Das Kulturzentrum erwacht aus dem Sommerschlaf

Am Donnerstag öffnet die Reitschule wieder ihre Tore. Um vorhandene Probleme zu entschärfen, setzt das Kollektiv auf eigene Ansätze und stellt auch Forderungen an die Behörden.

Die Reitschule öffnet ihre Tore am Donnerstag wieder.

Die Reitschule öffnet ihre Tore am Donnerstag wieder. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Die Reitschule Bern lädt ein zum Stadtrundgang mit anschliessender Wiedereröffnung. 4.8.2016 18:30 Grosse Schanze Bern», schreiben die Betreiber des Kulturzentrums am Dienstag auf Facebook und Twitter:

Nach der einmonatigen Schliessung sollen die Tore der Reitschule also morgen wieder geöffnet werden. In einem offenen Brief an «Freunde, Besucher und Medien» erklärt das Kollektiv, dass die Schliessung zwar viel zu kurz gewesen sei, die Reitschule den Ort nun aber wieder aktiv beleben wolle. Ein vorgängiger Stadtrundgang solle zudem zeigen, dass die Vorplatz-Probleme der heutigen Gesellschaftsform entsprängen und auch an anderen Orten in der Stadt sichtbar seien.

Im Brief werden vom Reitschulkollektiv denn auch Ansätze formuliert, um bestehende Probleme selber aktiv anzugehen. So sollen Grundsätze des Manifests in verschiedenen Sprachen visualisiert werden. Ebenso wolle man einen Informationsstand respektive eine Anlaufstelle schaffen und in Zukunft aktiver mit den Besuchern kommunizieren. Damit dieser Plan funktioniert, werden künftig auch mehr Mitarbeiter vor Ort sein. Weiter setzt die Reitschulgruppe auf eine proaktive Haltung der Besucher, die bei allfälligen Verletzungen des Manifests selber eingreifen sollen, und sie will gemeinsam mit der Stadt nach konstruktiven Lösungen suchen.

Forderung nach unabhängiger Ombudsstelle

Den grössten Platz im offenen Brief der Reitschulgruppe nehmen jedoch die Forderungen an die städtischen Behörden und die Polizei ein. Zu den Punkten Politik und Behörden, Drogen und Deal, Jugendarbeit und Stadtleben und Polizei listet die Reitschule viel Kritik und auch Vorschläge zur Veränderung auf. «Die Stadt muss einsehen, dass es Probleme gibt, die durch ihre Politik zur Reitschule hin verlagert werden», schreibt das Kollektiv beispielsweise. Etwas konkreter wird die Gruppe bezüglich der Drogenproblematik. So wird unter anderem gefordert, dass weitere Drogenanlaufstellen eröffnet und die problematischen Situationen im Berner Oberland und im Kanton Freiburg gelöst werden müssten.

Auch bezüglich der Einsätze der Polizei stellt die Reitschule einige Forderungen auf. Diese solle «endlich zur deeskalierenden Haltung zurückkehren». Das «fehlende Fingerspitzengefühl» der Polizei führe oftmals dazu, dass sich die Situation auf der Schützenmatte mit deren Eintreffen verschlimmere. Daher verlangt das Kollektiv nach einer unabhängigen Ombudsstelle, welche bei Problemen mit den Behörden oder der Polizei konsultiert werden kann und bei Konflikten die Mediation übernimmt.

Keine Zusammenarbeit mit Polizei

Gemäss Walter Langenegger, Leiter des Informationsdienstes der Stadt Bern, steht Stadtpräsident Alexander Tschäppät mit der Reitschule in Kontakt. Zu den internen Gesprächen, welche nach der Schliessung der Reitschule stattfanden, sei die Stadt aber nicht eingeladen worden. Über die geplante Wiedereröffnung wurde der Stadtpräsident vor ein paar Tagen informiert. Ausserdem sei ihm mitgeteilt worden, dass die Reitschule zukünftig «diverse Punkte» thematisieren wolle. Keine vertiefte Auskunft erhielt der «Bund» von Sicherheitsdirektor Reto Nause: «Ich nehme die geplante Wiedereröffnung zur Kenntnis und hoffe, dass sich eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Behörden einstellt.»

Kein Thema für die Reitschule scheint nach wie vor die Zusammenarbeit mit der Polizei zu sein: Gemäss Ramona Mock, Mediensprecherin der Polizei Bern, haben seit der Schliessung keine Gespräche mit der Reitschule stattgefunden, «obwohl wir dies begrüssen würden». Untätig wird die Polizei aber dennoch nicht bleiben. Laut Mock wird man die Lage um die Reitschule weiterhin beobachten und bei Bedarf Massnahmen ergreifen. Dazu, wie diese Massnahmen konkret aussehen werden, wollte die Polizei keine Angaben machen. Auch in Bezug auf Massnahmen hinsichtlich des geplanten Stadtrundgangs schweigt sich die Polizei aus. Für den Rundgang wurde laut der zuständigen Behörde auch noch keine Bewilligung eingeholt.

Auch bei Stadt- und Kantonspolitikern wird die Wiedereröffnung der Reitschule diskutiert. Der Berner SVP-Nationalrat Erich Hess, ein langjähriger Gegner der Reitschule, sagt: «Ich bezweifle, dass sich in puncto Sicherheit etwas geändert hat.» Solange die Strukturen innerhalb der Reitschule gleich blieben und niemand die Verantwortung habe, werde sich nichts ändern. Er befürchte ausserdem, dass es im Rahmen des Stadtrundganges zu Sachbeschädigungen kommen werde. Die Jungen Grünen des Kantons Bern hingegen finden die Wiedereröffnung der Reitschule gut. Wichtig sei jedoch, dass die Pause nicht als Trotzaktion, sondern vielmehr als Appell wahrgenommen werde. «Die Stadt muss jetzt mehr auf die Reitschule zugehen und soll die Investitionen für die Sicherheit auch wertschätzen», sagt Co-Präsident Salim Staubli.

Schliessung nach sexuellem Übergriff

Vor rund einem Monat verkündete die Reitschule überraschend, dass ihre Tore «bis auf Weiteres» geschlossen bleiben. In einem Schreiben begründete sie den Entscheid damit, dass der Vorplatz zunehmend «Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Probleme» geworden sei. Verantwortlich dafür sei eine verfehlte «Jugend-, Nachtleben-, Sicherheits-, Drogen- und Asylpolitik der Stadt Bern, des Kantons und des Bundes». Im Nachhinein wurde klar, dass in der Nacht vom Freitag, 9. Juli, auf den Samstag, 10. Juli, ein sexueller Übergriff im Umfeld der Schützenmatte stattgefunden hatte. Gemäss Polizei sind die Ermittlungen zu diesem Vorfall nach wie vor im Gang. (Der Bund)

Erstellt: 02.08.2016, 17:22 Uhr

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