SBB wollen Berner «Randständige» vertreiben - für mehr Profit

Der Bahnhofplatz soll nach dem Willen der SBB «aufgewertet» werden. Bei der Stadt Bern ist man anderer Meinung.

Die SBB wollen rauchende und trinkende Gruppen vom Haupteingang des Bahnhofs Bern verbannen, indem ein Vorbau erstellt werden soll.

Die SBB wollen rauchende und trinkende Gruppen vom Haupteingang des Bahnhofs Bern verbannen, indem ein Vorbau erstellt werden soll. Bild: Valérie Chételat (Archiv)

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«Treffen wir uns später noch auf ein Bier vor dem Bahnhof?» – diese Frage könnte in Bern künftig nicht mehr zu hören sein. Die SBB möchten die Menschen – meist Jugendliche und sogenannte Randständige –, die sich auf dem Bahnhofplatz versammeln, an «andere Orte lotsen».

Der Grund: «Gäste des Restaurants Tibits sollen ihr Essen wieder in Ruhe geniessen können.» Das Ganze ist eine der Massnahmen des Masterplans «Bahnhof der Zukunft», mit denen das Transportunternehmen seine Bahnhöfe und deren Umgebung «aufwerten» will, wie die «Schweiz am Wochenende» berichtet. Die grossen Bahnhöfe seien «Mobilitätsdrehscheiben und Treffpunkte», sagt Sprecher Reto Schärli auf Anfrage. Man passe diese deshalb den «sich stetig ändernden Bedürfnissen der Kunden» an. Diese wollten im Bahnhof nicht nur umsteigen, sondern auch verweilen.

In Basel schwebt den SBB etwa die Verlegung der Tramhaltestellen vor. Beim Zürcher Hauptbahnhof möchten sie die wartenden Taxis verbannen – in Bern haben die SBB dasselbe mit rauchenden und trinkenden Gruppen beim Haupteingang vor. Dies, indem sie auf dem Bahnhofplatz just dort, wo sich die Gruppen versammeln, einen Vorbau erstellen wollen, wie «Bund»-Recherchen zeigen. Die Bundesbahnen haben eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

SBB: «Müssen Rendite erzielen»

Das Bestreben, Randständige vom Bahnhofareal fernzuhalten, ist nicht neu. Vor genau 20 Jahren wurde der umstrittene Wegweisungsartikel eingeführt. Aufgrund dessen kann die Polizei einzelnen Personen oder Gruppen verbieten, sich im Gebiet rund um den Bahnhof aufzuhalten. Vor zwei Jahren entfernte die Stadt nach Gesprächen mit den SBB zudem eine Mauer zwischen Haupteingang und Burgerspital, damit sich die Randständigen dort und nicht direkt vor dem Eingang versammeln. Zudem wurden Aschenbecher umplatziert.

Gemäss Silvio Flückiger vom städtischen Ordnungsdienst Pinto hat sich diese Massnahme bewährt. Heute träten die Randständigen selten störend in Erscheinung. Man habe ein «gutes, aber fragiles Gleichgewicht» geschaffen. Denn klar sei: Rund um den Bahnhof müsse es für alle Platz haben.

Zudem seien es nicht in erster Linie die neben dem Eingang postierten Süchtigen, welche den Pendlerströmen den Zugang zum Bahnhof erschwerten, sondern Jugendliche, die sich im Eingangsportal abends nach dem Einkaufen zu einem im Bahnhof gekauften Bier verabredeten. Auch der Polizei sind keine «Konflikte mit Pendlern oder Beschwerden vonseiten der Geschäfte» bekannt, wie eine Anfrage zeigt.

Menschenansammlung stört Tibits

Was stört die SBB an der jetzigen Situation? Nicht nur das Unternehmen wolle die Situation beim Haupteingang verbessern, sagt Mediensprecher Schärli. Man erhalte auch Rückmeldungen von Kunden, die sich nervten. Damit gemeint sind Bahnkunden, aber auch Kunden der 70 Shops im Inneren des Bahnhofs. Fast zwei Drittel davon befinden sich auf dem Boden der SBB, welche mit der Vermietung gutes Geld verdienten.

SBB-Sprecher Schärli bestätigt, dass es bei den angedachten Massnahmen auch darum geht, die Attraktivität der Bahnhöfe als Einkaufsmeilen zu erhöhen. Die SBB-Immobilien müssten «angemessene Renditen» erzielen. Das verlange der Bundesrat.

Weil der Bahnhofplatz in städtischer Hand ist, sind die SBB bei der Umsetzung ihrer Pläne auf die Unterstützung der Stadt angewiesen. Die SBB haben die Projektleiter bei der Stadt bereits über ihre Pläne informiert. Auf viel Sympathie ist das Ansinnen nicht gestossen. Die zuständige Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) erkennt zudem «keinen aktuellen Anlass», an der Situation auf dem Bahnhofplatz etwas zu ändern. Pinto habe alles «im Griff».

Beim Restaurant Tibits sieht man das etwas anders. Man habe von «einzelnen Gästen» gehört, dass sie sich nicht sicher fühlten, sagt Mitbegründer und Geschäftsleitungsmitglied Reto Frei. Im Restaurant seinen alle Gäste willkommen. Er stört sich aber daran, wenn sich vor dem Restaurant «eine Menschenansammlung bildet». Deshalb begrüsse er die Pläne der SBB, mit denen man in Kontakt stehe. (Der Bund)

Erstellt: 11.07.2017, 06:40 Uhr

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