ehemaligen Arbeiterquartier Lorraine ein teures Trendquartier wird.

Den neuen Kulturtreffpunkt Zeppelin traf es am Wochenende bereits zum zweiten Mal. Christian Herren, der auch das Swiss Brand Museum auf der Nydeggbrücke initiiert hat, ist einer der Betreiber des Zeppelin. Er glaubt inzwischen, dass es den Vandalen nur vordergründig um die Gentrifizierung geht.

«Die machen das aus Spass»

«Seit dem letzten Angriff haben wir die Scheiben noch gar nicht ersetzt», sagt Herren auf Anfrage. Zudem habe er seine Telefonnummer an der Tür zu seinem Geschäft angebracht, damit die Täter den Dialog mit ihm suchen könnten. «Ich würde gerne mit ihnen über das Thema Gentrifizierung reden. Doch melden sie sich nicht. Ich glaube, dass es den Tätern einfach Spass macht, etwas kaputt zu machen.»

Wenige Schritte neben dem Zeppelin befindet sich der neue Laden für vegane Importprodukte und Fairtrade-Mode Veeconomy. Ein Schaufenster und die Glastüre sind zersplittert. Der Geschäftsführer Theo Favetto versteht das Unbehagen der Gentrifizierungs-Gegner. «Mich würde es auch wurmen, wenn in der Lorraine ein Starbucks eröffnet würde», sagt er auf Anfrage. Er wundere sich indes, warum kleine Quartierläden angegriffen würden. «Ich bin jederzeit bereit, mit den Leuten, die sich durch uns gestört fühlen, ein Bier trinken zu gehen und darüber zu reden.»

Der Dialog hat nie stattgefunden

Es ist von Seiten von Veeconomy nicht der erste Aufruf zum Dialog mit den Gentrifizierungs-Gegnern. Im August hingen Plakate vor dem Laden, auf denen man Anliegen und Kritik anbringen konnte. Tatsächlich kamen so einige Rückmeldungen zusammen. Doch führte das offensichtlich zu keinem Frieden. Favetto glaubt denn auch nicht, dass ein Statement von den Vandalen stammte. «Das Plakat wurde eines nachts einfach abgerissen.» Darum fühle er sich nun ohnmächtig. Einschüchtern lassen wolle er sich deswegen aber nicht. «Die Schäden sind zwar ärgerlich, doch sind es nur Glasscheiben. Die können wir ersetzen.»

Geschäftsinhaber haben Angst

Der Quartierverein Läbigi Lorraine (VLL) begleitet die Veränderungen im Quartier seit Jahren kritisch. Dass aber mutmassliche Gentrifizierungs-Gegner in der Lorraine randalieren, findet Catherine Weber vom VLL «unglaublich feige». «Wir sind ratlos, was wir dagegen tun sollen, dass sogar Coiffeur-Salons attackiert werden.» Der Dialog sei ja offenbar nicht möglich, wie der gescheiterte Versuch von Veeconomy zeige. So ganz wohl fühlen sich aufgrund der Vorfälle auch die Geschäftsinhaber nicht mehr, die bis anhin von Attacken verschont geblieben sind. Eine von ihnen ist Gabi Graser, Mitinhaberin des Coiffeur-Salons Schnittpunkt, der ebenfalls an der Lorrainestrasse liegt. Sie erhielt die schlechte Nachricht am Sonntag per Whatsapp-Chat von anderen Geschäftsinhabern. «In dem Moment habe ich Angst gekriegt», sagt sie auf Anfrage. «Ich musste mich erst erkundigen, ob ich auch betroffen bin.» Das war sie nicht. Sie glaubt trotzdem, dass auch sie künftig Opfer von Vandalen werden könnte. «Deshalb habe ich mich heute schlau gemacht, ob unsere Frontscheiben überhaupt ersetzt werden könnten.» Am Salon sind alte Rundscheiben angebracht, die zu ersetzen sehr aufwendig wäre.

Die Buchhandlung Sinwel an der Lorrainestrasse wurde bis jetzt ebenfalls verschont. Der Inhaber Daniel Stehelin versteht zwar die Anliegen der Vandalen, ärgert sich aber, dass sie zu solchen Mitteln greifen. «Vor allem verstehe ich nicht, warum kleine Quartierläden angegriffen, Migros und Denner hingegen verschont werden», sagt er auf Anfrage.

Kein bernisches Phänomen

Dass in teurer werdenden Quartieren gegen hippe Geschäfte protestiert wird, ist kein bernisches Phänomen. Wie die britische Tageszeitung «The Guardian» eine Woche vor den Vandalenakten in der Lorraine berichtete, spielte sich in London an jenem Wochenende etwas Ähnliches ab. Hunderte Aktivisten zogen im Stadtteil East End mit Fackeln und Gebrüll zu einer Müesli-Bar, die seit Anfang Jahr 120 verschiedene Müeslisorten anbietet. Mit Schweinemasken ausgestattet, sprayten die Protestierenden «Scum» (Abschaum) an die Fassade, während im Laden die Müsli essenden Kunden zur Sicherheit in den Keller gescheucht wurden. Während der Kampf um Wohnraum immer härter werde, solle keine Hipster-Bar Müesli anbieten, das kaum jemand bezahlen könne, so die Argumentation.

Der Bund

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