Rot-grüne Klientelwirtschaft

In Bern werden Zwischennutzer wieder mal zu Endnutzern. Das Vorgehen im Fall alte Feuerwehrkaserne ist besonders dreist.

Normalerweise ist der «Löscher» voll.

Normalerweise ist der «Löscher» voll. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Niemand bezweifelt, dass die Zwischennutzung in der alten Feuerwehrkaserne eine gute Sache ist. Der «Löscher» ist zu einem Quartiertreffpunkt geworden. Und schon manch ein verzweifelter Hausmann war froh, im Elektroladen Heicho die passende Birne zu finden. Die übrigen 24 Projekte in der alten Feuerwehrkaserne richten sich aber eher an engere Kundensegmente. Ingwerschnaps oder das Absolvieren eines Boxtrainings sind nicht jedermanns Sache. Und war da nicht noch was mit strickenden Künstlern im einstigen Schlauchturm? Das Rätselraten zeigt: Einleuchtend scheinen nur die wenigsten der heutigen Nutzungen zu sein.

Ein Denkmal für Aebersold?

Gemeinderat Michael Aebersold (SP) sieht das anders. Er ist vom Gesamtpaket des Angebots in der alten Feuerwehrkaserne derart begeistert, dass er die Zwischennutzer flugs zu Endnutzern erkürt. Vor knapp einem Monat hat er sich noch gegen die Gewerbler gestellt, die mit einer Petition den drohenden Auszug verhindern wollten. Es sei wirklich eine «gute Sache», die in der alten Feuerwehrkaserne auf die Beine gestellt worden sei, sagte Aebersold gegenüber dem «Bund». Für ihn sei aber klar, dass ein Wettbewerb durchgeführt werden müsse.

Auch heute findet Aebersold das Projekt eine «gute Sache». Aber irgendetwas scheint bewirkt zu haben, dass er von einem «herkömmlichen Investorenwettbewerb» nun absehen möchte. Was genau zum Gesinnungswandel von Berns oberstem Liegenschaftsverwalter geführt hat, bleibt im Dunkeln. Hat er sich der satten rot-grünen Mehrheit in Gemeinde- und Stadtrat entsonnen? Oder will er sich ein erstes Denkmal setzen? Mit dem Areal lasse sich ohnehin keine grosse Rendite erzielen, begründet Aebersold seinen Wandel. Zugleich beteuert er, dass mit dem Objekt nicht «spekuliert» werden dürfe. Die Argumentation ist seltsam widersprüchlich. Ist die Feuerwehrkaserne nun eine potenzielle Niete am Immobilienmarkt oder droht sie zum Spekulationsobjekt zu werden?

In Bern gelten andere Regeln

Aebersolds konfuse Argumentation zeigt seinen Erklärungsnotstand. In jeder anderen Schweizer Stadt ist es nicht die Exekutive, die Fragen nach der Rentabilität einer Liegenschaft beantwortet, sondern der Markt. Und um den Markt zu testen, werden in der Regel Investorenwettbewerbe durchgeführt. Das war bis vor ein paar Jahren auch in der Stadt Bern so – zum Beispiel beim Progr. Zwar wurde dort das Resultat des Wettbewerbs durch einen Volksentscheid zugunsten der kulturellen Zwischennutzung wieder gekippt. Aber es fand zumindest noch ein Wettbewerb statt.

«Manchmal pokert man»

Bei der alten Feuerwehrkaserne hält der Gemeinderat es aber nicht einmal mehr für nötig, zumindest den Schein eines korrekten Verfahrens zu wahren. Er gibt das Areal direkt den Zwischennutzern vom Verein Alte Feuerwehr und der Genossenschaft Central, die sich Ende 2014 noch als Endnutzer empfohlen hatte. Pikant aus heutiger Sicht ist die Begründung, mit der sich die Genossenschafter als Endnutzer empfohlen hatten: Man befürchte einen zweiten Fall Progr, wo die Zwischennutzer das Gebäude ganz übernommen haben, sagte Sprecher Adrian Iten. Heute nun führt die Genossenschaft just jenes Szenario herbei, vor dem sie sich einst gefürchtet hatte. «Manchmal pokert man im Leben», sagte ein gewerblicher Zwischennutzer letzten Sommer im «Bund». Er habe einiges investiert und hoffe, noch länger in der Feuerwehrkaserne bleiben zu können. Heute kann er feststellen, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Rückblickend betrachtet war das Risiko aber nicht allzu gross: Wer in Bern an einer Zwischennutzung teilnimmt, hat gute Chancen, auch dort bleiben zu können – sofern die Liegenschaft der Stadt Bern gehört. Das ist den «Gewinnern» durchaus zu gönnen. Auf der Strecke bleibt dabei aber die Glaubwürdigkeit des Gemeinderats. Er lässt das Wettbewerbswesen zugunsten sympathischer Projekte verludern. So etwas nennt man Klientelwirtschaft. (Der Bund)

Erstellt: 06.05.2017, 09:11 Uhr

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