Rambazamba als Standortfaktor

Internationale Studien zeigen: Wenn eine Stadt wirtschaftlich prosperieren will, sollte sie aufs Nachtleben setzen. Die Bedeutung der Clubs werde in Bern unterschätzt, beklagen hiesige Clubbetreiber.

Was in Berlins berühmtem Nachtleben gilt, habe auch im beschaulichen Bern Gültigkeit, finden hiesige Clubbetreiber.

Was in Berlins berühmtem Nachtleben gilt, habe auch im beschaulichen Bern Gültigkeit, finden hiesige Clubbetreiber.

(Bild: Reuters)

Richard Florida ist ein streitbarer Stadtplaner, der eine dezidierte Meinung zum Nachtleben hat: Im Standortwettbewerb hält er eine prosperierende Club- und Musikszene für bedeutender als die harten, konventionellen Faktoren – also etwa den Steuerfuss. Der amerikanische Soziologe ist der Ansicht, dass eine Stadt attraktiv sein müsse für Kreative und Talente. Gelingt dies, folge der wirtschaftliche Aufschwung. Um für die «creative class» attraktiv zu werden, empfiehlt Florida den Städten, für Toleranz, liberale Einstellung, Vielfalt und ein innovatives multikulturelles Angebot zu sorgen. Die Populärkultur spiele dabei eine grosse Rolle.

Floridas Theorie zeigt sich in Berlin in der Praxis: Während viele Wirtschaftszweige darbten, konnte der Club- und Veranstaltungsbereich im letzten Jahrzehnt ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichnen – und hat sich zum wichtigsten Standortfaktor entwickelt. Das zeigt eine Studie, welche die Berliner Verwaltung in Auftrag gegeben hat. Weitere wichtige Erkenntnisse sind:

•Clubs erzielen den höchsten Umsatzanteil mit Gastronomie (65 Prozent). Die Einnahmen durch Eintritte sind dagegen eher bescheiden (17 Prozent).

•Ungefähr zwanzig Prozent der Einnahmen werden über Touristen eingenommen. Die Bedeutung dieser Zielgruppe wächst ständig.

•Im Durchschnitt beschäftigten die Clubs zwölf Festangestellte, darüber hinaus zwölf bis dreizehn freiberuflich Tätige. Zudem arbeiten die Clubs pro Jahr im Durchschnitt mit 150 Künstlern, Musikern und DJs zusammen.

•Bei den Behörden fehlt es an der Bereitschaft, die Club- und Veranstalterszene als «konstruktiven Teil der Kreativwirtschaft anzuerkennen».

•Sorgen macht der Nachtleben-Szene die Gentrifizierung: Durch Bauvorhaben verschwinden Veranstaltungsorte, weil Stadtteile saniert oder abgerissen werden. Zudem sind auch in Berlin die Lärmkonflikte latent: Alle Unternehmen sind mit Beschwerden und Anzeigen aufgrund von Lärm konfrontiert.

Ins selbe Horn bläst eine weitergefasste Studie der Stadt Wien, welche die wirtschaftliche Bedeutung von «Kultur und Creative Industries» in sechs europäischen Metropolen vergleicht:

•Kultur nimmt einen prominenten Stellenwert in den Stadtentwicklungsstrategien von London, Berlin, Paris, Mailand und Barcelona ein.

•Die Wachstumszahlen der «Kreativindustrie» liegen bis zu 50 Prozent über den Wachstumsraten der jeweiligen Volkswirtschaften. Durch die Globalisierung und die weitere Verlagerung der Güterproduktion nimmt die Relevanz des Sektors noch mehr zu.

•Bei der Förderung des Kulturtourismus zeigt sich, dass Kulturpolitik auf Tradition und Moderne setzen soll.

Doch was können die beiden Studien über das beschauliche Bern aussagen? Einiges, findet Rolf «Bobby» Bähler, Mitbetreiber des Ausgehlokals Bonsoir. «Bern ist eine Hauptstadtregion mit überregionaler Ausstrahlung.» Betrachte man die Agglomeration und das Einzugsgebiet, habe Bern tatsächlich Metropolitancharakter, obwohl es die Bundesbehörden zunächst nicht zu den Metropolitanregionen dazuzählten. In Bereichen wie Verkehr oder Verwaltung werde diese Zentrumsfunktion anerkannt, im Bereich Nachtleben aber nicht. «Politiker sind widersprüchlich, die Bern gerne als Metropolitanregion sehen – im Nachtleben aber argumentieren, Bern sei halt nicht wie Zürich.»

Die Politik ignoriere die wachsende Relevanz der Musik- und Clubszene: «Die wirtschaftliche Bedeutung wird völlig ignoriert – auch von Wirtschaftsverbänden.» Die Nachtleben-Branche werde stets unters Gastgewerbe subsumiert: «Es findet keine Segmentierung statt.» Auch innerhalb der Ausgehlokale müsse unterschieden werden: «Wer sagt, dass die Schliessung des Sous-Soul nicht so tragisch sei, weil gleichzeitig das Le Ciel eröffnet habe, hat einfach keine Ahnung.» Bähler schlägt dieselbe Massnahme vor, die in Berlin ergriffen wurde: Politiker auf Clubtour zu schicken, um ihnen die Vielfalt des Ausgehlebens vor Augen zu führen.

Der Bund

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