Sanierungsprofis für die Schreinerei

Die Käufer der Alten Schreinerei in der Berner Länggasse sind Experten für alte Bausubstanz. Der Verkauf sorgt aber für Kritik bei den aktuellen Nutzern: den Besetzern von Fabrikool.

«Leidenschaft für alte Bausubstanz»: Manuel Vatter (l.) und Michael Hebeisen.

«Leidenschaft für alte Bausubstanz»: Manuel Vatter (l.) und Michael Hebeisen. Bild: Adrian Moser

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Das Portfolio der Architekten Michael Hebeisen und Manuel Vatter – gemeinsam Besitzer der Firma Hebeisen und Vatter Architekten – enthält viele Renovationen alter Häuser und Wohnungen: von ihrem eigenen Büro in einem 400-jährigen Haus im Marzili über Wohnungen in der Post-, Münster- oder Kramgasse bis hinauf zur Spitalgasse. Auch einen Jost-Hartmann-Preis, die Auszeichnung für «am besten renovierte Häuser in der Altstadt von Bern», dürfen sie ihr Eigen nennen. Man könnte sie als Architekten «mit besonderer Freude an alten Häusern» bezeichnen, sagen die beiden.

Was ihr nächstes grosses Renovationsprojekt sein wird, ist seit Mittwoch klar: Der Kanton Bern hat dem Duo das Baurecht der Alten Schreinerei auf dem Von-Roll-Areal in der Berner Länggasse überlassen. Dass der Kanton das Gebäude verkauft, ist seit September bekannt, erst jetzt aber hat das Amt für Gebäude und Grundstücke (AGG) kommuniziert, dass es die beiden Berner Architekten sind, welche sich in der Ausschreibung mit ihrem Projekt gegen vier Mitbewerber durchgesetzt haben.

Wer die Fabrikstrasse entlangspaziert, trifft bei der Nummer 16 ein mit Transparenten bunt behängtes Haus an. «Schlankes Riegwerk mit Backsteinausfachung und brettverschalter Traufseite», heisst es im Inventar der städtischen Denkmalpflege. Neben den modernen Neubauten der Pädagogischen Hochschule (PH) und den benachbarten Wohnhäusern wirkt die Alte Schreinerei aus der Zeit gefallen – das 1870 als Waggon-Fabrik der Firma Von Roll erbaute Gebäude ist denn auch tatsächlich eines der letzten Zeugen der industriellen Vergangenheit dieses Ortes.

Seit 2017 hatten sich hier Aktivisten des Vereins Fabrikool im Erdgeschoss eingerichtet, etwa mit einer Bibliothek oder einer offenen Werkstatt. Bis vor einigen Wochen kochten sie regelmässig für die Studenten in der unmittelbaren Nachbarschaft. Durch die Besetzer kam wieder Leben in die Liegenschaft, zuvor hatte der Kanton mangels Mitteln nur das Nötigste gemacht und vor allem dafür gesorgt, dass das von der Denkmalpflege als «erhaltenswert» eingestufte Gebäude nicht einstürzt. Hört man sich in der Länggasse um, erfährt man durchwegs Positives: «Sehr offen» hätten sich die Besetzer gegenüber der Bevölkerung gezeigt, heisst es.

«Wir sind keine Ausserirdischen, die jetzt in die Länggasse einfallen.»Michael Hebeisen Mitinhaber Hebeisen und Vatter Architekten.

Nach dieser durch einen Gebrauchsleihvertrag legalisierten Wiederbelebung soll nun also eine grosse Operation eine langfristige Lösung herbeiführen. In der Ausschreibung festgehalten war, dass das neue Projekt auch für das Quartier ein Gewinn sein soll. Im Erdgeschoss planen Hebeisen und Vatter nun einerseits ein Restaurant sowie kleine «Boxen» für junge Food-Unternehmen, eine Art «Markthalle». Weiter wichtig sind Räume, die dem Quartier offenstehen.

In den Obergeschossen soll es günstige Wohnungen für Studenten sowie Gäste geben, etwa Dozenten von Uni und der PH. Auch einen Lift wollen die Architekten einbauen, um zumindest einige Bereiche behindertengerecht zu gestalten. «Wir sind keine Ausserirdischen, die in die Länggasse einfallen», sagt Hebeisen. In der Jury zur Vergabe waren bereits Quartiervertreter involviert, auch in der nächsten Planungsphase wolle man sich mit dem Quartier austauschen und die Pläne entsprechend bereinigen, wie die Architekten sagen.

Kritische Besetzer

Weiterhin nicht einverstanden mit dem Vorgehen sind die Besetzer von Fabrikool. «Wir bleiben die nächsten 50 Jahre», schreiben sie kämpferisch auf ihrer Webseite. Sie sehen sich als eigentliche «Entdecker» des verfallenden Gebäudes, die jetzt wieder vertrieben würden.

Ganz falsch sei das natürlich nicht, sagt dazu der Co-Leiter des AGG, Kantonsbaumeister Angelo Cioppi. Natürlich sei man durch die Besetzung wieder neu auf das Gebäude aufmerksam geworden. Doch nicht nur der Kanton, sondern auch andere Interessenten seien durch die Belebung auf Ideen für die Nutzung des Gebäudes gekommen. Man sei deshalb nicht darum herumgekommen, mit einer Ausschreibung für Chancengleichheit unter allen Interessenten zu sorgen. Schliesslich gehöre das Gebäude dem Kanton und damit allen Steuerzahlern. Den Vorwurf der «Kommerzialisierung» der Räume lässt Cioppi nicht gelten: «Wir hätten das Haus auch einfach an den Meistbietenden verkaufen können.»

Noch müssen die Transparente an der Fassade nicht weg. Bis das Baugesuch bewilligt ist, dauert es etwa bis Ende 2019. Die Architekten rechnen mit etwas mehr als einem Jahr Umbauzeit. Bis die Arbeiten beginnen, bleibe der Baurechtsvertrag bestehen, sagt Cioppi.

(Der Bund)

Erstellt: 05.12.2018, 18:35 Uhr

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