Reitschule: Ein Akt der Selbstvergewisserung

Der Krawall eines kleinen Grüppchens hilft auch den friedlichen Reitschülern, ihr Bild des autonomen Kulturzentrums aufrechtzuerhalten. Ein Blick zurück.

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Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Ritual. Wann immer in Bern der Konflikt um die Reitschule wieder an die Oberfläche kommt, fällt nach kurzer Zeit dieser Begriff. Die fast wöchentlich stattfindenden Scharmützel mit der Polizei: ein Ritual. Brennende Barrikaden und schwere Ausschreitungen wie am vergangenen Wochenende: ein Ritual. Die anschliessenden Schuldzuweisungen zwischen Reitschule und Polizei: ein Ritual. Und die unvermeidliche Debatte im Stadtrat donnerstags darauf: ein Ritual.

Im Zusammenhang mit der Reitschule ist der Begriff immer despektierlich gemeint. Medienschaffende benutzen ihn, um alle möglichen Aspekte des Reitschulproblems zu beschreiben. Und Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) bezeichnet so die immer gleichen Voten von links und rechts im Stadtparlament. Vielleicht aber trifft der Begriff die Sache besser, als manche denken, die ihn benutzen. Vielleicht sind die Krawalle um die Reitschule wirklich genau das: ein Zeremoniell, ein immer gleichbleibendes, regelmässiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung, oder eben: ein Ritual. Ein Ritual, ohne das die Reitschule nach ihrem heutigen Selbstverständnis nicht existieren könnte.

Warnung vor «Schlägertrupps»

Die Ereignisse des letzten Wochenendes sind exemplarisch. Weil es in den vergangenen Wochen verschiedene Gewaltdelikte gegeben habe, markiert die Polizei am Freitagabend auf der Schützenmatte Präsenz. Plakate warnen die Reitschule-Besucher bald darauf vor «Polizei-Schlägertrupps». Eine spontane Demonstration wird von der Polizei aufgelöst. 24 Stunden später der grosse Knall: Auf der Schützenmattstrasse brennt eine Strassenbarrikade. Vermummte bewerfen die anrückenden Polizisten und später auch die Feuerwehrleute vom Dach der Reitschule aus mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern. Elf Polizisten werden verletzt.

In den Tagen darauf geht das Ritual weiter. Der Polizeichef sagt, seine Leute seien in einen «Hinterhalt» gelockt worden und die Aktion sei «akribisch» geplant gewesen. Die Mediengruppe der Reitschule verschickt eine Mitteilung, in der sie die Angriffe auf Feuerwehrleute verurteilt, nicht aber jene auf Polizisten. Gezeichnet: «Peace & Love». Die Rechte im Stadtparlament verurteilt die Ausschreitungen und fordert die sofortige Schliessung des Hauses (auch von Sprengen war schon die Rede). Die Linke verurteilt die Ausschreitungen und weist darauf hin, dass die Kulturbetriebe aber nichts dafür könnten und deshalb nicht bestraft werden dürften.

Der Gemeinderat, der Reitschule mehrheitlich wohlgesinnt, verurteilt die Ausschreitungen «aufs Schärfste» und droht Konsequenzen an. Diese fallen diesmal weitreichender aus als sonst: Bis auf weiteres sollen die Betreiber von der Stadt kein Geld mehr erhalten – es geht um mehr als 30 000 Franken pro Monat. Was auf den ersten Blick nach einer harten Strafe aussieht, ist womöglich aber von begrenzter Wirksamkeit.

Die Reitschule hat von der Stadt nie Geld überwiesen bekommen, sondern erhält ihre Subventionen, indem die Stadt auf die Miete für das Gebäude verzichtet. Tut die Stadt das nicht mehr, macht die Reitschule Schulden und müsste als Mieterin, die nicht bezahlt, irgendwann aus der Liegenschaft geworfen werden. Dieses Szenario dürfte einigen Reitschülern gar nicht so unsympathisch sein, denn in ihrem Selbstverständnis, das machten sie gestern vor den Medien einmal mehr klar, halten sie das Gebäude nach wie vor besetzt.

Die SVP forderte berittene Polizei

Um das zu verstehen, muss man zurückblenden: Es war am 20. Juni 1980, als die Gruppierung «Kulturguerilla Bern» zur ersten «Demo» aufrief. Drei Wochen zuvor hatte der Opernhauskrawall in Zürich das Land aufgeschreckt. Nun bewegte sich die Jugend auch in Bern. Gegen 300 kamen zur ersten Demonstration und lieferten sich einen ersten Kampf mit der Polizei. Ihre Forderung: Ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ). Solange sie keines hatten, demonstrierten sie weiter, immer wieder, bis zu 2000 Leute – von einem «heissen Sommer» sollte später die Rede sein.

In der Stadt lagen bald die Nerven blank. Der Gemeinderat zeigte Dialogbereitschaft, und im Parlament war von einem «berechtigten Anliegen der Jugend» die Rede. Die Demonstrierenden aber liessen sich nicht beruhigen, sodass die SVP berittene Polizei forderte und gar von ein Armeeeinsatz ein Thema war. Auch der «Bund» heizte die Stimmung an, indem er unter Bezug auf anonyme «Zuständige» berichtete, die Bewegung sei «aus dem Ausland gesteuert».

