Rüebli-Gate

Poller-Kolumnistin Hanna Jordi ist auf einen waschechten Lebensmittelskandal gestossen: Sie werden nicht glauben, woher das Wurzelgemüse stammt, das in diesem Restaurant serviert wird.

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Hanna Jordi

Sie kennen das; man trägt ein duftiges Wollteil und ist ganz zufrieden mit sich und der Welt, und dann bleibt man unversehens an etwas Gezacktem hängen. Die Maschen schnurren zusammen, der Strick bildet Hügel und Täler, und plötzlich ist Nachbarschaft, wo vorher Ferne war. Denselben Effekt habe ich kürzlich in echt erlebt. Selbst als halbwegs aufgeklärter Konsument ist man vor den Perversionen der Globalisierung nicht gefeit, lernte ich. Meist steht die Perversion schon leibhaftig am Gartenhag und reibt sich feixend den fetten Schmerbauch. Das ging so.

Aus zuverlässigen Gastronomiequellen hatte ich von einem waschechten Lebensmittelskandal erfahren. Ich will es mal so formulieren: Sie werden nicht glauben, woher die Karotten stammen, die in diesem Restaurant serviert werden. Die Antwort wird Sie schockieren. In einer Berner Gaststätte, so hiess es, würden Rüebli aus dem Senegal serviert. Auf der Karte, wie sich das für einen modernen Betrieb gehört, nur Wintergemüse ohne den Ruch langer Anfahrtswege. Aber dann, auf dem Teller: Speisewurzeln aus Westafrika. Ein unverzeihlicher Betrug. Schliesslich ist das Rüebli annähernd das einzige Gemüse, das die Schweiz im Winter zu bieten hat. Wer vom Schwarzwurzelrüsten schon ganz taube Hände hat und vom Topinambur Flatulenzen, der kann immer noch auf die Karotte ausweichen. Dieses Restaurant sei damit nicht allein, hiess es: Viele Gastronomen setzten auf Rüebli dieser Herkunft, schliesslich kosteten sie 20 Rappen weniger pro Kilo als ihre Seeländer Kollegen.

Natürlich sind die Zeiten vorbei, in denen man die in südostasiatischen Betrieben zusammengeschusterten Turnschuhe kaufen musste, um Globalisierung am eigenen Leib zu erfahren. Andauernd bricht die grosse Welt in unsere kleine ein. Für manchen Städter ist der nächstgelegene Verteiler nicht mehr Migros oder Coop, sondern Aldi, und Nordkorea hat es tatsächlich unter die Schausteller an der Berner Ferienmesse geschafft. Uns bringt nichts mehr so leicht aus der Fassung. Und trotzdem.

Man muss nicht Ueli Schmezer oder Jean Ziegler heissen, um sich über Rüebli aus dem Senegal zu entrüsten. Die Konsumenten hierzulande sollen sich mithilfe saisonaler Gastrokonzepte ein gutes Gewissen kaufen, werden dann aber an der Nase herumgeführt. Und im Senegal wird der heimische Gemüsemarkt mit hochsubventioniertem europäischem Gemüse aus dem Gleichgewicht gebracht, während der Überschuss auf Berner Tellern landet. Ein waschechter Lebensmittelskandal, so schockierend wie die Pferdelasagne 2013 und so verstörend wie die mit Bauchspeicheldrüse gefüllten Ravioli 1978. Weltzusammenhänge werden unmittelbar. Das Grosse im Kleinen, die Welt ist ein Dorf. Ich sah bereits die Schlagzeilen vor mir: «Rüebli-Gate!»

Es war dann lange still am Telefon, denn der Gemüsehändler verstand nicht ganz. Er liefere seinen Kunden nur Rüebli aus der Schweiz, gerade mal Erdnüsse stammten gelegentlich aus Westafrika. Das Herkunftskürzel sga stehe natürlich nicht für Senegal. Sondern für «Suisse Garantie». War ich enttäuscht? Ein bisschen. Und erleichtert? Sehr. Die Wahrheit ist mal wieder viel banaler als die Fantastereien, die unsere globalisierungsgeprüften Köpfe produzieren. Aber auch viel einfacher zu schlucken.

Hanna Jordi ist Leiterin des Online-­Ressorts und wartet zurzeit geduldig auf den Beginn der Spargelsaison.

DerBund.ch/Newsnet

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