Reichen-Bashing für Arme

Steuern hinterziehen ist nicht in Ordnung. «Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi weiss, was Schuppenflechte, Hooligans und Offshore-Investoren gemeinsam haben.

hero image
Hanna Jordi

Es ist ein seltsames Timing: Kurz vor seinem 100-Tage-Jubiläum als Finanzminister lässt sich Ueli Maurer eine Aussage entlocken, die einigermassen ratlos macht: Offshore-Geschäfte seien eine legitime Einrichtung für reiche Menschen, da diese ohnehin sehr hohe Steuern bezahlten, so der Bundesrat im «Blick»-Interview. Nun müsste man eigentlich denken, der Finanzminister habe ein Interesse an Steuereinnahmen, die dem Vermögen der Steuerzahler entsprechen und nicht nur einem Bruchteil davon. Dass es ihm nicht egal sei, wenn reiche Mitmenschen Teile ihres Vermögens am Fiskus vorbeischleusen.

Da dem nun nicht so ist, muss man sich fragen: Wen wollte er mit diesen Aussagen beeindrucken? Die Reichen natürlich. Denn die haben derzeit ein bisschen Pflege nötig. Jemand muss ihnen die teuer bezwirnten Schultern tätscheln, so schwer, wie sie es haben. Alle Welt will ihnen den Kaviar madig machen, seit die Enthüllungen über die Panama Papers begonnen haben. Jetzt bloss nicht überreagieren, sagen diejenigen, die die nachhaltige Anziehungskraft des Schweizer Finanzplatzes im Blick haben, und: Stoppt das Reichen-Bashing!

***

Was sie nicht realisieren, ist, dass die Öffentlichkeit nicht Reiche basht, sondern schlicht keine Steuerhinterzieher mag. Man möchte es ihnen erklären: Nicht jeder Reiche ist ein Steuerhinterzieher, und nicht jeder Steuerhinterzieher ist reich. Aber es gibt eine Schnittmenge, und dort sollte man hinschauen, zumal wenn man Finanzminister ist.

Nebenbei bemerkt, Bashing ist ein tolles Wort. Leider gibt es keine gute Entsprechung auf Deutsch, weil schlechtmachen klingt wie das, was jugendliche Troublemaker tun, wenn sie am Sonntagnachmittag vor dem Burger King stehen und dicke Menschen triezen, also nicht vergleichbar. Bashing ist keine objektive Grösse. Bashing ist ein Vorgang, den eine bestimmte Klientel feststellt und dann beanstandet. Also zum Beispiel SP-Politiker das SP-Bashing oder SVP-Wähler das SVP-Bashing in Schweizer Medien. Oder vom Kreml bezahlte Kommentarschreiber das Putin-Bashing. Bashing unterstellt eine ungerechtfertigte Kampagne, eine Überreaktion. Im Fall Maurer: Er beklagt den «Medien-Hype» und sagt: «Die reichen Leute bezahlen viel mehr Steuern als ich.» Arme Reiche. Man zwingt sie regelrecht dazu, Steuern zu hinterziehen.

***

Womit sich die Reichen trösten können: Immerhin haben sie das Zeug, um gebasht zu werden. Nicht alle haben das. Um gebasht werden zu können, muss die Zielperson oder Zielgruppe zumindest ein bisschen umstritten sein, also sowohl über Kritiker als auch über Befürworter verfügen. Personengruppen, über die eine recht einheitliche Meinung herrscht, können nicht gebasht werden. Hooligan-Bashing, Zecken-Bashing, Nazi-Bashing, Schuppenflechten-Bashing, all das existiert nicht. Sie haben schlicht zu wenig Fürsprecher.

Zwei Beispiele. Wenn sich jemand erfrecht zu sagen, den Ausschreitungen zwischen Fans des HC Lugano und des SC Bern in der Postfinance-Arena könnten gar keine verbalen Provokationen vorausgegangen sein, weil SCB-Hooligans des Italienischen bekanntermassen gar nicht mächtig seien, dann ist das KEIN Bashing. Wenn jemand behauptet, Steuerhinterzieher litten generell und chronisch unter Mundgeruch und Diarrhoe, dann ist das KEIN Bashing. Dann sind das bloss handelsübliche Schmähungen in Richtung emotional herausgeforderter Sportveranstaltungsbesucher und Offshore-Spekulanten. Ja, Reiche können immerhin gebasht, Steuerhinterzieher nur beleidigt werden. Arme reiche Steuerhinterzieher.

Hanna Jordi arbeitet beim «Bund» und möchte gern so viele Steuern zahlen wie Bundesrat Maurer. Investitionsvorschläge nimmt sie entgegen unter: hanna.jordi@derbund.ch.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...