Eine bizarre Episode

Von Februar bis Oktober 1981 gab es ein provisorisches AJZ in einem besetzten Haus an der Taubenstrasse. Anschliessend bekam die Bewegung erstmals eine legale Heimat: die Reitschule. Anfangs besuchten jedes Wochenende bis zu 2000 Leute das AJZ, mehr als 150 engagierten sich in den Arbeitsgruppen. Doch die Euphorie währte nicht lange. Bald fiel das Haus vor allem durch Chaos und die vielen Drogenabhängigen auf, die dort verkehrten.

Den Rest gab dem hart erkämpften «Freiraum» im April 1982 eine bizarre Episode: Ein Punk stahl im Drogenrausch einen Kranich aus dem Tierpark Dählhölzli und briet ihn vor der Reitschule. Die Stadt schloss das AJZ und liess die Polizei dafür sorgen, dass die Hinausgeworfenen draussen blieben. Im März 1983 gab es die letzte Demonstration, dann war die Berner Bewegung fürs Erste Geschichte.

Ein Punk stahl im Drogenrausch einen Kranich aus dem Tierpark Dählhölzli und briet ihn vor der Reitschule.

«Heiss» wurde es wieder im Herbst 1987. Am 24. Oktober besetzten rund 1000 Jugendliche die seit der Räumung 1982 leer stehende Reitschule und forderten erneut ein AJZ. Danach überstürzten sich die Ereignisse, und sie waren eng verknüpft mit einem zweiten Kampfplatz: Zwei Jahre zuvor hatten Teile der bewegten Jugend auf dem Gaswerkareal im Marzili ein Zelt- und Wagendorf errichtet, das «Freie Land Zaffaraya». Nun waren sie angehalten, ihr illegales Lager bis am 15. November zu räumen. Zwei Wochen vor Ablauf dieser Frist solidarisierten sich die AJZ-Befürworter mit den Zaffaraya-Bewohnern.

Gummischrot und Tränengas

Am 17. November liess die damals noch bürgerlich dominierte Stadtregierung das Hüttendorf von etwa 200 Polizeigrenadieren räumen – die Bewohner hatten Barrikaden errichtet und warfen Pflastersteine, die Polizisten antworteten mit Gummischrot und Tränengas. Am Abend zogen etwa 1000 Leute protestierend durch die Stadt. In den folgenden Tagen gingen immer mehr Menschen auf die Strasse, und am 20. November kam es zu einer Grossdemonstration mit etwa 10 000 Teilnehmern. Am selben Tag stellte der Gemeinderat der Interessengemeinschaft Kultur in der Reitschule (Ikur) eine provisorische Nutzung des Gebäudes als AJZ in Aussicht. Am 24. Dezember wurde die Reitschule wieder als AJZ geöffnet.

Die Ikur, ein Verein, ist noch heute die Dachorganisation all jener, die sich in der Reitschule engagieren. Sie tritt der Stadt gegenüber als Vertrags- und Verhandlungspartnerin auf und ist oft gemeint, wenn jemand «die Reitschule» sagt. «Die Reitschule» aber gibt es im Grunde genommen nicht, denn sie besteht aus weitgehend autonomen Arbeitsgruppen. Wichtige Entscheide wiederum kann nur die Vollversammlung treffen, und zwar basisdemokratisch, das heisst entschieden wird erst, wenn sich alle einig sind.

Kein Chef und keine Hierarchie

Das alles macht die Reitschule nicht nur träge, sondern auch schwer fassbar. Es gibt keinen Chef und keine Hierarchie. Niemand übernimmt für etwas alleine die Verantwortung, niemand gibt alleine ein Interview, und niemand will einer Gruppe innerhalb der Reitschule bestimmte Attribute zuschreiben. So bleibt auch diesmal unklar, wer die Leute sind, die Samstagnacht aufs Dach stiegen, um Polizisten und Feuerwehrleute mit Steinen zu bewerfen. Ihr wisst, wer diese Leute sind, ihr müsstet es nur sagen, tönt es von Polizei und Politik. Woher sollen wir es wissen, sie waren ja vermummt, antworten die Reitschüler.

An der Haltung der friedlichen Reitschüler zeigt sich das Dilemma

An der Haltung der (vielen) friedlichen Reitschüler gegenüber den (wenigen) gewaltbereiten zeigt sich das Dilemma, in dem die Reitschule heute steckt. In den 80ern haben die damals Bewegten den «Freiraum» einer bürgerlich dominierten Stadt abgetrotzt. Ziel und Gegner waren klar. Heute ist es komplizierter. Seit mehr als 20 Jahren ist Bern rot-grün. Fünfmal haben sich die Stimmbürger für die Reitschule ausgesprochen. Viele Freiheiten, um die damals hart gekämpft wurden, sind heute selbstverständlich.

Ansammlung von Ausgehlokalen

Man kann die trotzdem immer wiederkehrenden Krawalle als einen Akt der Selbstvergewisserung lesen. Ein kleines Grüppchen vereinfacht sich die Realität so lange zurecht, bis auch der heutige Gemeinderat und die heutige Polizei ein Feindbild abgeben, gegen das es sich zu kämpfen lohnt.

Die grosse Mehrheit sieht das zwar pragmatischer, doch hilft der Krawall auch den Friedlichen, ihr Bild der Reitschule als Ort der Auflehnung aufrechtzuerhalten. Sie heissen die Gewalt nicht gut, aber sie mögen sie auch nicht in aller Deutlichkeit verurteilen oder gar der Polizei helfen, die Randalierer zu fassen. Ohne das Ritual wäre die Reitschule nichts anderes mehr als eine Ansammlung erfolgreicher Ausgehlokale. Deshalb suchen auch die nicht militanten Reitschüler die Schuld bei der Polizei und nicht bei denen, die die Steine geworfen haben.

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