Grosse Trauer in der Bundesstadt

Sie hätten ihm doch so gerne mehr Zeit gegönnt: Von Sommaruga bis Reitschule trauern alle um Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät.

Er machte sich auch gerne über sich selber lustig: Alexander Tschäppät mit Indianerschmuck an seinem Abschiedsapero.

Er machte sich auch gerne über sich selber lustig: Alexander Tschäppät mit Indianerschmuck an seinem Abschiedsapero.

(Bild: Manu Friedrich)

Eben erst als Stadtpräsident zurückgetreten, jetzt schon verstorben: In der Bundesstadt wird der Tod des ehemaligen Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät mit grosser Bestürzung zur Kenntnis genommen. In ersten Reaktionen bedauern Weggefährten, politische Gegner und Freunde insbesondere den Zeitpunkt so früh nach seinem Rücktritt. Und sie erinnern daran, mit welchem grossen Engagement Tschäppät Bern bewegt und verändert hat – mit Elan, Witz und risikofreudig.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga reagierte auf dem sozialen Medienkanal Twitter: «Bern ohne Alex Tschäppät ist unvorstellbar. Und sehr schmerzhaft.» Tschäppät hinterlasse eine «grosse Leere», schreibt die SP-Magistratin. Er sei ein «leidenschaftlicher Politiker» gewesen, der die «Menschen liebte». Nichts sei ihm zu viel gewesen, wenn es um die Bernerinnen und Berner ging, auch um die Schwächsten. «Er hat für uns gesorgt wie ein Vater. Jetzt müssen wir ihn gehen lassen.»

Sommaruga umarmt Tschäppät bei seinem Abschiedsapero als Stadtpräsident. Bild: Manu Friedrich

Die Präsidentin der Grünen Schweiz, Regula Rytz, und die ehemalige Kollegin in der Berner Stadtregierung von 2005 bis 2012, sagt:« Dass er ausgerechnet jetzt, wo er den Unruhestand in seinem geliebten Bern geniessen wollte, gehen muss, beschäftigt mich sehr». Denn, so Rytz: «Bern ist mit Alexander Tschäppt von der langweiligen Beamtenstadt zur pulsierenden Hauptstadt geworden.» Und damit meint die Nationalrätin, dass es Tschäppät war, der die «Hauptstadt im Taschenformat» mit Optimismus, Selbstbewusstsein und Grosszügigkeit in eine andere Liga gespielt habe.

Der ehemalige Stadtpräsident Tschäppät habe mit Ehrgeiz grössere Events, Sportveranstaltungen und kulturelle Anlässe nach Bern geholt. Damit sei er auch vor Risiken nicht zurückgeschreckt, zuletzt etwa dann, als es darum ging die umstrittenen Gurlitt-Bilder nach Bern ins Kunstmuseum zu holen. Daher, so Rytz, sei Tschäppät «ein Vorbild» für alle Bürgerinnen und Bürger: «Er hat gezeigt, dass sich Engagement für das Gemeinwohl lohnt und dass man es auch witzig und nicht nur staubtrocken anpacken kann.»

Regula Ritz bei einer Pressekonferenz mit Alexander Tschäppät.

«Es gibt keinen Stadtpräsidenten in der Schweiz, der nicht Tschäppät als Vorbild hat», sagt der amtierende Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried. Wie Tschäppät sich mit Haut und Haar für das Wohl der Stadt eingesetzt habe, sei einzigartig. Er sei ihm ein wichtiger Gesprächspartner gewesen, sagt von Graffenried weiter. So hatten sich die beiden jeweils zum Essen verabredet, und gemeinsam die wichtigsten Fragen der Stadtentwicklung besprochen. «Tschäppät ass dazu gerne Moules», erinnert sich der Stadtpräsident.

Auch in Gedanken an ihn werde man nun die YB-Meisterfeier ausrichten. «Tschäppät hat es geschafft, dass die Stadt wieder mehr Lebensmut und Euphorie herrscht. Ohne ihn, wüssten wir vielleicht gar nicht, wie man einen solchen Titel feiert», sagt von Graffenried.

Tschäppät und von Graffenried bei der Amtsübergabe im Januar 2017

Der SP-Nationalrat Matthias Aebischer, der im Rat neben Tschäppät sass, ist bestürzt. Auch wenn er schon lange von der Krankheit wisse, habe ihn die Nachricht getroffen, sagt Aebischer. «Tschäppät hatte Humor bis zum Schluss», erzählt er. Noch in der letzten Session habe er Sprüche über seine Krankheit gemacht. So habe Tschäppät etwa die Todesanzeigen im «Bund» gelesen und sich darüber lustig gemacht, dass seine eigene noch nicht abgedruckt sei. Tschäppät habe neben seiner humorvollen, aber auch eine feinfühlige, verletzliche Seite gehabt, sagt Aebischer, diese Seite hätten nicht alle gekannt.

Der Grafiker und Freund Claude Kuhn, der auch Tschäppäts Wahlplakate designt hat, gestaltet nun dessen Todesanzeige. «Es war sein Wunsch», sagt Kuhn auf Anfrage. Er habe einen Karte mit blauem Balken gestaltet mit Tschäppäts Name drauf, ähnlich eines Berner Strassenschilds. Wenn jemand eine Stadt so geprägt habe, dann habe er eigentlich verdient, dass eine Strasse nach ihm benannt werde, so Kuhn, der mit Tschäppät in der Beratungsagentur «Büro für Angelegenheiten» arbeitete. Er werde Tschäppät als Ausbund von Lebensfreude in Erinnerung behalten, dessen grösste Qualität seine Selbstironie gewesen sei, sagte Kuhn.

Die SP Bern trauert in einer Mitteilung um den einstigen SP-Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät. Die Partei erinnert in der Mitteilung an seine Errungenschaften für die Stadt und nennt als Beispiel den autofreien Bundesplatz, den Baldachin, die EM 2008 in Bern, den Progr als definitive Lösung, die Rettung des Politforums, die bald autofreie Schützenmatte und sein Herzblut für die Reitschule. «Er hat es wie nur wenige Politiker verstanden, warme Herzlichkeit mit kühlem Verstand zu kombinieren», lässt sich SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann in einer Mitteilung der SP-Schweiz zitieren.

Vom frühen Tod ist auch die aktuelle Stadtratspräsidentin Regula Bühlmann(GB) betroffen. Bern verliere einen wunderbaren Menschen, der viel für die Stadt Bern getan habe, sagt sie. «Ich hätte ihm gerne nach seinem Rücktritt mehr Zeit gewünscht, um seine eigen Ideen zu verwirklichen.» Noch an der Bea-Eröffnung am Freitag sei ein Platz für ihn reserviert gewesen.

Auch der Lieblingsfussballclub von Tschäppät trauert um einen grossen Fan: «Der BSC YB wird Alexander Tschäppät in dankbarer Erinnerung behalten und entbietet den Angehörigen des Verstorbenen sein herzliches Beileid», heisst es in einer Mitteilung.

Alexandre Schmidt, ehemaliger Kollege in der Berner Stadtexekutive von 2012 bis 2016, sagt: «Es war ein enormes Privileg mit Alex zusammen in der gleichen Behörde zu wirken.» Der Freisinnige, der auch zu Tschäppäts politischen Gegner gehörte und ihn regelmässige mit eigenen Stellungnahmen herausgefordert hatte, findet auch: Tschäppät habe «Herz, Verstand, Kraft und Schalk» eingebracht. «Niemand kannte unsere Stadt so wie Alex.»

Der Journalist und Buchautor Wale Däpp, der eine Biografie über die Familie Tschäppät mitverfasst hat, sagt: «Alex Tschäppät liebte sein Bern und er lebte für Bern. Wer ihn dabei bloss als witzigen `Verkäufer` der Stadt und als Sprücheklopfer wahrgenommen hat, wird ihm allerdings nicht gerecht. Neben seiner schrillen hatte er auch eine stille Seite. Wer ihn gekannt hat, wird nun nicht nur den langjährigen Berner Stadtpräsidenten, sondern auch den sensiblen Menschen hinter diesem Amt vermissen. Er hätte es verdient, die Zeit der Pensionierung geniessen zu können.»

«Noch kaum je hat sich jemand derart hingegeben für die Stadt Bern. Tschäppäts Bern-Liebe war echt und tief empfunden. Davor habe ich grossen Respekt», sagt Bernhard Giger, Leiter Kornhausforum und Berner Fotograf, Filmemacher und Journalist. Grossartiges geleistet habe er beim Wohnungsbau. In Tschäppäts Amtszeit sind gegen 2000 neue Wohnungen entstanden.

Und schliesslich kondoliert auch das Kulturzentrum Reitschule, wo Tschäppät als Verhandlungspartner stets respektiert wurde:

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